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Aber welche Mechanismen sind es dann im einzelnen, die einen Menschen dazu bewegen sein Schicksal mit einem Pendel zu bestimmen, oder statt auf den Bus auf ein UFO zu warten? Was steckt dahinter, wenn Menschen von einem heilenden Blick berührt wurden, oder die "Aura" anderer Mitmenschen sehen können wollen?
Natürlich ist es unfair alle alternativen Glaubenssätze zu einem "Glauben an die Esoterik" zusammenzubinden. Denn Esoterik ist kein homogener Glaube wie etwa eine Religion. Vielmehr pflückt sich der Anhänger aus all dem, was ihm als logisch erscheint sein Weltbild zusammen oder findet zufriedenstellende Antworten bei einem bestimmten Glaubenssatz oder Guru. Und genau das macht den Skeptiker so zynisch, wenn er Monika beim Kartenlegen sieht, die sich aber gleichzeitig ihre Wohnung beim Feng-Shui-Berater absegnen lässt.
Was aber sind diese Erfahrungen, die von Engeln berührt wurden oder deren feinstofflicher Astralleib eine Reise gemacht hat? Sind das alles Lügen? Natürlich nicht. Aber wie ist das zu erklären?
Die Macht der (Auto-)Suggestion
Jeder Akte-X Fan kennt das UFO-Poster mit der Aufschrift "I want to believe". Dieser Satz verrät uns mehr als es den Anschein hat. Denn anstatt "Ich glaube" steht eben "ich möchte glauben" auf dem Poster.
Anschaulich für die Kraft der Suggestion ist ein bekanntes Wein-Experiment, welches ich bei Thorsten Havener gelesen habe:
Ein Gast wartet auf eine vermeintliche Weinprobe und bekommt zwei Gläser mit Wein serviert. Was der gast nicht weiß: Es handelt sich um den selben wein aus der selben Flasche. Der Gastgeber stellt nun die "Weine" vor und erklärt, dass der erste Wein zwar von hervorragender Qualität sei, allerdings im Vergleich zum zweiten Wein mehr Säure enthält.
Je ausgeschmückter die Beschreibung der Weine ausfällt, desto besser wird das Experiment funktionieren: Der Gast wird dann darum gebeten sich eine eigene Meinung zu bilden.
Interessant ist nun nicht das Urteil des Gastes, sondern die Tatsache, dass der Gast überhaupt einen Unterschied schmeckt. Und dies ist für den Gast ein ganz realer Unterschied, den er tatsächlich empfindet. Grund hierfür ist das, was Suggestion genannt wird und den Einsatz in Autogenem Training über Hypnose zu Motivationsveranstaltungen findet. Nach heutigen Erkenntnissen braucht ein gesundes Bewusstsein solche Mechanismen, kann dadurch aber auch manipuliert werden.
Die Macht der Vorannahmen
Ein weiterer Bestandteil um eine vermeintliche Logik zu etablieren ist das Feld der Vorannahmen. Ganz objektiv ist auch hier zu sagen, dass unsere Welt ohne Vorannahmen nicht funktionieren würde.
> Wir beschäftigen uns aber hier mit den Vorannahmen, wie sie in der Esoterik benutzt werden. Da hier, wie eingangs beschrieben, aber kein gemeinsamer Nenner gefunden werden kann, ziehe ich eine christliche Vorannahme als Beispiel hinzu: "Im Anfang war das Wort...*" steht in den meisten Übersetzungen am Anfang der Bibel. Dies ist die fundamentalste Vorannahme, die ein Monotheist kennt. Denn es ist keine Erklärung, sondern der Anfang einer Erklärungskette. Dies müssen Gläubige also erst einmal hinnehmen. Wir kennen Vorannahmen auch aus einfacheren frühkindlichen Lehren, die wir gezogen haben: Wenn ich von einem Stuhl herunterfallen kann, dann auch von einem anderen. Dennoch ist die Tatsache, dass jeder beliebiger Apfel auf Newton hätte fallen können kein Beweis für die Schwerkraft! Ich möchte hier nicht so weit gehen die Schwerkraft zu bezweifeln, aber ich möchte dass Sie Mechanismen des Denkens erkennen und hinterfragen. Viel zu oft in der Geschichte wurde durch Propaganda immer und immer wieder auf Vorannahmen aufgebaut, die irgendwann nicht mehr hinterfragt wurden. Die Logik beginnt erst hinterher schlüssig zu sein.
Die Seele muss aus irgendeiner Quelle oder Energie gespeist sein oder bestehen - Wenn diese Quelle unabhängig vom Körper ist, dann muss sie auch unabhängig vom körpereigenen Zellkräften sein. Somit ist fast sicher, dass die Seele den Körper überleben muss.
Diese Argumentation ist zwar kein Beweis, aber schlüssig. Vergessen wird dabei, dass wir die Vorannahme "Seele" einfach so akzeptieren. Natürlich liegt es mir fern über die Existenz von einer Seele zu diskutieren - ich möchte lediglich die Denkstrukturen aufzeigen, die Vorannahmen so mit sich bringen können. Je öfter eine Person mit gewissen Vorannahmen konfrontiert wird, desto wahrscheinlicher ist die "Übernahme" dieser Annahme.
Je nach Vorannahme werden dann die daraus resultierenden Schlussfolgerungen logisch:
- Wenn Verstorbene in unserer Welt bleiben, dann kann es auch Möglichkeiten der Kommunikation geben
- Wenn unsere Seele unsterblich ist und wieder geboren wird, dann könnte es auch Wege geben auf diese "Erinnerung" zurückzugreifen
- Wenn wir alle über das Kronenchakra verbunden sind, dann kann es sowas wie einen Kollektivbewusstsein geben
Alle diese Überlegungen sind sehr wahrscheinlich - solange man die Vorannahme dazu verinnerlicht hat. wie gesagt könnten wir ganz ohne Vorannahmen nicht funktionieren; dennoch sollten wir sehr genau prüfen welche Vorannahmen wir für uns beschlossen haben.
Der alternative Status vs. konventioneller Leistungsdruck
Der letzte Punkt auf den ich beispielhaft (aber nicht umfänglich) eingehen möchte ist ein Gruppenphänomen. Der Status innerhalb einer Gruppe definiert je nach Persönlichkeit unterschiedlich stark unsere Selbsteinschätzung.
Es tut schlicht und ergreifend unglaublich gut entlastet zu werden. Ob nun in fundamentalen Glaubensfragen (Du wirst nicht sterben, deine Seele lebt weiter) wie auch im unmittelbaren Umfeld. Und so fallen wieder die viel zitierten Parallelen zu Unsicherheit und Arbeitslosigkeit auf: Der durchschnittliche "Lichtarbeiter" ist wirtschaftlich nicht erfolgreich, konnte sich nicht im Mainstream-Status durchsetzen und verfällt nur allzu gerne dem Glauben, dass dies auch nicht wichtig sei. Andere Bestätigungen unter Gleichgläubigen sind erreichbarer und geben das Selbstgefühl, dass eine breitere Masse nicht vermitteln konnte. Dieses Phänomen betrifft uns alle in unterschiedlichen Begebenheiten, oder war nicht zufällig das Schulfach Ihr liebstes, in welchem Sie auch die beste Leistung erbracht haben?
Abschließend scheint es also wie ein Pokerspiel des - nennen wir es passenderweise - Schicksals welchen Glauben wir für uns festsetzen. Alle Mechanismen (und ich habe hier nur einige genannt), die zu einer "Flucht in die Esoterik" führen sind grundsätzlich gesunde menschliche Eigenschaften. Was wahr ist also scheinbar inpiduell.
(* auf den Dialog, der sich um die Übersetzung des Johannisevangeliums von "Logos" als "Wort" aufgetan hat, kann ich hier nicht eingehen. Meine Argumentation bleibt aber auch bei anderen Übersetzungsvorschlägen wie "Kraft", "Lehre" oder "Sinn" schlüssig.)
Stefan Röhrl
Mitgründer der Celino Psychological Classification Method