Rückblickend ziehen Mediziner, Psychologen und Sozialwissenschaftler eine positive Bilanz - und verweisen auf die Situation vor Einführung des Mittels. Damals gab es für Männer mit Erektionsstörungen, immerhin schätzungsweise acht Prozent der männlichen Bundesbürger, wenig Hoffnung. In ihrer Verzweiflung griffen einige auf abenteuerliche Apparaturen zurück. Aber das Hantieren mit einer Vakuumpumpe oder die Injektion eines Potenzmittels in den Schwellkörper sind der intimen Stimmung beim Sex nicht gerade zuträglich. "Das war für viele Männer eine Qual. Und auch für ihre Partnerinnen", sagt Jakob Pastötter von der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung.
Im Gegensatz zu früheren Hilfsmitteln führen die sogenannten PDE-5-Hemmer - neben Viagra auch die Folgepräparate Cialis und Levitra - nicht zwangsläufig zu einer Erektion, sondern nur bei einer Stimulierung. Dann wird im Schwellkörper der Botenstoff cGMP freigesetzt, der für eine Erektion unabdingbar ist. Viagra hemmt das Enzym PDE-5, das diesen Botenstoff abbaut, und hält ihn dadurch über dem für eine Erektion erforderlichen Schwellenwert.
Aber Viagra revolutionierte nicht nur die Therapie der erektilen Dysfunktion, sondern das Mittel löste auch das gesellschaftliche Tabu um das bis dahin meist verschämt verschwiegene Thema. "Es ist heute einfacher, über Erektionsstörungen zu reden", sagt Hartmann. "Mehr Menschen wissen, dass sie sich damit nicht abfinden müssen, und suchen professionelle Hilfe."
Zwar können psychische Faktoren und auch organische Ursachen wie etwa Diabetes, Bluthochdruck oder Nebenwirkungen von Medikamenten die Potenz lähmen. Aber in der Praxis lässt sich beides meist kaum voneinander trennen. "Es ist fast immer eine Mischung", so Hartmann. Habe ein Mann mehrmals hintereinander einen Durchhänger, werde jede sexuelle Begegnung zur Zitterpartie. Im schlimmsten Fall führt die Versagensangst dazu, dass er solche Situationen ganz meidet. "Unsicherheit ist der größte Lustkiller", weiß Hartmann.
Die PDE-5-Hemmer wirken dem Sexualtherapeuten zufolge weitgehend unabhängig von der Ursache. "Man kann damit einer breiten Palette von Patienten helfen", sagt er. Dabei sei der Rückgriff auf die Pille keineswegs bei allen Betroffenen dauerhaft erforderlich. Gerade wenn Versagensängste den Sex lähmten, helfe mitunter eine zeitweilige "Viagra-Kur". Ein Teil der Patienten erlangt dann wieder eine normale Erektionsfähigkeit.
Derzeit nehmen 370 000 Männer in Deutschland Viagra, teilte Hersteller Pfizer mit. Seit Zulassung haben weltweit 35 Millionen Männer
Viagra angewendet, davon mehr als eine Million in Deutschland. 80 Prozent der deutschen Rezepte wurden für Patienten zwischen 40 und 70 Jahren ausgestellt.