Artikel-Recherche: Titel Beschreibung   Erweiterte Suche

Weihnachten - gab es die Heilige Nacht überhaupt?

Autor: Rabast | Erstellt am: 20.12.2011 | Gelesen: 5641
Kategorie: Kunst - Kultur & Religion | Bewertung: rateArateArateArateArateB
PDF Erstellen PDF Erstellen | Drucken Drucken | An Freund Senden Versenden

(Online-Artikel.de) - Eine Gesprächsrunde mit den Biografen von Jesus, die in das Neue Testament Aufnahme gefunden haben.

Markus und Johannes von Albrecht Dürer
Markus und Johannes von Albrecht Dürer

Vorstellung der Diskussionsrunde - Die Schreiber des Neuen Testaments

Auf der einen Seite sitzen die Herren Matthäus und Dr. Lukas. Herr Matthäus hat das Leben von Jesus beschrieben, wie es als Evangelium an erster Stelle im Neuen Testament seinen Platz gefunden hat. Ist das Zufall oder wollten diejenigen, die die Bücher des Neuen Testaments in dieser Reihenfolge zusammen gestellt haben, damit eine Wertigkeit ausdrücken? Diese Frage kann Herr Matthäus nicht beantworten, insofern jene Zusammenstellung des Neuen Testaments erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod erfolgt ist. Herr Matthäus stammt aus dem Land Kanaan. Er war fasziniert von der frohen Botschaft, die der Mann aus Nazareth seiner Zeit gepredigt hat. Es war die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Herr Dr. Lukas war Arzt. Den akademischen Grad können wir vernachlässigen, denn Herr Lukas hat ebenfalls als Schriftsteller eine Biografie über das Leben des Jesus von Nazareth verfasst. Diese hat an dritter Stelle im Neuen Testament ihren Platz gefunden. Herr Lukas stammt nicht aus dem Geburtsland Jesu, sondern aus der griechisch sprechenden Welt Kleinasiens. Auch ihn hat die Lehre Jesu fasziniert. Persönlich hat er den Nazarener nicht gekannt. Doch hat er Zeitzeugen befragt, um das Leben Jesu 'sorgfältig zu erforschen', wie er in der Einleitung zu seinem Evangelium schreibt. Literarisch gesehen verpackt Lukas die Biografie Jesu als ein Schreiben an einen Freund Theophilus ('Gottliebhaber'), über den nichts weiter bekannt ist, und der vielleicht nur eine fiktive Gestalt ist. Beide Schriftsteller haben ihre Biografie Jesu zwischen den Jahren 80 und 90 geschrieben.

Auf der anderen Seite der Gesprächsrunde sitzen die Herren Markus und Johannes.

Von Herrn Markus wissen wir, dass er als erster die Aufgabe angepackt hat, ein Leben Jesu zu schreiben. Das war etwa im Jahr 70 unserer Zeit. Das Todesjahr von Jesus kann man etwa mit dem Jahr 35 datieren. Mit einem zeitlichen Abstand von nur etwa 35 Jahren hat Herr Markus zu Papier gebracht, was die Anhänger von Jesus über ihren Meister zu erzählen wussten, wie auch das, was seine Feinde über ihn verbreitet hatten. Kann man dem zeitlich ältesten Biografen die beste historische Zuverlässigkeit zuordnen?

Der letzte unter den biblischen Biografen Jesu ist Herr Johannes. Er hat erst einige Jahrzehnte nach den vorgenannten biblischen Erzählern sein Evangelium verfasst. Warum hat er den vorhandenen drei Biografien noch eine weitere hinzugefügt?

Das Thema der Gesprächsrunde soll nicht das gesamte Leben von Jesus sein. Das wäre viel zu umfangreich. Wir beschränken uns auf den Lebensanfang, also hauptsächlich die Geburtsgeschichte und die ersten Lebensjahre. Unser Thema ist ‚Weihnachten', die geweihte Nacht.

Herrn Lukas bitten wir um Eröffnung der Diskussion. Seine Version wird Jahr für Jahr in den christlichen Gotteshäusern zu Weihnachten vorgelesen. Was hat sich in der heiligen Nacht zugetragen?

Geburt in Bethlehem?

Lukas: „Joseph wohnte mit seiner verlobten Maria in Nazareth. Die römische Besatzungsmacht hatte eine Volkszählung angeordnet. Jeder Mann musste sich am Heimatort seiner Vorfahren registrieren lassen. Joseph war ein Nachkomme des Königs David, daher musste er sich in Bethlehem für die Steuerlisten melden. Der Zeitpunkt konnte für Maria nicht unglücklicher sein, denn sie war schwanger. Und so geschah es, dass Maria ihren Sohn Jesus in Bethlehem zur Welt brachte. Die Umstände jener Geburtsnacht waren äußerst primitiv. Man hatte nur in einem Stall Unterkunft gefunden. Doch allen äußeren Widrigkeiten zum Trotz wird diese Nacht durch die Geburt des Gottessohnes geheiligt. Als erste Gratulanten kamen Hirten vom Felde, um den neu geborenen Gottessohn zu beglückwünschen."

Geburt in Nazareth?

Markus: „Genug dieser Phantasien! Auch ich habe gründlich recherchiert. Von einer Geburt in einem Stall habe ich nirgends etwas gehört. Solche Geschichten haben sich die Leute erst später ausgedacht. Sie, Herr Lukas, schrieben ihre Biografie über Jesus ja auch erst mehr als zehn Jahre nach mir. Mit der Zeit haben die Ausschmückungen zugenommen. Im übrigen haben sie den Geburtsort mit Bethlehem falsch angegeben. Jesus wurde nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth geboren. Deshalb heißt er auch Jesus von Nazareth. Zu meiner Zeit konnte sich niemand mehr erinnern, ob diese Geburt in der Nacht oder am Tage stattgefunden hatte. Solche Kleinigkeiten wusste siebzig Jahre nach einem solch unbedeutenden Ereignis niemand mehr. Nicht einmal ein genaues Geburtsdatum konnte ich ermitteln, weder den Wochentag, noch den Monatstag. Und das wäre doch wohl viel wichtiger."

Talkmaster: „Wie?Wir feiern das Fest der Geburt Jesu ohne das Geburtsdatum zu kennen?"

Matthäus: „Ein genaues Geburtsdatum kennt freilich niemand. Als Geburtsort haben meine Glaubensbrüder, die Judenchristen, Bethlehem annehmen müssen. Wem die Voraussage der alten Propheten heilig ist, dem ist unumstößlich, dass der Retter aus der gegenwärtigen politischen Misere nur ein neuer gesalbter König David sein kann. Wir sagen Messias. Und ein solcher muss in Bethlehem geboren werden. Wenn Jesus auch aus Nazareth stammt, so muss er eben in Bethlehem geboren worden sein. Im übrigen war er ja nur ganz kurz dort. Die Eltern mussten schon wenige Tage später fliehen."

Markus: „Rückfrage: Wurde Jesus nachts geboren, gab es überhaupt eine heilige Geburtsnacht?"

Die Sternendeuter?

Matthäus: „Das ist mir egal. Die Nacht hatte eine ganz andere Bedeutsamkeit. In der öffentlichen Meinung spielten damals Sternendeutern eine große Rolle...

Talkmaster: „Die frühe Form der Horoskope."

Der Kindermord?

Matthäus: „Es wurde berichtet, dass drei Sternendeuter eines Nachts einen besonderen Stern am Nachthimmel strahlen sahen. So etwas bedeutete die Geburt eines neuen Königs. Deshalb kamen diese drei weisen Männer zum Palast des Königs Herodes in der Erwartung, zur Geburt eines Prinzen gratulieren zu können. Ihre Geschenke waren mit Gold und Weihrauch auch etwas repräsentativer als die leeren Hände der Hirten. Die weitere Geschichte nahm dann eine unerwartete Wende. Zwar war in Jerusalem kein neuer Prinz geboren worden, doch glaubte König Herodes dem Horoskop. Er argwöhnte, dass in diesen Nächten vielleicht doch ein Junge geboren worden ist, der ihn später vom Thron stoßen könnte. Um sicher zu gehen, gab es für ihn nur eine Konsequenz. Er erließ einen grausamen Befehl. Alle männlichen Neugeborenen in dem potentiellen Königsort Bethlehem sollen umgehend getötet werden."

Jesus als Gottes Sohn?

Johannes: "Meine Herren Matthäus und Lukas, ihre schriftstellerischen Ausschmückungen gehen mir zu weit! Sie sind zu sehr auf die Erwartungen der Leute eingegangen. Ihre Leser möchten etwas Besonderes und Außergewöhnliches aufgetischt bekommen. Eine Mordserie ist sensationell.

An den Spekulationen über die Vorgänge im Zusammenhang mit der Geburt Jesu kann ich mich nicht beteiligen. Ich halte es mit dem Kollegen Markus, der in seinen früheren Nachforschungen von den Zeitzeugen nichts Derartiges gehört hatte.

Die entscheidende Frage ist doch die: War denn der neu geborene Jesus - übrigens bin ich überzeugt, er ist in Nazareth geboren worden! – war er denn in der Geburtsstunde schon ein Gottessohn? Die Anhänger Jesu haben es anders überliefert! Bis zu seiner Taufe war Jesus sozusagen ein „normaler" Mensch, das Kind von Maria und Joseph. Erst zum Zeitpunkt der Taufe im Jordan öffnet sich der Himmel und Gott spricht: Das ist mein Sohn. In diesem Punkt stehe ich voll auf der Seite von Herrn Markus, der in seinem Evangelium geschrieben hat: (1,11) Die Stimme vom Himmel sagte ‚Du bist mein Sohn, Dich habe ich erwählt.' Seither spricht der Geist Gottes aus ihm. Erst seit dieser Taufe im Jordan durch Johannes den Täufer ist Jesus von Nazareth zum Sohn Gottes geworden. Und die fand nicht in einer heiligen Nacht statt. Diesen Begriff hat Herr Lukas durch seine Hirtengeschichte in die Bibel gebracht. Dabei hat er Engel als göttliche Boten in das Geschehen um Jesu Geburt eingebunden. Erst diese erzählen den Hirten in dieser besonderen Nacht von der Geburt des Gottessohnes."

Jesus von einem Engel gezeugt?

Lukas: „Das reicht mir nicht. Der Engel spielt eine ganz fundamentale Rolle. Maria ist noch Jungfrau gewesen. Von Joseph wird berichtet, er habe nicht mit Maria geschlafen. Gott selbst ist der leibliche Vater, also der Erzeuger seines Sohnes. Und das ist durch die Tat des Engels Gabriel erfolgt. Ein halbes Jahr vorher war der gleiche Engel bei Elisabeth, der Mutter von Johannes dem Täufer. Und trotz ihres hohen Alters hat der Engel ihr zu einer Schwangerschaft verholfen."

Talkmaster: „Demnach sind Johannes der Täufer und Jesus Halbbrüder mit einem gemeinsamen Vater?

Lukas: „Diese familiäre Einordnung erscheint mir zu banal für die Charakterisierung des Gottessohnes, der gesagt hat, mein Reich ist nicht von dieser Welt."

Talkmaster: Die Rolle der Engel haben sie, Herr Lukas, als sehr bedeutend herausgestellt. Das erklärt dann auch, weshalb Engelsfiguren im Weihnachtsschmuck über Jahrhunderte einen festen Platz innehaben. Wir wissen heute aus der Religionsgeschichte, dass die Engelsvorstellung von den Judäern erst aus ihrem Exil in Babylon nach Jerusalem mitgebracht wurde. Doch die Diskussion über Engel wäre ein eigenes Thema und führt uns zu weit ab von der Frage nach Weihnachten.Ich möchte unser Thema wiederholen: Feiern wir zu Recht eine heilige Nacht in Form des Weihnachtsfestes?

Lukas: „An dem Geschehen der heiligen Nacht, Gott wurde als ein Kind geboren, lasse ich nicht rütteln! Einen weiteren Beleg, dass Jesus bereits als Kind der Sohn Gottes war, konnte ich ermitteln.

Mir wurde berichtet, dass Jesus im Alter von zwölf Jahren drei Tage lang im Tempel war und mit den Priestern diskutiert hat."

In welchem Alter war Jesus im Tempel?

Johannes: „Damit bin ich nicht einverstanden. Der erste Auftritt von Jesus im Tempel war keine Religionsstunde eines Schülers. Als Erwachsener, zeitlich recht bald nach seiner Taufe, war er entsetzt über die einem Jahrmarkt ähnelnde Situation im Tempel. Hier gab es Verkaufsstände und Geldwechsler. Jesus war erbost und wurde zum Randalierer. 'Macht aus dem Gotteshaus keine Markthalle'. Die Absage an die gängige kultische Praxis ist eine der ersten Taten Jesu. Das charakterisiert seine neue Lehre. Die Story von dem zwölfjährigen Schüler bei Herrn Lukas wird dem nicht gerecht."

Talkmaster: „Wie sich gezeigt hat, bestehen in der Runde der Verfasser einer Biografie des Jesus von Nazareth erhebliche Abweichungen und Meinungsunterschiede. Ich frage sie: Gibt es einen Punkt, in dem Einigkeit besteht?"

Matthäus: „Ja, ganz gewiss!" (Zustimmendes Nicken aller vier Schriftsteller)

Markus: „Ich möchte es so formulieren: Seinen Anfang hat das Leben Jesu von seinem Ende her genommen. Durch die Auferstehung hat Gott bestätigt, dass diese Botschaft von Jesus unvergänglich ist."

Talkmaster: „Diese Richtigkeit zu bestätigen, bin ich der einzige in dieser Runde, der das aus einem Abstand von Jahrhunderten sagen kann. Sind auch die Vorgänge um Weihnachten im Nebel der Geschichte nicht mehr zu erkennen, so lohnt es sich doch zu Weihnachten eine Kerze anzuzünden, um an Jesus von Nazareth zu erinnern.

Meine Herren, ich danke ihnen für diese Gesprächsrunde!

Jochen Rabast


Näheres siehe Jochen Rabast, Engel im Gepäck, 2009, ISBN-10: 383720562 auch www.online-artikel.de/article/engel-die-schoene-phantasie-70876-1.html

 
 
Geno Sponsoring
Social Bookmark

Artikel Bewerten:  Schlecht Artikel ist Schlecht 1 2 3 4 5 Artikel ist Sehr Gut Sehr Gut  
Zuletzt gelesene Artikel in der Kategorie Kunst - Kultur & Religion:
Galerie Carlos Hulsch jetzt im abba Berlin hotel
Humba-humba-täterä DER Hit der Karnevalssession 1963 / 64
Was ist der Beweis für die Existenz der Seele?
BETEECHTE VERGOLDUNG BEI KLIMT BILDERN
DAS JAHR DER PLAGEN - Neue Arbeiten auf Papier von Finn Lafcadio O’Hanlon
WHO WANTS TO DIE - EINE AUSSTELLUNG DER RK GALERIE
STRENGE DAMEN - Dominas am Arbeitsplatz
Neue Malereien von Otto Waalkes

comment Kommentare von Besucher !

Noch kein Kommentar zu Artikel “Weihnachten - gab es die Heilige Nacht überhaupt?”







Top | rss   
Designed by A2D Webdesign Agentur | Media-Netzwerk: MyPress World | MyPress DE | MyPress CH | MyPress AT | Online Article
OA-Services: Online PR-Blog | Webreporter | Know-How | Jobs & Stellenanzeigen | Presseportal | News | Branchenbuch

Copyright 2008 © Art2Digital InterMedia Solutions | ICRAchecked | Creative Commons License.