Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Die Angst,
jemanden oder etwas, also einen Menschen, einen Gegenstand, ein
sogenanntes „ Besitztum" zu verlieren, läßt uns nicht selten in einem Zwangverhalten des alles Kontrollierenwollens verharren. Die Befürchtung, daß etwas uns Nahestehendes kaputt oder abhanden gehen könnte, ein von uns geliebter Mensch sterben könnte und sich somit aus unserer Gegenwart verabschiedet, blockiert offenkundig das
freie Fließen und somit den
natürlichen Transformations Prozeß. Unser ständiges Bemühen, die Zeit, den Raum und damit alles, was wir scheinbar besitzen, in einen konstanten, immer gleichbleibenden Zustand der Stasis einzufrieren, also unser Versuch, Kontrolle auf den Lebens Prozeß als solches auszuüben, ist ein aus unserer Verzweiflung geborenes Mittel, mit welchem wir uns der Verlustangst entgegenstellen. In diesem Zustand der
spirituellen Kurzsichtigkeit fällt es uns selbstverständlich nicht leicht, den tieferen Sinn des Kommens und Gehens zu erfassen. Wenn etwas geht oder seinen Raum verläßt, macht es nämlich immer auch Platz für etwas Neues, wird somit auch zur Geburtstätte des Werdenden, des zukünftig Neugeborenen. Tod und Geburt gehören zusammen, sind eins, der Prozeß der Schöpfung bedarf beides, um weiterhin fortlaufend zu wandeln und zu existieren. Wäre das nicht so, gebe es nur
einen Anfang und
ein Ende, was bedeuten würde, daß vor diesem Anfang nichts existierte und nach dem einzig bestehenden Ende auch nichts weiteres existieren wird. Daß also nur das Sichtbare existent ist, und das Leben nur das definiert, was wir mit unseren Augen sehen können. Eine trostlose Vorstellung, welche aus der oberflächlichen Betrachtung der Erscheinungen herstammt und
keineswegs dem Wunder des Lebens gerecht wird. Und diese These, welche eigentlich logisch betrachtet das Leben, sein wundersames Entstehen und sein zum Staunen bringendes Wachsen und Gedeihen verleugnet und somit generell die unbestreitbare Schönheit der Entfaltung seines puren Seins verneint, wird zudem auch nicht gerade selten als allgemeingültiges Naturgesetz vertreten, und dies vor allem von denjenigen, welche das oberflächlich Sichtbare, die Materie an sich also, als das einzig Existierende im Universum betrachten. Und somit alles Geistige, Spirituelle, demnach alle unsichtbar wirkenden Kräfte als real existierend verleugnen.
Selbstverständlich beherbergen wir alle tendenziell diese materielle Betrachtungsweise der Dinge zumindest teilweise in uns, und wir müssen alle unseren eigenen ‚konstruktiven Umgang' mit diesem Umstand finden. Dennoch gibt es andererseits auch einen Menschen Typus, der ein solch dominantes Weltbild hat und fast schon eine ausschließliche materielle Sichtweise vertritt. Für jene Menschen gibt es „wirklich" nur das, was sie mit ihren physischen Augen sehen können, und alles andere ist praktisch das „Nichts" und ist somit nicht existent. Hierbei ist zumeist eine stark ausgerichtete Identifikation mit dem Körper, insbesondere mit dem Kopf als zentraler Sitz der Vernunft, als Wohnsitz des Ichs zu erkennen. Da ja bei jener Wahrnehmungs Art nichts wirklich ist außer die Materie, nichts wirklich besteht außer der Körper an sich, liegt die Identifikation mit ihm nahe. Was ja auch einer gewissen Logik des Überlebenstriebes entspringt, da wir darauf angewiesen sind, ein Erklärungsmodell zu Verfügung zu haben, welches auf eine einfache Art und Weise unsere Existenz erklärt und diese eben auch berechtigt. Mit was sonst sollte man sich denn in diesem Falle auch identifizieren, wenn nicht mit dem Körper? Da ja laut dieser These nichts anderes besteht, nichts da ist, womit wir uns ansonsten identifizieren könnten, würde alles andere einem Identifikations Verlust gleichkommen. Und dies wäre in keinem Fall lebensfähig. Diese Identifikation mit der Materie birgt nun an sich den Ursprung für die Verlust Angst in sich. Der logische Zusammenhang ist eigentlich ganz einfach und schlüssig. Da die Dinge unserer Meinung nach nicht mehr existieren, wenn wir sie nicht mehr sehen, wenn wir sie also in körperlicher Hinsicht nicht mehr haben, also nicht mehr besitzen, verlieren wir den physischen Kontakt zu ihnen, und es entsteht in uns der Eindruck, daß wir sie für immer verloren haben. Wir halten also am Materiellen fest, haben Angst, es zu verlieren, weil es das einzige ist, womit wir uns identifizieren, womit wir scheinbar eine Verbindung zum Sein aufrecht erhalten. Da ist es eigentlich sehr verständlich und nachvollziehbar, daß unser Festhalten an Materiellem, an der Stabilität, welche uns scheinbar leben läßt und die Kraft definiert, welche uns zusammen hält, eine Angst vor Verlust dieser scheinbar einzigen Sicherheit mit sich bringt.
Ich gehe davon aus, daß es für die meisten Menschen, welche das hier lesen, nichts Neues ist, daß man auch eine andere Sichtweise neben der materiellen haben kann, welche voraussetzt, daß hinter all dem oberflächlich Erscheinenden ein unsichtbarWirkendes wohnt. Und aus diesem Grunde wird das von mir nachfolgend erwähnte zumindest erahnt, wenn nicht sogar selbst erfahren sein. Springen wir einfach mal zu den Menschen, welche auch noch andere Sinne wie die physischen entwickeln bzw. sich für die Funktionen der feinstofflichen Körper öffnen. In diesem Falle beginnt der Mensch neben dem Sehen der körperlichen, der materiellen Erscheinungen, auch noch etwas anderes wahrzunehmen, nämlich das zuvor Unsichtbare, Ungreifbare, das Undenkbare, welches in den Dingen oder auch hinter den Dingen wohnt. Er entwickelt die Fähigkeit, empathisch zu sein, intuitiv zu wissen, eine innere Stimme wahrzunehmen, und er beginnt Berührung, Kontakt mit dem Bewußtsein aufzunehmen, was in direkter Verbindung mit diesen Phänomenen steht. Und er fängt an, sich langsam von der starken Identifikations Verbindung mit dem Körperlichen abzulösen. Beginnt also mit den Erscheinungen in Berührung zu kommen, welche außerhalb von unserer materiellen Weltanschauung bestehen und welche wir als „feinstofflich" bezeichnen. Und er wird im Laufe der Zeit mit diesem Bewußtsein kontinuierlich Beziehung pflegen, was unweigerlich eine Annäherung, ein sich Hingezogenfühlen, ein Erahnen von Verwandt damit sein mit sich bringt. Letztendlich, wenn diese Beziehung weiterhin gepflegt und gehegt wird (und dieses Einbringen kontinuierlicher Pflege ist absolute Bedingung für ein Gedeihen in diese Richtung) wird sich das Gefühl des Übereinstimmens, der Gleichartigkeit einstellen, und der Mensch kann sich ab diesem Augenblick mit dem Bewußtsein identifizieren, welches wir das Göttliche, das Ursprüngliche von allem nennen. Das heißt, in diesem Moment weiß er, daß er nicht sein Körper, nicht seine Gefühle, nicht seine Gedanken ist, daß er dies als Bewußtsein alles nur vorübergehend besitzt, um „menschliche Erfahrung" zu sammeln. Daß er, der Mensch, essentiell Bewußt Sein ist, welches all diese Dinge betrachtet und in diesem Falle als bewußt wahrnehmendes Wesen, welchem vorübergehend ein Körper zu Verfügung steht, all jenes Irdische zu seinen Gunsten bestmöglich nutzen und verwerten kann. Also einen Körper hat und nicht der Körper ist. Sich mit dem verwandt fühlt, was nicht materiell und demnach vergänglich ist, nämlich sich dem nahe fühlt, was nicht vergeht oder sich verliert, mit dem Göttlichen und Ewigen an sich. Dies bedeutet wiederum, daß wir uns in diesem Falle bereits mit etwas identifiziert haben, was nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist und somit auch keine Angst zu haben brauchen, etwas zu verlieren. Ganz im Gegenteil, wir unterstützen das, was sich wandelt, also vergänglich ist, weil wir wissen, daß dies zum natürlichen Transformations Prozeß gehört und wir somit die Verwandlung nicht als Ende, als ultimativen Tod wahrnehmen, als Verlust also, sondern als ständiger Fluß des Gebärens, als einen willkommenen Gewinn des unendlichen Entfaltungsprozesses, der dem Leben grundsätzlich eigen ist. Die Dinge kommen und gehen, wir göttliche Wesen bleiben.