Karikatur - Weihnachten und die heilige Nacht
Um diese Frage zu beantworten, soll zunächst eine kurze Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Weihnachtskultur vorgenommen werden:
Immer noch ist Weihnachten für die meisten Menschen das wichtigste Fest des Jahres. Dabei steht nicht so sehr der christliche Aspekt, die Geburt von Jesus Christus, im Mittelpunkt, sondern vielmehr Weihnachten als Anlass, die ganze Familie zu einem großen Fest zu vereinen. Eltern, Kinder, Geschwister und Enkel, die einander oft das ganze Jahr nicht sehen, verbringen die Festtage zusammen. In Deutschland wird im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern Weihnachten traditionell nicht fröhlich und ausgelassen, sondern eher besinnlich und ernst gefeiert. Die Familien genießen weihnachtliche Dekoration und Tannenbaum, selbst gebackene Plätzchen und Stollen, es werden Geschenke ausgetauscht und aufwändige Festessen veranstaltet. Seltener wird noch die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel vorgelesen oder gemeinsam musiziert. Allerdings erleben die sonst so leeren Kirchen in ihren Weihnachtsgottesdiensten regelmäßig einen Besucheransturm. Viele Menschen, besonders Alleinstehende oder Paare ohne Kinder, verreisen über Weihnachten, Skiurlaub oder Fernreisen in sonnige Gegenden sind dabei sehr beliebt.
Für den Einzelhandel ist der Dezember der umsatzstärkste Monat des Jahres: Die Innenstädte sind während der gesamten Adventszeit überfüllt von Menschen, die auf der Suche nach Geschenken sind oder für das Fest hochwertige Lebensmittel kaufen möchten. Vor allem die demographische Entwicklung wird in Zukunft die Weihnachtskultur beeinflussen: Es wird immer weniger Familien mit Kindern geben, die Anzahl alleinstehender alter Menschen und Singles mittleren Alters wird permanent zunehmen. Dementsprechend haben viele Menschen nicht mehr die Gelegenheit, Weihnachten im Familienkreis zu verbringen. Jüngere, mobile Leute werden stattdessen über die Feiertage verreisen oder aber sich mit Freunden zusammenschließen und gemeinsam
Weihnachten in lockerer Atmosphäre feiern. Staatliche und private Wohlfahrtsverbände werden sich in zunehmendem Maße um die einsamen Menschen kümmern müssen, denen diese Möglichkeiten nicht offen stehen. Da Geschenke vor allem für nahestehende Angehörige gekauft werden, ist zu erwarten, dass in Zukunft der Einzelhandelsumsatz in der Vorweihnachtszeit eher sinken wird.
Immer mehr Menschen scheuen den Aufwand, den die
Zubereitung traditioneller Weihnachtsessen wir Ente oder Karpfen verursacht, oder sind gar nicht mehr in der Lage zu kochen. Dementsprechend werden die festlichen Essen an den Feiertagen zunehmend in Restaurants und Gaststätten verlagert.
Schwer einzuschätzen ist, ob es zu einer weiteren Säkularisierung kommt oder die christliche Bedeutung des Weihnachtsfests wieder mehr Gewicht gewinnt: Möglich ist, dass die Kirchen leerer werden, weil es immer weniger Kinder gibt, mit denen die Weihnachtsgottesdienste besucht werden. Ebenso denkbar wäre aber auch die entgegengesetzte Entwicklung, wenn der Trend zum Spirituellen und Religiösen weiter zunimmt.
Roger Schmidt