Grosser Salon
Villa Cassalette (erbaut 1883–1888) ist ein Aachener Stadtpalast im historistischen Stil des Neumanierismus. Auf der Wilhelmstraße 30 präsentiert sich der fünfachsige Bau in drei Geschossen. Das ehemalige Stadtpalais und das heutige Suermondt-Ludwig-Museum steht unter Denkmalschutz. Der Linse Bau gehört zu den Baudenkmälern der Stadt Aachen.
Historie und Architektur
Villa Cassalette ist ein Gesamtkunstwerk in Architektur und Innenraumgestaltung, eine Ars Una. 1883 beginnt der Aachener Architekt Eduard Linse mit der Planung dieses Repräsentations-Bauwerks. Ein Jahr später erfolgt die Grundsteinlegung und weitere vier Jahre danach der Einzug. Das Privathaus wird von Eduard Linse in einheitlicher Durchführung gestaltet. Sein Auftraggeber und der Bauherr ist Eduard Cassalette, Enkel des Kratzenfabrikanten Peter Joseph Cassalette. Er läßt sich in den Jahren 1883 bis 1888 seine Villa in der Wilhelmstraße 30, heute Wilhelmstraße 18, erbauen. Für die Ausführung dieses Komplexes beauftragt er Eduard Linse. Cassalette wünscht sich einen Stadtpalast im Stil der italienischen Renaissance mit einem monumentalen Erscheinungsbild, einen Repräsentationsbau im Stil des gründerzeitlichen Neomanierismus. Der Baustoff des Auftrags lautet Sandstein. Dies ist im 19. Jahrhundert das Baumaterial. Sandstein ist ein weiches Gestein mit dem sich leicht Skulpturen und Ornamentik erarbeiten lassen. Die Innenräume sollen einerseits behaglich einladend, andererseits für die Bewirtschaftung und den Empfang größerer Gesellschaften geeignet sein. Eduard Cassalette stimmt dem Grundriss- und Fassaden-Entwurf von Linse weitgehend zu. Bei der Gestaltung der Straßenansicht wählt Linse Palastbauten aus Venedig als Vorbild, speziell die Außenfront der Biblioteca Marciana. Das stark bossierte Erdgeschoss ist in Polsterquaderwerk gehalten. Dem Rustikageschoss folgt die Bel Étage mit gemäß der Superposition ionischen und das zweite Geschoss mit korinthischen Kapitellen. Als Großordnung stehen pro Etage sechs hohe Säulenpaare vor den fünf Fenstern mit Säulenkleinordnungen. Dieses architektonische Formenspiel entstammt ebenfalls der Markusbibliothek und der Kolossalordnung. Jedoch setzt Linse vorne zwei Säulen und hebt damit die Leichtigkeit des venezianischen Bauwerks mit einer Vordersäule auf. Die seitlichen Abschluss-Säulen wandelt Linse in pilasterartige Pfeiler um. Die Schäfte der vorderen Säulen sind glatt, die der Fenstersäulen in römischer Kannelierung gehalten, der untere Teil des Säulenschaftes ist mit Pfeifen angereichert. Dies gliedert die Säulenfront horizontal entgegen der Betonung der Senkrechten durch die Säule und unterstreicht den Neomanieristischen Stil ebenso wie das Triglyphen-Metopen-Fries im unteren und nicht im oberen Bereich als Abschluss des Erdgeschosses. Die Metopen schmücken Rosetten-Ornamente. Zwischen den Fenstern ist die Fassade mit ornamentalen Reliefs in hohen Rechtecken angereichert. Die einzelnen Fenster sind triumphbogenartig gestaltet mit kassettierter Bogenlaibung. Die große durchgehende venezianische Galerie wird reduziert auf einen drei Fenster umfassenden auf Konsolen gesetzten Balkon und Balustraden. All dies verleiht dem Bauwerk einen nordischen Gesamteindruck von Schwere. Festons, Putten, die an den Bögen der Fenster anlehnenden Skulpturen und die Keilstein-Köpfe sind die von der Libreria abgeleiteten Schmuckelemente. Die Parterre Bögen werden mit Keilsteinköpfen geschmückt. Von den fünf Parterre-Köpfen stellt der Kopf über dem Eingang Herkules dar, erkenntlich an seinem Löwenkopfhut. In der Mitte ist Hermes mit seinem Flügelhelm dargestellt, flankiert von einem weiblichen Kopf mit Lorbeer und einem mit einer Krone, bei dem letzten scheint es sich um ein mit Lorbeer gekröntes bärtiges Haupt zu handeln. Die Fensterbögen der Bel Étage werden von Skulpturen à la Michelangelo's Tageszeiten der Medici-Gräber, die sich an die Bögen der Fenster in unterschiedlichsten Positionen seitlich anlehnen, flankiert. Die Attribute der zehn Skulpturen von Adoleszenten sind Palmwedel, Schwert, Armbrust, Spinnspule, eine Rückenskulptur, Flöte, Zeichenbrett, Buch, Seil mit Spaten und als letzte rechts ein Schmid mit Hammer und Amboss. Sie füllen den Raum optimal. Die Darstellungen von Linses Vorzeichnung sind teilweise variierend mit Flügeln aufgefasst. Die Fensterbögen der zweiten Etage schmücken florale Ornamente (Lorbeer-, Eichenäste, u.a.), das Laubwerk. An dem Gebälk werden mit Bändern verbundene Festons von 21 Putten getragen. Sie sind abwechselnd einzeln, in dreier Gruppen und je zwei an den Ecken in den verschiedensten Posen in reger Bewegung, stehend und gehend mit den schweren Fruchtgehängen zwischen sich und von flatternden Bändern umgeben dargestellt. Hinter dem Gebälk befindet sich das Mezzanin. Das Halbgeschoss ist zum Garten hin mit Fenstern ausgestattet. Die Gartenfront dieser Villa mit Parkanlage ist gegenüber der Straßenansicht schlicht gehalten. Zeitgemäß wird die Attika balustradenartig gestaltet. Auf Wunsch von Cassalette kommt ein Mansarden-Dach als oberer Abschluss hinzu. Vermutlich eine Reminiszenz an sein von Johann Joseph Couven erbautes Elternhaus/großelterliches Haus in der Peterstraße 44/46 Ecke Kurhausstraße. Linse's Ausführung sieht einen Dachfirst mit seitlichen Löwenköpfen als Bekrönung vor. Sein Bezug zu Venedig wird in Form von zahlreichen Löwen-Darstellungen offensichtlich. Die Kreuzkappengwölbedecke der Toreinfahrt wird von Säulen und Gurtbögen gegliedert.
Bauausführung
Zu Beginn der Bauarbeiten stellt sich der Schwemmsand des Untergrundes als Hindernis in den Weg. Die Berechnungen ergeben einen Druck der Baulast von 1,5 Kilo pro Quadratzentimeter. Ein Verbund von umgekehrten Gewölben unter den Grundmauern verhindert das ungleiche Setzen des Mauerwerks.
Eduard Linse führt Villa Cassalette mit folgenden Personen und Firmen aus:
- Architekturpläne: Architekt Wirth
- Konstruktionsbearbeitung und Bauleitung: Ingenieur Winand Linse, Aachen Hochstraße 34
- Bildhauerarbeiten der Fassade: W. Albermann, Köln
- Bildhauerarbeiten der Innenräume: A. Fischer, Aachen
- Bronzearbeiten: P. Stolz, Stuttgart
- Malerarbeiten: J. M. Keuffel, Frankfurt
- Kunsttischlerarbeiten: Actien-Gesellschaft "Mechanische Bautischlerei Oeyenhausen" und R. Reimann, Aachen
- Kunstschmiedearbeiten: Eduard Puls, Berlin
- Gobelins und Kunstmöbel: F. W. Rottmann, Aachen
- Marmorarbeiten: P. Kessel, Aachen
Innenraum
Pro Geschoss stehen circa 350 qm Wohnfläche zur Verfügung. Das Foyer ist geschossdurchgehend ähnlich einem antiken Lichthof und mit Glas überwölbt. Zu der reichen Innenausstattung gehören klassisch-manieristische Einrichtungsgegenstände wie ein Silberschrank und ein Springbrunnen im Erdgeschoss, eine Anrichte auf der zweiten Etage, entsprechende Wanddekorationen beispielsweise Goldtapeten sowie äquivalenter Deckenschmuck. Das Erdgeschoss besteht aus der seitlichen Kutscheneinfahrt mit Durchfahrt - einer Vorhalle - dem Ansprach-Zimmer - dem Empfangszimmer - dem Wohnzimmer, (der heutigen Bibliothek) - einer Garderobe – einem Personenaufzug – dem Lichthof - dem Speisezimmer - der Terrasse - einem Anrichtezimmer - der Küche - einem Dienerzimmer und dem Speiseaufzug.
Zu der ersten Etage und dem zweiten Obergeschoss gehören eine Vorhalle - das Herrenzimmer - der kleine Salon – der große Salon - der Orchesterraum - der Festsaal - der Wintergarten mit einer Grotte - das Schlafzimmer - ein Vorzimmer – der Lichthof - eine Garderobe - der Personenaufzug - der Speiseaufzug - II.: vier Schlafzimmer - ein Fremdenzimmer - das Badezimmer - das Kinderzimmer und ein Bügelzimmer.
Museum
Vor dem Einzug des Museums wird der Linse-Bau außer kleineren innerbaulichen Veränderungen mit einem rückwärtigen zweigeschossigen fünfachsigen Gebäudeteil inklusive Oberlichtsälen von Joseph Laurent 1900/1901 erweitert. Ein U-förmiger zweiter Erweiterungsbau um das rückwärtige Treppenhaus mit drei Seitenlichtsälen im Erdgeschoss und fünf Oberlichtsälen im Obergeschoss erfolgt um 1930 und ist seit 1907 in Planung. Die ehemalige Kutschen-Ein- und -Durchfahrt von 11 × 90 m wird 1992 bis 1994 von dem 1972 gegründeten Architekturbüro Busmann + Haberer mit einem dritten Erweiterungsbau im Stil der Spätmoderne ausgestaltet.
Die Villa Cassalette ist eine Sehenswürdigkeit der Route Charlemagne.
©Rosa-Marita Schrouff, alias: RMS-Scriptorin