Durchschnittlich sieben von zehn Männern mit Erektionsstörungen, so das Fazit der meisten bisher durchgeführten Studien, verhilft
Viagra zu mehr Potenz. Doch was kann ein Mann erwarten, der aufgrund einer Depression unter Impotenz leidet? Hilft das Mittel einem fünfundfünfzigjährigen Patienten nach einer radikalen Prostataoperation ebenso gut wie einem fünfunddreißigjährigen Diabetiker? "Eine Analyse der Patientengruppen ergab, daß
Viagra unabhängig von der Schwere der Erektionsstörung, ihrer Ursache, der Hautfarbe des Betroffenen und seinem Alter wirksam ist", verkündete der Hersteller Pfizer unmittelbar nach der Zulassung. Doch auf den zweiten Blick zeigt auch
Viagra Stärken und Schwächen.
Generell gilt: Je früher es eingenommen wird, desto wirksamer ist das Medikament. Im Anfangsstadium einer körperlichen oder psychischen Erkrankung, die der Erektionsstörung zugrunde liegt, wird die Aussicht auf Erfolg am größten sein. Weit weniger Hoffnung sollten sich dagegen Patienten mit schweren organischen Störungen machen, die wegen einer fortgeschrittenen Arteriosklerose oder einer radikalen Prostataoperation keine Erektionen mehr bekommen können.
Die größten Erfolge verbuchten die Pfizer Forscher bei Patienten mit leichteren psychischen Störungen. Vierundachtzig Prozent der Männer gaben nach
Einnahme von Viagra an, daß ihre sexuellen Bemühungen häufiger mit einer befriedigenden Penetration endeten und zudem die Erektionen länger erhalten blieben als zuvor. Sieben von zehn Schäferstündchen verliefen aus Sicht der Studienteilnehmer erfolgreich.
Aber auch in der Placebogruppe, die ohne es zu wissen ein Scheinmedikament ohne den Wirkstoff Sildenafil erhalten hatte, berichteten immerhin sechsundzwanzig Prozent der Männer über verbesserte Erektionen. "Bei diesen Patienten", sagt Ullrich Schwarzer, "brauche ich auch kein Viagra. Da reicht oft ein leichtes Mittel wie
Yohimbin."
Auf den ersten Blick gut scheinen die Aussichten auch für Männer zu sein, die etwas gegen die in fortgeschrittenem Aller einsetzende Gedächtnisschwäche, nachlassende Libido und sich häufende Aussetzer im Bett tun möchten. Inwieweit der Mangel an Testosteron für dieses "männliche Klimakterium" verantwortlich ist, darüber streiten die Gelehrten. Wer sich allerdings allein mit den neuen baby blauen Pillen über seine schwindende sexuelle Energie hinwegsetzen will, dürfte zu kurz greifen: Hinter der Potenzschwäche stehen meist beruflicher Streß oder andere persönliche Probleme. Und dagegen ist Viagra machtlos.
Auffallend gut (dreiundachtzig Prozent Erfolgsrate) sprachen in einer von Pfizer in Auftrag gegebenen Studie Patienten auf Viagra an, die aufgrund einer Rückenmarksverletzung keine ausreichend kräftigen Erektionen mehr hatten. "Bei sechs von zehn Querschnittsgelähmten ist noch ein Rest an Erektionsfähigkeit erhalten", berichtet der Urologe Manfred Stöhrer vom Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus in Murnau. "In diesen Eällen können
Potenzmittel wie Viagra durchaus helfen."
Bei Diabetikern scheint Viagra weniger gut anzuschlagen. Im Durchschnitt berichteten siebenundfünfzig Prozent der zuckerkranken Männer nach Einnahme des Medikaments über deutlich stärkere Erektionen. Fast jeder zweite Versuch, Geschlechtsverkehr auszuüben, war erfolgreich, und zwar unabhängig davon, ob die Erektionsstörung durch einen Diabetes Typ I ("insulinpflichtiger Diabetes") oder Typ II ("Altersdiabetes") hervorgerufen wurde.
Veränderung der Blutgefäße (Arteriosklerose) für den
Mangel an Potenz verantwortlich ist. Gerhard Willms von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft vermutet, daß sich der Wirkstoff durchaus zur Behandlung von neurologisch bedingter Impotenz eignen dürfte. Sind hingegen Durchblutungsstörungen für die Sexualstörung verantwortlich, schätzt er die Chancen eher gering ein. "Für eine endgültige Einschätzung zum Einsatz von Viagra bei Diabetikern ist die Datenlage noch zu schlecht", sagt Willms und rät vorläufig zur Vorsicht. In jedem Fall solle ein Belastungs-EKG erstellt werden, um das Ausmaß krankhafter Veränderungen des Gefäßsystems festzustellen, bevor ein Diabetiker mit einem Rezept für die Potenzpille in die Apotheke gehe.
Als der amerikanische Senator Bob Dole in einer Talk-Show des Nachrichtensenders CNN einem Millionenpublikum eröffnete: "Es ist ein tolles Mittel!", machte er damit Tausenden von Schicksalsgenossen Mut. Dole, der nach der Entfernung seiner vom Krebs befallenen Prostata auch einen Teil seiner Manneskraft eingebüßt hatte, hatte im Rahmen einer klinischen Studie Viagra geschluckt und war begeistert.
Die Zahlen aus der Klinik sind indes weniger überzeugend: Durchschnittlich dreiundvierzig Prozent der nach einer "Prostatektomie» impotent gewordenen Versuchspersonen gaben nach der Einnahme von Viagra an, ihre Erektionsfähigkeit habe sich verbessert das waren immerhin dreimal mehr Zufriedene als in der Placebogruppe. Derartige Ergebnisse sind jedoch mit Vorsicht zu genießen: Viele medizinischen Zentren in den USA arbeiten mit "ausgewähltem Patientengut". Wer bestimmte Kriterien nicht erfüllt zum Beispiel ein Mindestmaß an verbliebener Erektionsfähigkeit, wird zur nächsten Klinik geschickt. Deshalb geben die Ergebnisse internationaler klinischer Studien häufig nur ein ungefähres Bild davon, wie gut das Medikament beim Durchschnitt aller Prostatapatienten wirkt. "Komplette Fehlanzeige" war
Viagra beispielsweise bei den Prostatapatienten, die Ullrich Schwarzer in seiner Praxis bisher mit dem Pfizer Medikament behandelt hat.
Geringe Hoffnungen, mit Hilfe von Viagra zu neuer
Potenz zu kommen, zeichnen sich für Männer mit schweren psychogenen Störungen ab, etwa für depressive oder schizophrene Patienten. Ebenso gering schätzen Urologen die Erfolgsaussichten bei einer fortgeschrittenen Arteriosklerose ein. Ist die Blutzufuhr infolge von Ablagerungen in den Arterien, die den Penis mit Blut versorgen, zu stark gedrosselt, beginnt das Gewebe der Schwellkörper abzusterben. Dann ist auch Viagra die Wirkungsgrundlage entzogen.
Unabhängig von der Ursache organisch, psychisch oder beides scheint Viagra offenbar die allgemeine Lebensqualität von Männern mit Erektionsstörungen zu verbessern. Viele Versuchspersonen, die im Rahmen verschiedener Testreihen mit dem neuen Medikament behandelt worden waren, fühlten sich besser, klagten weniger über seelische Durchhänger und waren insgesamt ausgeglichener als die Männer, die nur ein
Scheinmedikament erhalten hatten.
Soweit die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen, durchgeführt an Dutzenden hochkarätiger Kliniken in Europa und den USA. Die Studienleiter haben ihre Patienten dafür sorgfältig ausgewählt, die Einnahme des Mittels streng überwacht, jede Auffälligkeit penibel registriert.
Im alltäglichen Einsatz strahlt der blaue Stern am Firmament jedoch ein wenig blasser. Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) verfaßte drei Monate nach der Zulassung von Viagra in den USA eine erste offizielle Stellungnahme, in der sie die
Wirkung nüchterner bewertet. "Nach persönlicher Einschätzung sind Erfolgsraten zwischen dreißig und fünfzig Prozent... als realistisch anzusehen", formulierten die DGU-Vertreter Klaus Peter Jünemann aus Mannheim, der Hannoveraner Urologe Christian Stief und Gerd Ludwig aus Frankfurt. "Aber auch diese Erfolgsrate wäre zu begrüßen."
Rekordzahlen, wonach zwischen sechzig und fünfundachtzig Prozent der betroffenen Männer auf Viagra ansprechen, seien "sicher zu hoch angesetzt", glaubt Stief.