Vom Hexenwald an den Hang des Piz Palü
Es gibt eine Sache, die ich über alles liebe. Flohmärkte. Durchgestylte Verkaufstempel, Mitternachts-Shopping, dress-for-less, zahl zwei nimm drei. Für diese Arten von Verkaufsförderung bin ich unempfänglich. Quasi blind und taub. Die Fixsterne meines Konsumuniversums sind Flohmärkte. Von ihnen werde ich mottengleich angezogen. Diese Leidenschaft habe ich von meinem Großvater geerbt. Der hat mich schon früher, als ich noch ein kleines Kind war, immer auf den Flohmarkt mitgenommen. Wir sind immer von Stand zu Stand gegangen und haben uns ausgiebig umgeschaut. Wenn mir etwas besonders gefallen hat und es vor allem nicht zu teuer war, zeigte mir mein Großvater seine Fähigkeiten im Feilschen und Verhandeln. In diesem Bereich bin ich allerdings total talentfrei. Wenn mir eine Sache gefällt und mir die Verkäufer sympathisch sind, kaufe ich vom Fleck weg, ohne zu feilschen. Auch wenn ich versuche zu verhandeln, sieht man mir anscheinend meine Gier so deutlich an, dass die Verkäufer nur müde abwinken und bei ihrem Standpunkt bleiben. Aber ich bin auch nicht scharf auf Schnäppchen und ich bin schon gar kein Antiquitätenjäger, der teure Schätze zu finden hofft. Ein Monet, van Gogh oder ein da Vinci, als anonyme Ware den ahnungslosen Standbesitzern zu entreißen, das ist nicht mein Ding. Abgesehen davon ist die Möglichkeit heutzutage auf dem Flohmarkt richtig wertvolle Dinge zu entdecken so groß wie ein Sechser im Lotto.
Ich mag Nippes aller Art. Ich habe keine Kaufkriterien, die schablonenhaft erfüllt sein müssen. Originell sollten die Dinge sein. Und ganz wichtig, sie sollten eine Geschichte erzählen. Bei meinem letzten Besuch auf einem Flohmarkt in Berlin Friedrichshain, habe ich eine Kuckucksuhr erstanden. Das Motiv der Kuckucksuhr zeigte keine schnöde Blockhütte nach dem klassischen schwarzwälder Bauernhausprinzip, nein, diese Kuckucksuhr zeigte ein kleines, unförmiges und windschiefes Hexenhaus. Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, galt der Geschichte von Hänsel und Gretel, von den Brüdern Grimm. Als Kind gruselte mich die Geschichte zugegebener Maßen schon ein wenig, doch mittlerweile habe ich diese Angst überwunden.
Damit aber kein unterdrücktes Trauma aus den tiefen meines Unterbewusstseins den Weg an die geistige Oberfläche findet, habe ich dem Hexenhaus auf künstlerisch kreativem Wege den Gruselfaktor genommen. Dazu führte mich der erste Schritt auf die Internetseite www.strass.com, wo ich mir einige hundert kleine Strasssteine von Swarovski bestellt habe. Nachdem das Paket mit den Strasssteinen nach zwei Tagen bei mir eingetroffen war, begann der kreative Teil. Im zweiten Schritt klebte ich mit einem Spezialklebstoff die kleinen glitzernden Strasssteine in Manier eines Feinmechanikers auf die Fensterrahmen, die Veranda, den Schornstein und auf die Dachschindeln, bis aus dem gruseligen, alten Holzhaus eine glitzernde Après-Ski Hütte wurde.
Die Szenerie hat sich aus den Tiefen des gefährlichen Hexenwaldes an die steilen Bergwände des Piz Palü verlegt. Rein gedanklich, versteht sich. Doch dort fühle ich mich wohler, bei stimmungsvoller Musik und einem heißen Getränk auf Kakao-Bacardi-Basis inmitten netter Leute feiert es sich nett. Doch jede Party ist irgendwann mal vorbei und wenn die Uhr Mitternacht schlägt und alle Lichter aus sind und nur noch der Mond seine Schatten voraus wirft, gewinnt zu meinem Leidwesen die unheimliche Fassade des Hexenhauses wieder die Überhand.