Deutschland im Crashtest
Wohin steuert Deutschland? Es bedarf keiner großen hellseherischen Fähigkeit vorherzusagen, wie Deutschland in einigen Jahren oder sogar Jahrzehnten aussehen wird. Gerade die jetzige Krise ist mehr als nur eine ökonomische, sie offenbart auch moralische Defizite unserer Gesellschaft und vor allem von Personen, die im Rampenlicht stehen und damit Vorbildfunktionen innehaben.Wir sind eine Volksgemeinschaft, so behauptet man zumindest. Doch wer genau hinschaut, erkennt den Zerfall, der bereits im vollen Gange ist. Gerade jetzt in der Krise werden Egoismen erbarmungslos aufgedeckt. Es scheint fast so, als wenn jeder gegen jeden seine Interessen durchsetzen will, weniger mit dem Blick auf das Ganze gerichtet.
Doch diese Entwicklung kam nicht von heute auf morgen, sie ist ein schleichender Prozess, der sich über die Jahre entwickelt hat. Unser heutiges Gesellschaftssystem wird mehr denn je von medialer Präsens bestimmt. Es sind dies Politiker, Spitzenmanager, aber auch bekannte TV-Personen, die im Rampenlicht stehen. Sie sind die modernen Vorbilder, die Leitpersonen, die allein durch ihre Anwesenheit, aber ebenso durch ihre Aussagen, gewollt oder ungewollt, eine Gesellschaft verändern
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Im Zuge von sicherlich notwendigen Rationalisierungsmaßnahmen haben besonders ökonomische Prinzipien das letzte Jahrzehnt auch inhaltlich mitbestimmt. Über Jahre hinweg wurde vor allem von Spitzenmanagern mehr Selbstverantwortung gepredigt, vor allem vor dem Hintergrund, damit die Lohnkosten zu drücken. So wurden im Zuge dieser Diskussionen Kosten zum Teil auf Lohnabhängige abgewälzt.
Aber die Deutschen hatten Verständnis dafür und haben, wenn auch mit Murren, zugestimmt. Es galt gemeinsam den Koloss Deutschland wieder fit zu machen. Mehr Kritik ernteten die jährlichen Gehaltserhöhungen von durchschnittlich 8 %, die sich die Wirtschaftsbosse in den vergangenen 15 Jahren selbst genehmigten, während sich die Masse mit faktischen Nullrunden zufrieden geben musste, auch bei Mehrarbeit.
Wer Verantwortung trägt und gute Leistung zeigt, wird eben auch gut bezahlt. Ein Argument, das vor allem immer wieder aus den Reihen der Spitzenkräfte der Wirtschaft ertönte, um damit ihre ausufernde Bezahlung zu rechtfertigen. Im Umkehrschluss heißt es denn auch: Wer wenig Verantwortung trägt oder weniger gut arbeitet, verdient eben auch weniger. Doch trifft das gerade bei den "Verantwortungsträgern" nicht zu.
Auch wenn diese Argumentation sicherlich einen großen Interpretationsspielraum lässt, so kann man zweifelsohne festhalten, dass ein paar dieser Spitzenkräfte, gerade aus dem Bankensektor mitverantwortlich für die heutige Wirtschaftsmisere sind. Sie haben nicht nur eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst, sie haben ein Vermögen in Höhe des Bruttosozialproduktes der gesamten weltweiten Volkswirtschaften eines Jahres vernichtet, indem sie Kredite in den USA vergaben, deren Rückzahlungen von Anfang an höchst zweifelhaft waren und auch indem sie mit Finanzprodukten jonglierten, die sie selbst nicht verstanden.
Doch dieses Missgeschick haben nicht sie bezahlt. Trotz der Verantwortung, die man sich selbst als Spitzenkraft immer zuschrieb, zog man es vor, die Allgemeinheit für ihre Sünden zahlen zu lassen.
Zudem ärgerlich ist es, dass deutsche Bankmanager die Immobilienkreditvergabe mit zweierlei Maß handhabten. Während man in Deutschland nur Kredite vergab, wenn Sicherheiten vorhanden waren, beteiligte man sich in den USA an höchst riskanten Immobilienkreditgeschäften, die nach deutschen Regelungen nie hätten zustande kommen dürfen. Aber das Geld lockte und verlockte. Es flossen auch Milliarden und die Boni der Manager waren hoch, bis das ganze System 2007 begann, wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Nur staatliche Hilfe verhinderte den Totalkollaps.
Einige Manager mussten gehen. Doch sie ließen sich ihr Ausscheiden aus den Führungsetagen teuer vergüten. Kein Zeichen von Reue, keines von Einsicht. Auf Millionenabfindungen wollte niemand verzichten. Rechtlich ist dagegen wahrscheinlich nicht viel zu sagen. Die moralische Botschaft, die von diesem Verhalten ausgeht, ist jedoch desaströs. "Wir machen die Gesetze, doch zahlen dafür müssen andere…" So oder ähnlich werden es viele verstehen. Nicht ganz zu Unrecht.
Wenn einem selbst die Möglichkeit gegeben werden sollte, wird man das Recht ebenfalls versuchen auszutricksen. Sicherlich zu Recht. Doch der einfache Bürger hat eben nicht die Möglichkeiten wie die an der Spitze stehenden Personen aus Wirtschaft und Politik. Frustriert saugt er sich stattdessen mit Hass voll: Hass gegenüber Spitzenmanagern, Hass gegenüber Politikern und gegenüber einer Gesellschaft, die zulässt, dass zumindest moralisches Recht massiv mit Füßen getreten wird.
Auch Politiker geben nicht immer ein positives Vorbild ab. Nicht selten verbergen sich hinter schönen Worten und Reden handfeste Eigeninteressen. Es lohnt sich die Vitae von einigen genauer zu betrachten, um Verflechtungen und Abhängigkeiten zu erkennen. Vielen geht es zudem einzig um Selbstdarstellung, immer den Blick auf die nächste Wahl gerichtet. Menschlich sicherlich verständlich, doch moralisch einmal mehr bedenklich.
Auch die Medien müssen sich den Vorwurf der Profitgier gefallen lassen. Unkritisch verbreiten sie Botschaften, die Führungspersonen von sich geben. So vermisst man beispielsweise in der Bildungsdiskussion den strukturellen Vergleich mit unseren Nachbarn. Schnell würde auffallen, dass deutsche Schulklassen viel größer sind und dass die deutschen Ausgaben für Schulbildung im europäischen Vergleich deutlich hinterherhinken. Aber wenn die Kanzlerin von einem Bildungsgipfel oder gar einer Bildungsoffensive spricht, dann sind diese Worthülsen allemal besser vermarktbar als die Realität.
Es scheint fast so, als wenn sich die in der Öffentlichkeit stehenden Personen und Einrichtungen ihrer Verantwortung als Vorbilder nicht bewusst sind, denn was uns zur Zeit vorgelebt wird, ist rechtlich vielleicht nur bedenklich, jedoch als kriminell für die Volksgemeinschaft anzusehen.
Man wird dem Staat und den staatlichen Institutionen noch weniger Glauben schenken und ihm den Rücken zukehren. Wir steuern auf ein System des Misstrauens zu. Deutsche Tugenden werden leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Wer nicht weiß, wo das enden wird, sollte einen Blick auf Italien werfen. Dort ist es normal, wenn jeder jedem außerhalb der eigenen Familie, des eigenen Bekanntenkreises, misstraut. Es herrscht ein System von vielen Kleingesellschaften, die nach außen egoistisch auftreten und vor allem dem Staat gegenüber misstrauisch denken und agieren.
Es ist zweifelhaft, ob Verantwortungsträger das auch in Deutschland herbeisehnen. Doch wahrscheinlich sind sie aus egoistisch-eitlen Motiven heraus nicht in der Lage ihr eigenes Handeln zu hinterfragen. Sie werden damit hauptverantwortlich für den schleichenden Prozess des moralischen Zerfalls unserer Gesellschaft.
Keine Frage. Wir fahren Deutschland vor die Wand.
ArneFrentzel
www.arnefrentzel.de.tl