Wie ein Swarovski - Strassstein mein neuer Glücksbringer wurde
Modenschauen, die von namhaften Labels inszeniert werden, sind bis ins kleinste Detail durchorganisiert. Doch was nützt die beste Vorbereitung, wenn am Tag der Aufführung ein Model fehlt. Der gesunde Menschenverstand des Laien sagt einem, na, wenn ein Mädchen nicht auftaucht, kann das doch nicht so dramatisch sein. Oh doch es kann. Mitunter sind die Reaktionen bei den Organisatoren auf derartige Informationen recht heftig und werden zumeist an unbeteiligten Hilfskräften ausgelassen. Das beste Beispiel für ein „ Ach Gott, die Welt bricht zusammen", gibt hier und heute der Chefdesigner von Nakatomi Fashion ab. Nach seinem großen Schreianfall wuselte gleich eine Schar von Komparsen los, und brachte dem Herrn und Meister sowohl die gewünschte eiskalte Cola light, die Zigarette als auch den gewünschten Fächer. Ein Wunder, dass er sich damit selber die Luft zuwedelte und nicht einem Lakaien die Ehre zuteil werden ließ, ihn mit Frischluft zu versorgen.
Diese durchlebte Weltuntergangsstimmung, die sich mir im Backstagebereich der Pariser Nakatomi Fashion Show darbietet, kann ich zum Teil nachfühlen, denn immerhin wurde das Outfit dem Model millimetergenau angepasst und kann nicht jedem beliebigen Mädchen mit Modellmaßen angezogen werden. Außerdem ist das Model Teil einer durchorganisierten Choreografie. Ob ein Model ins Konzept einer Schau passt, kann von vielen Faktoren abhängen, wie ihrer Haarfarbe, ihres Teints oder wegen ihrer besonderen Augenfarbe. Und doch finde ich, sollte so einer Situation mit ein bisschen mehr Pragmatismus und rationaler Gelassenheit begegnet werden. Aber Menschen, die seit Jahrzehnten dem Modezirkus anhaften, haben häufig exzentrische Attitüden, die einem Neuling oder Außenstehendem absonderlich und übertrieben erscheinen.
Die große Eruption des Vulkans scheint verebbt zu sein, denn als mich Nahiro Sakamoto, seines Zeichens Chefdesigner des aufstrebenden Modelabels Nakatomi Fashion, erblickt, hellen sich seine Gesichtszüge auf und er kommt, mit einem fragenden Blick in den Augen, auf mich zu. In einem ulkigen Dialekt fragt mich der Maestro auf englisch etwas, das mein Herz plötzlich höher schlagen lässt. „Bist du Model, Darling?"
Ich weiß nicht, was mich dazu bewegt, diese Frage einfach zu bejahen, aber ich tue es und werde im selben Moment vom Maestro unter die Lupe genommen und auf Modelltauglichkeit überprüft. Ich werde vermessen. Größe 1,76 Meter; Körpermaße 86 – 61 – 90; Gewicht 54,8 Kilogramm. Der Maestro guckt mich an, als ob er überlegt, mir fünf Kilo auf die Schnelle absaugen zu lassen. Bei der Konversation zwischen dem Maestro und seiner Assistentin höre ich raus, dass ich eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem nicht erschienenen Model haben muss. Ich höre, wie er sagt, ok, versuchen wir es. Wenig später nimmt man mir meine Kleider ab und ich stehe nur noch in Unterwäsche da. Keine Zeit für Schamgefühle. Ich werde von einer Stylistin abgeholt. Sie hüllt mich in einen leichten Seidenmantel und dirigiert mich auf einen hell erleuchteten Schminkplatz. Alles geht verdammt schnell. Sie tupft mir mit einem Wattepad meine dezent aufgetragene Wimperntusche und den Mascara von den Augen, löst meinen Zopf, nimmt meine Strasssteinstecker von Swarovski aus den Ohren, die ich mir letzten Monat bei www.gogoritas.com gekauft habe, und die ich ab dem heutigen Tag zu meinen Glücksbringer-Kronjuwelen befördere, und schaut mir lächelnd ins Gesicht. Dieser Blick sagt mehr als Tausend Worte. „Lucky You".