was bin ich?
Erste Einführung - Was ist der Mensch?
Der Mensch und sein Ursprung sind der Ausgangspunkt jeder Philosophie und jeder umfassenden Idee, denn jeder Versuch, die Welt zu erklären und sie zu verstehen, setzt als Erstes ein Kenntnis oder eine gewisse Annahme von dem Menschen, entweder als Teil dieser Welt oder als fremdem Element in ihr, voraus. Auf die Frage hinsichtlich des Ursprungs des ersten Menschen haben wir zwei verschiedene Antworten von zwei verschiedenen Parteien, der Wissenschaft und der Religion.
Die Wissenschaft findet den Menschen als das Ergebnis einer langen Kette von Geschehnissen, einer Entwicklung. Er ist die Folge dieser Entwicklung und nicht ihr Ziel. Seine Sprache, seine Handschicklichkeit, der aufgerichtete Gang und seine Intelligenz sind ungezielte Zwischenstufen dieses langen Prozesses. Homo spinice ist ein Teil dieser Natur und der Mensch ist ihr Sohn.
Die Religion gibt uns aber eine andere Ansicht, wo es keine Zwischenstufen und keinen richtigen Prozess gibt.
Sie redet von einem plötzlichen schmerzhaften dramatischen Akt
[1], von der Schöpfung.
In welchem Maß aber unterscheiden sich die beiden Theorien über den Ursprung des Menschen voneinander und zu welchem Bild und welchen Folgen solcher Auslegungen von demselben Menschen führen sie?
Die Darwintheorie erklärt einigermaßen den wissenschaftlichen Teil der Wahrheit des praktischen Menschen, jedoch versagt sie, den religiösen, kreativen oder den moralischen Menschen zu erklären. Denn wenn wir annehmen, dass der Mensch sich aus seinen Urvätern aus dem Tierreich entwickelt haben soll, dann verstehen wir den Fortschritt als die Kette der Entdeckungen, die dazu waren und immerhin sind, seine Art aufrecht zu erhalten und das Sättigen seiner Bedürfnisse erst möglich und dann leichter zu machen. Doch wie kann man den Darwinmenschen mit dem religiösen Menschen, der sich von vielen Märchen und Aberglauben hat beirren und durcheinander bringen lassen, in Zusammenhang bringen? Wie kann man Phänomene wie die Moralität und die aus den absoluten Werten und hohen Prinzipien aufgebaute Moral, die Heldentaten und die Opferbereitschaft und das religiöse Ritual, erklären?
Die erste Richtung, die der Entwicklung, führt zur Zivilisation und Fortschritt und beide sind überentwickelte Phänomene aus denen, die sich im Tierreich finden lassen: Denn die Gruppe der gleichen Tierart, die zusammen nach Essen und Wasser suchen und in ihrem Zusammensein die Sicherheit suchen, ist die Urmutter der heutigen Zivilisation
[2] und der Abstand zwischen jener Urzivilisation und der heutigen Zivilisation ist der lange Weg des Fortschritts. Doch mit was aus dem Tierreich erklärt man die Kultur des Menschen von Kunst und Religion? Ist der unglaublich stabile Verlauf der menschlichen Kultur ein Beweis für einen bestimmten Anfang, mit dem der Mensch und die Kultur zusammen anfingen? Ein solcher Moment ist der Schöpfungsmoment.
Dass der Mensch ein Wesen mit einer tierischen Natur ist, kam aus der Religion längst bevor Darwin oder De Lamarck auf etwas Ähnliches gekommen sind; der Unterschied aber zwischen Darwin und der Religion liegt in der Frage, wie tierisch ist der Mensch? Oder wie umfassend diese Seite von dem Menschen ist? Darwin (der Wissenschaft) nach, ist der Mensch das vollständige Tier und so sprechen sie direkt oder indirekt dem Menschen, jede geistige Dimension ab und sprechen ihm das Tiersein, eine Mechanik des Körpers, ein ´L´homme Machine´. Die Religion sagt: Der Mensch ist ein Tier, dem eine persönliche Identität verliehen wurde (Begovic), also ein Wesen mit zwei widersprüchlichen Wahrheiten, die geistige Seite findet in der tierischen Seite eine Art Schmutz, deshalb führt jede reine Religiosität zu einem weltlich entsagenden Verhalten. Diese Doppelseitigkeit des Menschen spiegelt sich in unserem täglichen Gebrauch von dem Begriff ´Mensch´ wider: Denn wenn wir jedes verbrecherische oder egoistische Verhalten als unmenschlich bezeichnen, verwenden wir diesen Begriff um zu sagen, dass wir höhere Wesen mit moralischen Verpflichtungen sind. Wenn wir aber unserer Schwäche nachgehen und uns entschuldigen wollen, dann sagen wir, dass wir bloß ´Menschen´ sind, damit erklären wir, dass wir schwache Wesen mit Schwächen und Bedürfnissen sind. Und genau in dem Gemisch von den beiden Verwendungen liegt die wahre Bedeutung des Menschen. Lasst uns dann mal die Geschichte des Menschen in diesem Sinne betrachten: Die Idee, dass die Geschichte des Menschen dunkel und geistig unterentwickelt gewesen sei, existiert nur im Auge des Wissenschaftlers
[3], denn im Bereich des Denkens
[4], der Kunst und sogar der Moral und Politik, hat die Menschheit keine wirklich wichtigen Fortschritte gemacht
[5]. Jedoch wollen wir aber den Menschen fair mit seinem angeblichen Urvater, dem Tier, vergleichen:
Die bezweckte Intelligenz ist bei dem Menschen tierischer Ursprung, denn bevor der Mensch sein erstes Zeug gebastelt hat, haben seine Urväter aus dem Tierreich das gleiche mit mäßigem Erfolg versucht: Das ist der Bär, der einen Stein zum Zerquetschen seiner Beute benutzt und da ist der Affe, der einen Stock verwendet um an die leckeren Bananen zu kommen. Die Geschichte des Raben ist uns allen bekannt: Der Rabe will aus einem Gefäß trinken, jedoch die Mundöffnung des Gefäßes ist zu eng und die Wasserhöhe ist zu niedrig. Und was macht der Rabe? Er lässt kleine Steine in das Gefäß fallen, bis die Wasserhöhe eine passende Höhe erreicht, sodass er seinen Durst stillen kann. Studien belegen, dass Papageien die Intelligenz eines 7-Jährigen besitzen. Wie lassen sich aber die praktisch, sinnlosen, moralischen Verpflichtungen des Menschen erklären? Solche Moral ist dem Verstand unzugänglich, jedoch sind sie jedem gesunden Geist Selbstverständlichkeit, aber wieso? Was lässt der Affenläufer, der schlicht nach Essen und der Befriedigung seiner Bedürfnisse sucht, in Enthaltsamkeit leben oder das beste Fleisch, den angeblichen Göttern zu überlassen? Man kann sagen, wie sich die Hand des Menschen im Laufe der Entwicklung entwickelt hat, aber das Auftreten von dem reinen Gewissen?
„Es gibt keine Trennlinie zwischen Barbarei und Zivilisation", doch hat die Kultur des Menschen mit den beiden gar nichts zu tun. Das Tier ist meistens nur gefährlich, wenn es hungrig oder in Gefahr ist, während der Mensch am gefährlichsten ist, wenn er satt und sicher ist, das spiegelt sich in der Geschichte der großen Imperatoren und der Eroberungen klar wieder. Wenn dem Tier ein Schatten, viel gutes Essen und Wasser und die Möglichkeit seine sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen, gegeben wird, dann würde es ein überfrohes Leben genießen, während der Mensch unter den eben genannten Lebensumständen sich dagegen erheben würde. Er wird dann melancholisch und depressiv, er wird immer nach dem Sinn fragen, er wird niemals seinen Hunger sättigen oder seinen Durst stillen können, solange sein innerer - Geist und Seele noch Hunger und Durst hat.
Russel sagte, dass der Mensch „ ein höchst ratloses Tier ist und nicht, wie die Boa constrictor, zufrieden, wenn er einmal im Monat eine reichliche Mahlzeit erhält und den Rest der Zeit schlafen kann. Um glücklich zu sein, braucht der Mensch nicht diese oder jene Genüsse, sondern Hoffnungen, Aussichten und Veränderungen"
[6]. Abgesehen von seiner Bezeichnung des Menschen als Tier, hat Russel völlig Recht, aber welches System vermag dem Menschen diese zufrieden stellenden Aussichten und diese Hoffnungen geben? Es ist nicht mehr von Sinn, dass wir zuerst versuchen, was für Aussichten und Hoffnungen der Mensch braucht, und nach welchen Antworten er trachtet, bevor irgendein System behauptet, sie gefunden zu haben?
Ja, der Mensch ist nicht wie irgendein Tier, er erhebt sich über sein Schicksal, stellt Fragen und sucht Antworten und wenn er sie nicht findet, wird er hoffnungslos und für ihn ist dann alles gestorben - und das sehen wir in der melancholischen Philosophie
[7] . Und wenn man diese Stufe erreicht hat, fängt er an, alles an Sinn zu verlieren, er fängt an, dieses Leben, das ihn als ein hoch entwickeltes Tier oder als eine Maschine ansieht, zu kämpfen, er scherzt über die Ordnung und akzeptiert die Gesetze nicht: Er lehnt dieses Leben ab und damit erklären wir teilweise die Hintergründe des Hippie-Phänomens und der Jugendrevolution in Frankreich und in der USA im Jahre 1968. Im Gegenteil finden wir bei vielen entsagungsvollen Mönchen, die auf vieles, was wir für essentiell halten, verzichtet haben, eine totale andere Philosophieeinstellung. Wir können ganz deutlich erkennen, wie optimistisch sie und ihre Philosophie und Ansichten sind. Liegt das daran, dass die Religionsphilosophien davon ausgehen, dass die Welt viel besser sein kann und nicht könnte? Dass die Erlösungswelt noch nicht erreicht wurde aber noch erreicht werden kann? Während die End-Welt bei den u.a. reichen Ländern (wo Lustprinzipien und Darwintheorie herrschen) schon erreicht wurde und alles, was noch dazu kommt und was der Fortschritt erlauben wird, nicht mehr als ein Versuch, einer Verschönerung eines schon ausgemalten Bildes?