Sowohl für das angebotsorientierte Standortmarketing als auch für nachfrageorientierte Standortvergleiche haben die in letzter Zeit häufiger genannten Vermögensbilanzen für sich alleine betrachtet noch keine ausreichende Aussagekraft. Grundsätzlich ist zu bedenken, dass in diesen Vermögensbilanzuen nur im Sinne einer kaufmännischen Buchführung handbare Standortvermögen ihren Niederschlag finden.Ein Standort ist mehr als nur die Addition aus buchbaren Einzelwerten, die der Kommune gehörenden Sachanlagen in Form von Gegenständen, Grundstücken, Immobilien, Straßen, Leitungen u.a. beigemessen werden. Vgl. hierzu Becker, Jörg: Standortindikatoren I, ISBN 9783839118238. Einen weitaus höheren Wert stellt das ebenso am Standort befindliche private Eigentum dar. Unabhängig davon muss man bereits im Bereich dieser sogenannten harten Faktoren auch mit Annahmen (z.B. Bodenrichtwerte, durchschnittlicher Lagewert eines Grundstückes) arbeiten). Viele Annahmen müssen dabei unter einem weit dehnbaren Interpretationsrahmen getroffen werden, da große Teile der in der Vermögensbilanz angeführten Sachanlagen unverkäuflich sind und für sie daher manchmal nicht einmal annäherungsweise, d.h. überhaupt kein Marktpreis feststellbar ist. Vgl. hierzu Becker, Jörg: Non Financial Standortbilanzen. ISBN 9783837062403. Zentrifugalen Standortprozessen auf der einen Seite steht auf der anderen Seite die neue Attraktivität und Renaissance der Innenstadtlagen gegenüber.
Chancen und Risiken lassen sich für einen Standort besser mit Hilfe einer Gesamtschau herausfinden und bewerten. Dabei müssen auf Grundlage einer mehrschichtigen Sichtweise alle Einflussfaktoren möglichst lückenlos einbezogen werden. Die Standortbilanz bietet eine umfassende, für jedermann verständliche Kommunikationsplattform, über die sich alle wichtige Akteure wie Stadtverwaltung, Projektentwickler, Betreiber, Investoren, Einzelhändler, Dienstleister oder Bürgervertreter vernetzen können. Vgl. Becker, Jörg: Immobilienwirtschaft des Standortes, ISBN 9783839123065. Beispielsweise wird der wertvolle Tierbestand eines Zoos vielleicht mit einem Erinnerungswert von 1 Euro angesetzt. Der gleiche für die Vermögensbilanz der Kommune ohne Bedeutung und Wert angesetzte Tierbestand kann jedoch für die gesamte Standortbilanz durch weiche Faktoren wie Attraktivität, Image, Anziehungskraft von sehr hohem Wert sein. Ein Kindergarten im Eigentum der Kommune kann je nach Lage des Grundstücks, Abschreibungsgrad der Gebäude usw. in deren Vermögensbilanz hoch oder niedrig bewertet werden. Dies interessiert jedoch weder das angebotsorientierte Standortmarketing noch die nachfrageorientierte Standortanalyse. Diese wollen und können derartige Einrichtungen weder verkaufen noch kaufen. Von Interesse aus Standortsicht ist allein, ob Betreuungsplätze in ausreichender Quantität sowie in ausreichender Qualität zur Verfügung stehen und ob für die Zukunft erwartet werden kann, dass solche auch systematisch/nachhaltig fortentwickelt werden. Ebenso wäre der Wert von im Eigentum der Kommune stehenden Exponaten in den Museen und Sammlungen für die Standortpartner ohne Bedeutung. Die Aufführung sich derart konträr darstellender Beispiele ließe sich daher beliebig fortsetzen.
Jörg Becker (www.beckinfo.de)