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Von der gefährlichen Suche nach guten dramatischen Reisen

Autor: AsianOutlook | Erstellt am: 15.07.2009 | Gelesen: 964
Kategorie: Musik - Kino & Entertainment | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Regisseur Jag Mundhra erzählt, was passieren kann, wenn man zu seinen Ansichten steht.

Der Regisseur des Films
Der Regisseur des Films
Jag Mundhras Film „Provoked" erzählt die wahre Geschichte einer misshandelten Ehefrau, Kiranjit Ahluwalia, die ihren Mann anzündete und vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurde, nachdem ihr Verfahren als Präzedenzfall in England Rechtsgeschichte geschrieben hatte. Der Film wird auch zwei Jahre nach seiner Veröffentlichung auf Filmfesten gefeiert; der Star des Films, die ehemalige Miss World Aishwarya Rai und Miranda Richardson, Nandita Das und Robbie Coltrane in weiteren wichtigen Rollen ziehen nach wie vor das Publikum an und befördern die Diskussion für die Sache der ehelichen Gewalt. Aber was geschieht eigentlich hinter den Kulissen, wenn ein Kinoerfolg entsteht? Der Regisseur Jag Mundhra, der familiäre Beziehungen zu Deutschland hat, erzählt sehr offen von den Hindernissen und Chancen, die sich im Hintergrund auftun. Während seines Besuches bei der „Woche des britischen Films" des Mainzer Filminstituts nimmt der 59-Jährige sich Zeit für ein Gespräch.

Wie geht es denn der echten Kiranjit?

Bei der Premiere des Filmes in Cannes 2006 dachte sie ja, ihr Leben würde sich nicht sehr verändern. „Es geht ihr gut, sie hat es genossen, bei der Premiere neben Aishwarya zu stehen, und sie arbeitet immer noch für die Post. Ihre beiden Söhne studieren und unterstützen ihre Mutter sehr. Sie hatte sich ja große Sorgen gemacht, wie ihre Söhne reagieren würden, denn schließlich war es ja ihr Vater, den sie umgebracht hatte. Aber das haben sie überwunden."

Aishwarya Rai hat sich sehr stark für den Film engagiert und wollte von ganzem Herzen mit ihrer Prominenz den Kampf gegen häusliche Gewalt unterstützen, aber dann, bei der Pressekonferenz in Cannes, interessierte sich die Presse nur für ihre Roben. Wie ging es ihr dabei?

„Nun, das ist die Schattenseite des Ruhms. Andererseits hilft ein solcher Prominenter natürlich sehr. Es ist nämlich tatsächlich so, dass der Film ohne sie gar nicht existieren würde. Ich war schon eineinhalb Jahre mit dem Drehbuch unterwegs, aber niemand wollte den Film produzieren. Aber als sie dann zusagte, ging es plötzlich ganz schnell und die Gelder flossen. Außerdem hatte sie eine starke persönliche Motivation, die Rolle zu spielen. Wenn sogar sie, der Inbegriff von Schönheit, geschlagen worden war, dann konnte das jeder Frau passieren, und deshalb war sie absolut entschlossen, den Film zu machen. Zu dieser Zeit wussten in Bombay alle, dass sie in einer sehr problematischen Beziehung mit Salman Khan steckte; sie wurde mit blauem Auge und bandagiertem Arm auf einer Party gesehen und Salman gab sogar noch damit an. Ich ließ eine Bemerkung fallen, und seitdem spricht Salman nicht mehr mit mir. Nun, nach dem Film konnte Aishwarya viel offener mit dem Thema umgehen, ihre Haltung hatte sich geändert und sie war in der Lage, sich dazu zu bekennen. Die wirkliche Herausforderung für mich als Regisseur war aber, dem Publikum glaubhaft zu machen, dass diese wunderschöne Frau, dieses Schönheitsideal, eine misshandelte Ehefrau ist - und zwar innerhalb der ersten fünf Minuten. Ich habe ihr verboten, sich mit der echten Kiranjit vor Drehbeginn zu treffen, damit daraus keine Imitation würde; stattdessen sagte ich ihr, sie repräsentiere alle misshandelten Frauen. Alle ihre Szenen drehten wir dann innerhalb von nur 30 Tagen ab."

Der Film ist eine rein britische Produktion, und ein Teil der Finanzierung kommt von der „Bollywood Initiative". Was ist das eigentlich?

„Ich weiß gar nicht, ob es die noch gibt. Es war eine Initiative der Stadt Leicester zur Finanzierung von Filmen mit indischen Schauspielern und Schauplätzen in Großbritannien. So sollte die große Gruppe der indischstämmigen Briten angesprochen werden. Aktuell gibt es ein Abkommen zwischen Indien und Großbritannien, es ist gerade in Kraft getreten, zur Förderung der Koproduktion von Filmen. Wenn die gegenwärtige Wirtschaftskrise überwunden ist, kann man auf mehr solche Projekte hoffen."

Der Film richtete sich gezielt an das britische Publikum...

„Ja, und war ein Erfolg, nicht so sehr in dem Kinos, aver im Fernsehen und auf DVD auf jeden Fall. Es gibt da immer noch eine Hemmschwelle zwischen Zuschauergruppen. Briten schauen sich keine indischen Filme an und die Inder in Großbritannien nehmen das Angebot westlicher Filme nur zögerlich an. Es ist eine Trennung, die nur langsam überwunden wird. Und was Indien betrifft, so war uns von vornherein klar, dass der Film nur ein kleines Publikum erreichen würde, und deswegen haben wir uns keine allzu großen Hoffnungen gemacht. Natürlich lockte Aishwarya neugierige Zuschauer an. Ich glaube, es war auch ein Fehler, den Titel „Provoked" in der synchronisierten Hindi-Fassung beizubehalten, und da dachten die Leute, das sei immer noch ein englischer Film. Aber ein Film findet immer sein Publikum. Heute, mit der Einführung der Multiplex-Kinos, hat auch ein Nischenpublikum die Chance, seine Filme zu sehen; wenn sie es nicht im Kino tun, dann im Fernsehen oder auf DVD. Ich bekomme immer noch Emails von Frauen, die mir erzählen, dass sie nun ihre Männer verlassen haben, also hat der Film seinen Zweck erfüllt."

Jag Mundhra in Mainz
Regisseur Jag Mundhra zu Gast bei der "Woche des britischen Films" in Mainz.

Sie beschäftigen sich schon sehr lange mit der Sache von misshandelten Frauen, der erste Film, Kamla, kam schon 1985 in die Kinos. Warum ausgerechnet dieses Anliegen?

„Kamla (über eine versklavte und verkaufte Frau) berührte mich, als ich das Bühnenstück sah. In Kiranjits Buch „Circle of Light" war es eine einzige Zeile. Ich las, was sie im Gefängnis sagte: „Ich fühle mich frei."
Im Fall von „Balwinder, der wahren Geschichte einer vergewaltigten Frau, die im Jahr 2000 herauskam war es dasselbe, eine einzige anrührende Zeile.
Im Kino geht es um Drama. Dies beinhaltet einen Konflikt, der ein äußerer sein kann, was die Handlung ergibt, oder ein innerer, der den Charakter hervorbringt. Dann gibt es die Hauptfigur, die eine Reise durchlebt und sowohl Hauptfigur als auch Reise sollten so beschaffen sein, dass der Zuschauer sie angeregt verfolgt. Bei Frauen ist die emotionale Bindung größer, und Frauen durchleben auch gefährlichere Reisen."

„Shoot on Sight", Jag Mundhras Film über einen hohen Londoner Polizeibeamten, der sich pötzlich Misstrauen ausgesetzt sieht, nur weil er Muslim ist, funktioniert ähnlich. Dies führt zum nächsten Thema. Sowohl „Provoked" als auch „Shoot on Sight" bekamen eine Menge Sperrfeuer, bevor sie überhaupt die Kinos erreichten.

„Mit „Kamla" und „Balwinder" war es ganz genau so...vor dem Kinostart von „Balwinder" hätte man mich beinahe verhaftet, man beschuldigte mich, einen Konflikt zwischen verfeindeten Kasten auszulösen.
Das Gerichtsverfahren im Fall von „Kamla" konnte erst vor dem Obersten Gerichtshof zu meinen Gunsten entschieden werden. Bei „Provoked" war die Sache die, dass ein Journalist am ersten Drehtag ein Interview mit Aishwarya Rai wollte, was er nicht bekam. Da wollte er es uns so richtig zeigen und behauptete, während einer Szene in einem Tempel hätten sich die Beteiligten, Schauspieler und Crew, nicht religiös einwandfrei verhalten. Das brachte eine religiöse Lobbygruppe in Rage und sie zogen vor Gericht. Zu unserem Glück war an dem besagten Tag aber ein BBC-Team dabei, das einen Dokumentarfilm drehte, und so konnten wir beweisen, dass der Journalist gelogen hatte. Bei „Shoot on Sight" gab es Beschwerden, weil Om Puri, ein Hindu, einen Muslim spielte. Während eine Szene in einer Moschee gedreht wurde, stürmte ein Pakistani den Drehort. Aber das geistliche Gremium, das mit uns zusammenarbeitete, warf den Mann hinaus."

Es scheint kein einziger Film mehr zu erscheinen, ohne dass sich in der allerletzten Minute irgendwelche Lobbyisten auftauchen. Vor kurzem musste aus einem Filmtitel das Wort „Barbier" entfernt werden, und aus europäischer Sicht ist das kaum nachvollziehbar...

„Ja, „Billu Barber". Das war so albern. Ich verstehe nicht, warum dem nachgegeben wurde. Und auch bei „Jodha Akhbar" gab es rechtliche Scherereien."

Möchte man da manchmal nicht einfach alles hinwerfen und aufgeben? Oder seine Filme woanders machen?

„Das habe ich ja, aber es hilft nicht. Man kann diese Leute einfach nicht über sein Leben bestimmen lassen. In Amerika ist es genau so."

Ich frage mich, ob ein Film wie Monty Pythons „Leben des Brian" heute überhaupt möglich wäre...

„Die Leute haben einfach ihren Sinn für Humor verloren. Und weil es mehr Fernsehkanäle gibt und rund um die Uhr Schlagzeilen gemacht werden müssen, werfen sie mit Dreck nach Allem und Jedem. Es geht auch noch etwas anderes schief: Eigentlich sollten die Behörden die Macht haben, solche Gruppen zu kontrollieren, aber sie tun es nicht."

Bedeutet das ängstlichere Regisseure und flachere Filme?

„Es wird immer Filme geben, die nur auf den Kassenerfolg abzielen, aber Regisseure sind in der Verantwortung, unbequeme Wahrheiten und unangenehme Geschichten zu erzählen, die man nicht einfach abtun kann. In asiatischen Bevölkerungsgruppen, wie der der indischstämmigen Briten zum Beispiel, gibt es die Angewohnheit, Probleme unter den Teppich zu kehren und Unrecht Außenstehenden gegenüber zu verschweigen. Aber das muss and Licht gebracht werden. Es gibt Filmmacher, die zu ihren Überzeugungen stehen, aber es sollte natürlich auch Politiker geben, die mutig genug sind, den Gesetzen Geltung zu verschaffen, anstatt sich in Händel, Abhängigkeiten oder Fraktionszwänge verstricken zu lassen."

Was ist Ihr nächstes Projekt?

„Im Moment arbeite ich an zwei Bollywoodfilmen, „Apartment" und „Chase" und es gibt Pläne für einen weiteren Film mit einem sozialen Anliegen, über eine Frau, die keine Kinder bekommen kann, was in Indien eine schwierige Situation darstellt."

Herr Mundhra, vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Daniela Happel (Asianoutlook.com)
Mit freundlicher Unterstützung des Instituts für Filmwissenschaften der Universität Mainz.
 
 
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