Eva Farohi
Kennen Sie Raach am Hochgebirge ? Ja?
Dann müssen Sie nicht
weiterlesen – aber bitte: erzählen Sie bloß niemandem etwas über Raach.
Es soll unser Geheimnis bleiben. Oder möchten Sie, dass unbekannte
Menschen unser Raach entdecken? Durch die unberührte Natur marschieren,
jede Blume abreißen, herumschreien und ihren Müll fallen lassen. Nein?
Ich auch nicht. Und darum bleibt Raach unser Geheimnis. Und Schluss!
Als
ich zum ersten Mal nach Raach kam, war ich noch ein Kind. Im
Bundestagungsheim konnten die Beamten und ihre Familien zu Weihnachten
und Ostern Ferien machen. Ich habe es damals schon geliebt. Andere in
meinem Alter wollten Schilaufen, später dann Party machen, etwas
unternehmen. Ich wollte nach Raach. Stundenlang konnte ich durch die
Wälder streifen, über die Wiesen laufen oder einfach nur auf einem
Baumstumpf hocken und schauen.
Als Malerin
wurde die Natur später zum Ausdrucksmittel meiner Bilder. Die
Landschaft im Süden, in der Toscana, in Mallorca… Aber immer wieder auch
die Landschaft, wie sie zwischen Buckliger Welt und der Region der
Zauberberge zu finden ist. Jene Natur, inmitten derer, gleichsam
eingebettet am Ende der Welt ein winziges Nestchen namens Raach liegt.
Ein paar Häuser, eine kleine Kirche, ein Landgasthof. Mehr ist es nicht.
In
früheren Zeiten war Sommerfrische eine kulturelle Disziplin; und der
Semmering ein weltberühmter Luftkurort. Mondän, intellektuell und
auserwählt – das war die Klientel, die es sich in den prächtigen Hotels
gut gehen ließ. Ein Zweitwohnsitz am Semmering war eine Visitenkarte,
ein Bonitätsnachweis. Nicht sehr viel hat sich daran geändert. Auch
heute ist der Semmering (wieder) ein Ort der „Action": Schirennen,
Haubenküche, Wellness und Golf. Nichts wird ausgelassen, um dem Gast
modernen Luxus zu bieten.
Und das ist gut so.
Aber es ist
nicht das, was ich will – beziehungsweise was WIR wollen. Denn auch mein
lieber Mann zieht die Ruhe und Ursprünglichkeit von Raach dem Rummel
der „großen Welt" vor. Und Caya, unser vierbeiniges Kind, die
Retriever-Hündin, hat sich von Anbeginn in Raach verliebt. Was natürlich
rein gar nichts damit zu tun hat, dass sie vom Wirten des
„Diewald-Gasthofs" mit Hundestangerln begrüßt wird…
Beim letzten
Besuch war es März. Warm schien die Sonne, wolkenlos blau wölbte sich
der Himmel. Doch im Wald, auf dem Weg nach Rams lag noch knirschender
eisiger Schnee. Auf über 800 m Seehöhe lässt sich der Winter nicht so
schnell verjagen, aber die Luft war wunderbar und die Sonne schien mit
richtiger Kraft. Huflattich versuchte sich den Weg zu bahnen, Rehe mit
grauem Winterfell und leuchtend weißem Popscherl querten den Weg. Wir
gingen den Waldweg bis zum Ramssattel, wo wir auf dem Bänkchen in der
Sonne saßen und bestaunten das ganze hügelige Massiv, das sich vor
unseren Füßen ausbreitete. Kein Laut weit und breit.
„Man hört die
Ruhe", sagte ich. „Ja, unglaublich. Nicht einmal ein Flugzeug",
ergänzte mein Mann. Caya sagte nichts. Sie träumte davon, am Heimweg
nochmals von der Leine gelassen zu werden, dort, wo im Dreieck der
kleinen Straßen das Schneefeld war, um weitere Löcher in den gefrorenen
Schnee zu buddeln, so wie sie in ihrer Heimat Mallorca immer Löcher in
den Sand gräbt…
Am Rückweg gingen wir über die Straße. Sie
verbindet Raach mit Rams und wird vor allem von den Bewohnern der weit
verstreut liegenden Gehöfte benutzt. Demzufolge begegnete uns auf dem
ganzen Weg ausschließlich ein Traktor, der eine Fuhre Holz zog.
Wunderbar war das Einkehren im Gasthof von Raach. Mit dem wohlverdienten
Appetit machten wir uns über die Köstlichkeiten her.
Franz
Diewald ist ein begnadeter Koch. Viele anspruchsvolle Kochkurse hält er
ab und zu Recht stolz ist er darauf, dass einige seiner Schüler heute
erfolgreiche Köche sind.
Aber in seinem Gasthof liegt der
Schwerpunkt auf Hausmannskost aus einheimischen und frischen Produkten.
Und so ließen wir es uns richtig gut schmecken. Befriedigt machten wir
uns auf den Heimweg. Vorbei an der mittelalterlichen Burg Wartenstein,
der spätere Bauherren ein Dornröschen-Schloss Ambiente verpasst haben,
hinunter nach Gloggnitz und über die S6 heim, Richtung Wien.
Es war ein wunderbarer Ausflug. Und nicht nur der Hund schlief in dieser Nacht tief und fest…