Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Durch unser vorübergehendes duales Raum und Zeit Erleben nehmen wir am
Bühnen Effektder Vereinzelung teil, welcher den Sinn und Zweck erfüllt, unser Dasein in
scheinbarer Isolation, als Individualität getrennt von der Einheit zu erfahren. Diese Erfahrung hat auch zu Folge, daß wir die Welt, ihre Erscheinungen, also eigentlich alles, was wir betrachten, als uneins, als getrennt voneinander existierende Gegensatzpaare betrachten. Mit anderen Worten, wir sehen eigentlich mit dieser alles analysierenden und zerteilenden Blickweise immer nur Ausschnitte bzw.
einzelne Hälften des Gesamtbildes, und deshalb sind wir natürlich nur seltenst fähig, die wirkliche Schönheit und Vollkommenheit der Erscheinungen in uns aufzunehmen. Aus diesem Blickwinkel geschaut, erscheint uns unser Menschsein nicht selten als begrenzt, mangelhaft, unwürdig und letztendlich als
ungöttlich. Wir sehen den Menschen als unvollkommenes Wesen, als unfertig, manchmal sogar als nicht lebenswert, und wir schauen gleichzeitig neidisch in Richtung
Himmels Wesen, zur feinstofflichen Welt, zu all den idealisierten Vorstellungen, welche wir zur Genüge besitzen. Und projizieren diese Idealbilder in Richtung unserer Bilderwelt von Vollkommenheit. Wir erleben also schmerzliche Abgespaltenheit und Zerrissenheit, da wir uns unglaublich schwer tun, uns in unserer
Ganzheit wahrzunehmen.
Auf der anderen Seite haben wir eine fixe und irreale Vorstellung von der göttlichen Vollkommenheit, die irgendwo im Außen weit entfernt von uns existiert. Oft in einem Gefühl von Unzufriedenheit, Unmut, manchmal in Anklage gegen eine scheinbare Autorität, welche mutmaßlich unser Dasein hier im Unvollkommenen zu verantworten hat, erwächst in uns das Verlangen, sofort in die göttliche Vollkommenheit zu gehen, dem allen hier zu entfliehen, weil wir hiervon einfach genug haben. Wir wollen dorthin, wo es vollkommen ist und nicht hier verweilen, wo wir darunter leiden, in der Unvollkommenheit leben zu müssen und selbst unvollkommen zu sein. Dies alles entspricht selbstverständlich keineswegs der Realität, sondern ist nur aufgrund unserer trennenden Betrachtungsweise zu einem Teil unserer Wahrnehmung geworden und für manch einen zur unumstößlichen Realität. Auch wenn wir diese Bildergeschichten nicht unbedingt bewußt in unserem täglichen Leben entdecken können, ist es doch wahrscheinlich, daß wir die eine oder andere Version davon zumindest im Unbewußten in unserem Repertoire haben. Egal ob wir diese nun als uns teilhaftig entdecken oder erahnen oder ob wir dies nicht tun, der Wahrheit entsprechen sie nicht. Und all das, was wir in uns als getrennt und unvollkommen wahrnehmen, bewahrt in der Gesamtbild Betrachtung seine Vollkommenheit ungeachtet unserer vorübergehenden Wahrnehmungs Bildstörung. Von einer höheren Betrachtungswarte aus gesehen sind die Dinge immer eins und erscheinen nur getrennt. In diesem Fall muß zwangsläufig Vollkommenheit und Unvollkommenheit eins sein. Anders formuliert, die Unvollkommenheit ist in der Vollkommenheit be inhaltet. Was wiederum den Rückschluß nahelegt, daß unser unvollkommenes Dasein als Mensch auch gleichzeitig ein vollkommenes Dasein ist, auch wenn wir in unserem Zeitgeist der Unzufriedenheit zumeist nur diese eine unvollkommene Seite von den beiden existierenden wahrnehmen können.
Haben wir nun Einblick in größere, universellere Vorgänge und Zusammenhänge, ist uns auch der Begriff Vollkommenheit nicht mehr fremd, und wir erfahren sehr wohl, daß beides simultan bestehen kann und letztendlich als solches auch tatsächlich existiert. Wissen wir z. B. wirklich von der Absolutheit der Freiheit und ihrem Zusammenspiel mit Selbstverantwortung, sind wir diesem also schon in Form einer Vision, einer Gottes Erfahrung, Erleuchtung oder wie immer wir es auch nennen wollen begegnet, löst sich wie von selbst die irrige Vorstellung des Getrenntseins voneinander auf, und wir sind uns bewußt, daß die Wahrnehmung vom Getrenntsein und das Erleben vom Einssein nur eine Frage der Bewußtheit ist. Unsere Qualität der Wahrnehmung bestimmt also auch die Bildqualität des von uns Wahrgenommenen. Betrachten wir die Dinge nämlich mit unserer dualen Sichtweise, dann sehen wir sie eben auch als getrennt voneinander. Und betrachten wir sie andererseits mit „spirituellem Weitwinkel Objektiv", erweitert sich unser Blickwinkel, die Trennungslinien lösen sich eventuell auf, und die Dinge verschmelzen miteinander. Somit bekommt die Geschichte mit der hier auf Erden bestehenden Unvollkommenheit des Lebens und dem von uns ersehnten und allzu gerne bereisten abgeschiedenen Ort der Vollkommenheit einen ganz anderen Charakter. Denn wenn ich hier weggehe, wohin auch immer ich gehe, ich nehme meine Qualität der Bewußtheit mit. Und würde ich nun unvollkommenerweise in die scheinbar von uns getrennte Landschaft der Vollkommenheit eintreten, würde ich auch nichts anderes sehen, fühlen, denken und wollen, wie ich es auch hier tue. Was soviel heißt wie, falls unser Fokus auf Unvollkommenheit eingestellt ist, dann würden wir im Raume der Vollkommenheit dennoch nur Unvollkommenheit sehen und auch nur unserer Unvollkommenheit begegnen. Wir nehmen nur das wahr, was uns unsere individuelle Bewußtheit ermöglicht, und aus demselben Grund sehen wir hier auch nur die Unvollkommenheit der Welt und uns Menschen, weil wir eben unseren Fokus auf Analyse und nicht auf Synthese eingestellt haben. Wenn wir beginnen, unser Schauen wieder auf Zusammenfügung, Vereinigung, Ganzheit und Vollkommenheit einzustimmen, werden wir dem erwähnten Vollkommenen im Unvollkommenen auch wieder begegnen.
Vollkommenheit und Unvollkommenheit bestehen beide gleichzeitig, und es macht auch durchaus Sinn, daß wir auf Erden gerade diese Begrenztheit erfahren, da wir nun mal in dieser Ebene der Bewußtheit auf Erden leben und sich uns deshalb die Vollkommenheit in ihrem Dasein noch nicht zeigt oder zumindest nur selten zu erkennen gibt. Dennoch ist sie immer anwesend als universelle Gesetzmäßigkeit, und der Mensch, wie er ist, ist somit auch vollkommenen in seiner jetzigen Wahrnehmung der Unvollkommenheit. Und genauso vollkommen bei jedem einzelnen Schritt, den er tut in Richtung seiner unmittelbaren Erfahrung der nie abwesenden Vollkommenheit. Das heißt, auch wenn wir uns unvollkommen wahrnehmen, sind wir dennoch vollkommen, und wenn wir dann an dem Punkt angelangt sind, an dem wir dies realisieren, ändert sich an unserer Vollkommenheit nichts, aber es verändert sich unsere Bewußtheit darüber. Der relative Unterschied besteht nur in der Bewußtheit des Ganzen und in der Wahrnehmung, welche eine Auswirkung derselben ist. Wenn wir also wirklich Vollkommenheit erfahren wollen, können wir dies nur durch Bewußt Werdung erlangen, nicht durch einen Standortwechsel. Der Wechsel vom Standort hat keine Auswirkung auf unser Bewußtsein, unser Bewußtsein jedoch direkten Einfluß auf die Wahrnehmung unseres Standortes. Mit anderen Worten, wenn ich nun in den Himmel gehe würde, also von einem Ort zum anderen reisen und mein Bewußtsein bliebe dasselbe, würde ich ihn gar nicht als solches erkennen. Verändere ich jedoch mein Bewußtsein, verändert sich auch die Wahrnehmung der Örtlichkeit und das bedeutet, mein Bewußtsein transportiert mich unmittelbar in den Himmel, ohne daß ich mich dafür bewegen muß. Das Himmelreich ist in uns, daran wurden wir im Laufe der letzten Jahrhunderte des öfteren erinnert, und dies kann ich nur bestätigen.