Ein "Hypnose-Räuber" bringt derzeit Italien in Aufruhr. In zahlreichen Pressepublikationen wurde veröffentlicht, dass ein Mann nur mit Hilfe eines Satzes die Kassiererin eines Supermarkts in Hypnose versetzte und die von ihr geöffnete Ladenkasse erleichterte. Das sich die Dame an der Kasse an nichts erinnern konnte, ist obligatorisch, da ja Hypnose eingesetzt wurde. So oder so ähnlich werden derzeit die Menschen verunsichert. Darf ich niemandem mehr in die Augen sehen? Kann mich irgend ein Fremder einfach so nebenbei in Hypnose versetzen und habe ich danach einen Blackout? Ist das überhaupt möglich, oder ist das eine Zeitungsente? Wolfgang Künzel alias Alexander Cain®, Ex-Showhypnotiseur, Ausbilder der Hypnoseakademie und 1. Vorsitzender der Freien Gesellschaft für Hypnose e.V. klärt auf.
Was ist Hypnose eigentlich? Hypnose ist ein gegenüber dem Wachbewusstsein veränderter Bewusstseinszustand. Die Kritikfähigkeit wird eingeschränkt indem ein Zugang zum Unterbewusstsein des Menschen geschaffen wird. Hypnose ist uralt, auch wenn der Begriff erst im 19. Jahrhundert (und fälschlicherweise, da Hypnose nichts mit Schlaf zu tun hat) geprägt wurde. In früheren Zeiten wurde Hypnose insbesondere zu medizinischen Zwecken und zur Schmerzlinderung, bzw. -ausschaltung angewendet. Durch die Entdeckung chemischer Narkotika, die Wirren der Weltkriege und das Voranschreiten der pharmazeutischen Industrie war die Hypnose schon fast in Vergessenheit geraten. Erst die Auftritte von Showhypnotiseuren, sowie die Möglichkeiten des Internet haben der Hypnose wieder einen kleinen Stellenwert in Deutschland gegeben.
Während in der Literatur Anfang des 20. Jahrhunderts noch häufiger von Verbrechen unter Hypnose und an Hypnotisierten die Rede war, ist dieses Thema in der heutigen Zeit eher vom Tisch. Die Mediziner, die sich als Fachleute bezeichnen, lehnen die Existenz von Blitz- bzw. Schnellhypnose ab. Ebenso ist es offizielle Lehrmeinung, dass eine Person in Hypnose niemals Dinge tun würde, die ihrem Naturell widerstrebt.
Plötzlich erscheint ein qualitativ schlechtes Video mit einem Herren, der sich anscheinend in einer Supermarktkasse bedient, nachdem er augenscheinlich keine besondere Aktion durchgeführt hat und durch die gesamte Pressewelt geht ein Aufschrei: "Der Hypnose-Räuber!" oder "Experten bestätigen, dass...". Es stellt sich daraufhin der Öffentlichkeit die Frage, ob man noch sicher ist, oder ob man ab sofort in Derren Brown-Manier in der U-Bahn, im Café oder gar vor dem Bankautomaten um seine Barschaft erleichtert wird. Hier beginnt der Punkt, wo sich die Presse ihrer Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit bewusst werden muss.
Blitzhypnose oder englisch "Rapid-Induction" ist eine Variante der Hypnoseeinleitung, die insbesondere bei Hypnose-Demonstrationen eingesetzt wird. Es gibt hierbei verschiedene Techniken, die den Lehren von Franz Anton Mesmer (energetische Blitzhypnoseinduktion), aber auch weiterentwickelten Techniken nach James Braid, etc. (z.B. Konfusionsmethode, Schreckhypnose) entlehnt sind. Alle Varianten haben eins gemeinsam: Selbst wenn es auf der Stelle und innerhalb von Sekunden funktioniert, sind diese Varianten nicht geeignet auf eine Entfernung hin und in der kurzen Zeit den in den Berichten geschilderten Sachverhalt durchzuführen. Es müsste neben der eigentlichen Hypnoseinduktion auch noch eine entsprechende Suggestion gegeben werden, oder es müsste eine extreme Erwartungshaltung vorhanden sein. Hinzu kommt die Aufwachphase, die nötig ist, damit nachfolgende Kunden den Zustand der Kassiererin nicht bemerken. Damit auch tatsächlich eine Amnesie eintritt, ist ein somnambuler Hypnosezustand notwendig, also eine sehr tiefe Hypnose. Auch das ist häufig nicht der Fall. Auf gar keinen Fall kann man es bei einer willkürlich gewählten Person vorhersehen. Diese Variante kommt daher eher nicht in Betracht.
Gehen wir davon aus, dass die gezeigten Videobilder echt sind und Hypnose Anwendung gefunden haben sollte, wäre dies prinzipiell mit einer vorherigen Konditionierung möglich. Hiermit wird dem Probanden, in diesem Fall der Kassiererin, bei einer vorherigen Hypnosesitzung ein Auslöser gesetzt. Dieser Auslöser kann eine Aktion sein, ein Wort, oder sonst irgendetwas. Im Rahmen der Konditionierung hat der Hypnotiseur genügend Zeit, Verhaltensweisen zu suggerieren. Bei entsprechender Trancetiefe ist der Gedächtnisverlust gleich inbegriffen.
Auch wenn es definitiv Möglichkeiten gibt, die Hypnose auf diese Art und Weise zu missbrauchen, stellt sich nun eine weitere Frage. Ein Mann, der solche Kenntnisse hat, benötigt neben einer gehörigen Portion Skrupellosigkeit auch entsprechende Intelligenz. Welchen Grund gibt es, solche Aktionen in der Öffentlichkeit und auch noch vor einer heute üblichen Überwachungskamera durchzuführen? Warum greift er dann selbst in die Kasse und lässt sich nicht, was viel unauffälliger wäre und den Möglichkeiten der Hypnose entspricht, das Wechselgeld in entsprechender Höhe aushändigen? Eine plausible Erklärung wäre wiederum, dass es nie eine Hypnose gegeben hat, die von irgendwelchen Agenturen nun medienwirksam unterstellt wird.
Hierzu kommentiert Gerd Börner, Hypnosetherapeut und Mentalmagier: "Für mich war das keine Hypnose. Für mich ist das ein ganz normaler Taschendieb, der seine Fähigkeiten und seinen Wirkungskreis ausgebaut hat und somit die Rendite verbessert hat. In normalen Geldtaschen und Handtaschen ist halt weniger drin als in Supermarktkassen. Also hat sich der Gute gedacht, dass er die alten bewährten Taschendieb-Techniken doch auch im Supermarkt anwenden könnte. Und wie man sieht funktioniert es. Ein Taschendieb arbeitet mit der Tatsache, dass ein Mensch von zwei Sinnesreizen immer nur den stärkeren wahrnimmt. Dies kombiniert mit etwas Ablenkung und einem falschen Bart (wegen den Kameras)….. und das Verbrechen ist perfekt. Das ganze hat mit Hypnose genauso wenig zutun wie der Liebe Gott mit der Kirche."
Fazit: Es ist durchaus möglich, die auf Video gezeigte Aktion mittels Hypnose durchzuführen, wenn die Person durch eine vorherige Hypnose vorkonditioniert war. Dies würde unter anderem den Gedächtnisverlust erklären. Sehr wahrscheinlich ist es hingegen nicht, da es andere, plausiblere Erklärungen gibt und ein "Hypnose-Räuber" sicher andere Aktionen durchführen würde. Auch bei einem Trickdiebstahl kann sich die Kassiererin nicht an die Tat erinnern, da sie es bewusst gar nicht mitbekommt.
Also keine Angst vor dem Hypnotiseur! Ein seriöser Hypnotiseur kommt niemals auf die Idee sein Handwerk zu missbrauchen.
Wolfgang Künzel (Alexander Cain®)
Kurzvitae Wolfgang Künzel:
Wolfgang Künzel kann auf über 20 Jahre Erfahrung in der Hypnose zurückblicken. Er ist Cheftrainer an der Hypnoseakademie in Arnstorf und war maßgeblich an der Ausbildung von über tausend Hypnotiseuren weltweit beteiligt. Sein Engagement in Sachen Hypnose drückt er als erster Vorsitzender der Freien Gesellschaft für Hypnose e.V. aus. Wolfgang Künzel ist bekannt aus Presse, Rundfunk und TV (ARD, ZDF, RTL, SAT1, PRO7, usw.).
Kurzvitae Gerd Börner:
Gerd Börner ist Mitglied der Freien Gesellschaft für Hypnose e.V., Hypnotiseur, Mentaltrainer, aber auch langjähriger Zauberkünstler und Mentalmagier. Gerd Börner ist bekannt aus Presse, Rundfunk und TV.
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