Ein Bett hat viele Namen: Schlafgelegenheit oder Lagerstatt sagen die Nüchternen, Federpfuhl oder Liebesinsel romantische Gemüter. Kulturbeflissene säuseln von der Matratzengruft und spekulieren darauf, so als Heine-Kenner identifiziert zu werden. Als besten Freund hat bislang kaum jemand sein Nachtlager bezeichnet.
Sehr zu Unrecht, wie Dieter Thelen moniert. Was gibt es Schöneres, als sich nach einem langen Tag auf die Matratze falle rh zu lassen, zwischen seidenweichen Kissen zu kuscheln, zur Gutenachtlektüre 711 greifen und zu spüren, wie die Glieder angenehm schwer werden und einem schon nach wenigen Seiten die Augen zufallen? Dann kommt der Punkt, an dein der beste Freund seine wahren Qualitäten unter Beweis stellt: „Wir vertrauen uns dem Bett schließlich im tiefsten unbewussten Zustand an." Thelen, 44, ist ausgewiesener Spezialist in Sachen Nachtruhe, gründete im Jahr 2000 sogar eine Agentur für gutes Schlafen. Alles die Folge eines Nickerchens, das er 1997 auf einer Spitzenmatratze gehalten hatte.

Ein Schlüsselerlebnis: „ Ich arbeitete als Textilspezialist in einem Frankfurter Einrichtungshaus; dort wurde mir schließlich die Bettenabteilung angetragen." Um sein Wissen auf Vordermann bringen, besuchte er die Werkstätten des Federkernspezialisten Schramm im pfälzischen Winnweiler und beobachtete in den Werkhallen, wie Taschenfedern nach dem Biegen nochmals erhitzt werden. Allein durch diese thermische Vergütung behalten die Drahtspulen, die anschließend von Hand in die Taschen eingenäht werden müssen, ihre Sprungkraft.
Thelen, der gerade umzog und ohnehin ein neues Bett brauchte, griff kurzerhand zu Opus, dein exklusivstes Modell des Sortiments, wuchtete es in seinen VW-Bus und fuhr nach Hause. „Mir tat alles weh – aber als ich mich auf die neue Matratze legte, schlief ich auf Anhieb drei Stunden tief und lest. Da nach fühlte ich mich so erholt wie selten in meinem Leben. Seitdem sammle ich alles über Schlaf, was ich finden kann." Sein Wissen ist erstaunlich, reicht von medizinischen und psychologischen Forschungsergebnissen bis zu harten Fakten über die Materialwahl bei Plumeaus und Bettwäsche. Dieses Know-how teilt er freimütig mit Kunden, die ihn in seinem Frankfurter Showrom in der Salzschlirfer Straße aufsuchen. „Die meisten kommen mit demselben Wunsch: Ich mochte besser schlafen." Aber statt die Bedürftigen sofort zum Probeliegen einzuladen, bewegt Thelen sie erst einmal höchst diskret zu intimen Geständnissen über ihre nächtlichen Gewohnheiten: Schlafen Sie eher au! dem Rücken oder auf der Seite? Ist es ihnen gerne zu warm – oder neigen Sie dazu, im Bett zu frösteln? Nicht selten stellt sich bei einem solchen Gespräch heraus, dass das Bett selbst gar nicht das eigentliche Problem darstellt. Manchmal liegt es nur am blendenden Licht der Straßenlaterne. Dann verordnet Dr. Sleep eben ein passendes Verdunklungssystem.
Patentrezepte gibt es nicht: „Wie dicht Vorhänge und Jalousien schließen sollen, oder welche Wandfarbe dem Nachtschlaf am zuträglichsten ist, hängt von den Vorlieben jedes Einzelnen ab." Voll solchen Gewohnheiten einmal abgesehen, sind sieb die meisten Menschen in ihrem Schlafverhalten relativ ähnlich; auch deshalb, weil das Unterbewusstsein selbst hauptberufliche Zukunftsforscher nachts in die Steinzeit zurückkatapultiert: „Wenn Ihre Schulter in Seitenlage von einer Matratze nicht genug gestützt wird – und das passiert bei allen Schaumstoffmatratzen, egal wie teuer sie sind –, ergeht es Ihnen nicht anders als Ihren entfernten Vorfahren, die noch auf Bäumen schliefen: Empfindet der Körper eine Position als instabil, verspannt er die Muskel!' – damit Sie nicht vom Ast fallen. Sie werden sich bald umdrehen wollen; dazu holt Sie Ihr Gehirn aus der erholsamen Tiefschlafphase in einen fast wachen Zustand. Doch kaum haben Sie sich in Ihrer neuen Position eingerichtet, geht das Spiel von vorne los. Das ist der Grund, warum ich Kunden grundsätzlich nu' hochwertige Federkernmatratzen empfehle."
Um deren Qualitäten bereits beim Probeliegen würdigen zu können, bedarf es fachkundiger Anleitung: „Jeder weiß, was das Besondere an englischen Maßschuhen ist: Sie sehen nicht nur elegant aus, sie sind auch unglaublich bequem. Fin Unterschied, den jeder kennt – weil er genau weiß, worauf er achten muss. Was Betten und Schlafkomfort anbelangt, Wissen wir kaum etwas über den Unterschied zwischen einem Spitzen- und einem Ramschprodukt. "Genau dieses Bewusstsein aber versucht Thelen zu vermitteln: „Die einzelnen Komponenten, die jemand für ein Wohlfühlbett braucht, sind so unterschiedlich nicht: eine gute Matratze mit Unterkonstruktion, zwei bis drei Daunendecken, um sie je nach Jahreszeit wechseln zu können, ein Kissen in Feder-Daunen-Mischung und ein elegantes Kopfteil, das nicht nur zur ästhetischen Erscheinung des Bettes beiträgt, sondern auch für Komfort und Geborgenheit sorgt." Für die Auswahl dieser Komponenten aber sei es entscheidend, ein neues Bewusstsein zu entwickeln für das, was ein Bett kann und leistet. Der erste Schritt hierzu: wach und ausgeruht zum Probeliegen gehen. „Sie müssen sich ja darauf konzentrieren können, was Sie fühlen – etwa, ob die Matratze im Hohlkreuz den gleichen Gegendruck bietet wir unter dem Gesäß. Deshalb ist der ideale Zeitpunkt samstags nach dem Frühstück. Am Nachmittag sind Sie für solche Feinheiten schon viel zu müde"
Sorgfalt bei der Auswahl ist oberstes Gebot: Nach einer Nacht auf der richtigen Matratze steht für den kommenden Tag ein ganz anderes Energiepotenzial zur Verfügung; Verspannungen im Nacken und Schmerzen im Lendenwirbelbereich bessern sich nachhaltig. Die den Temperaturen angepasste Decke lässt einen im Bett weder schwitzen noch frieren –und verhindert damit, dass wir, weil der Urmensch in uns aktiv wird, aufwachen: Der Körper warnt instinktiv vor dem Kältetod, und das im Dunkeln überwachsame Gehirn gibt Ängsten und Widrigkeiten gewaltige Ausmaße und rät zur Flucht. Widereinschlafen? Gar nicht so einfach.
Die Auswahl der Wäsche, als Krönung eines guten Betts, verlangt Feingefühl: „Testen Sie nicht mit den Fingern, sondern mit der Innenseite des Unterarms, ob sich der Stoll gut anfühlt. Die Bettwäsche ist verpackt und darf im Laden nicht aus der Folie genommen werden? Dann lässt man lieber die Finger davon." Thelen – er bietet vor allein Fil-â-Fil-Gewebe eines Schweizer Herstellers an – machte gerade in diesem Bereich die Erfahrung, dass jeder, der sich einmal für Luxus entschieden hat, nachhaltig bekehrt ist: „Meistens nehmen Kunden, wenn sie ein neues Bett kaufen, ein Wäscheset mit, und bestellen vier Wochen später, wenn sie das erste Mal darin geschlafen haben, drei weitere nach."
Selbst wenn die komplette Ausstattung stimmt, kann es natürlich noch Gründe geben, weswegen jemand unter Schlaflosigkeit leidet. Manchen allerdings kommt Dr. Sleep schnell auf die Spur: „Vielleicht hat man sich im Bett noch einen brutalen TV-Thriller angesehen. Es ist besser, die letzte Viertelstunde vor dem Einschlafen nicht mehr fernzusehen." Aber auch ganz ohne harten Stoll kann einen der Fernseher um den Schlaf bringen – ebenso wie Radiowecker, Halogenleuchten oder Handys. „Wir reagieren im Bett sehr stark auf Elektrosmog. TV-Geräte sollten mit einer Steckdose versehen werden, die per Fernbedienung abgeschaltet werden kann – so bleiben sie nicht mehr auf Stand-by. Halogenleuchten sind wegen des nachlautenden Trafos tabu. Auch Handys und kabellose Telefone müssen raus – man hört sie auf dem Gang genauso gut. Schon diese Maßnahmen wirken bei chronischer Schlaflosigkeit oft Wunder."
Ansonsten ist es oft ein kleines Quäntchen Zuwendung, das den Schlafkomfort und damit die Lebensqualität steigern kann. „Das Bett ist in gewisser Hinsicht tatsächlich der beste Freund; also sollte man es auch so behandeln", rät Thelen. „Tägliches Aufschütteln liebt das Plumeau, Tagesdecken hasst Cs, wenn es vorher nicht vier Stunden gelüftet wurde" Optimal: wenn Kissen und Decken an schönen Tagen aus dem Fenster gehängt werden wie früher einmal. „Besonders wichtig ist mir", fasst Thelen zusammen, „dass Kunden die Einstellung zu ihrem Bett verändern: Schließlich wünsche ich ihnen, dass sic so gut wie möglich schlafen. Und das geht nur, wenn sie ihrem Bett und damit auch sich selbst etwas Gutes tun."
Thelen: „Jeder kann einen Kleinwagen von einer Limousine Unterscheiden. Bei einem Bett aber kann Ihnen jemand ohne weiteres einen Fiat Panda zum preis eines Audi A8 verkaufen."