Der Beamte kostet dem Staat viel Geld. Vor allem wenn dieser alt wird. Nicht wenige fordern daher den Anteil der Beamten unter den Staatsbediensteten deutlich zu senken. Vor allem Lehrer werden in diesem Zusammenhang immer wieder genannt. Muss ein Lehrer Beamter sein? Wahrscheinlich würde die Mehrheit der Bevölkerung diese Frage verneinen.Einige Bundesländer haben in jüngster Vergangenheit den Gedanken in die Tat umgesetzt: Hamburg, Schleswig-Holstein, NRW und andere. Doch alle diese Länder haben die Regelung schnell wieder zurückgezogen, nachdem sie gesehen haben, dass ihre Kollegen, frei dem wirtschaftlichen Prinzip und der Mobilität, in anderen Bundesländern als Beamten unterkamen.
Im Zuge des immer deutlicher spürbaren Lehrermangels, vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern, weichen heute immer mehr Bundesländer die alte Regelung auf, nach der nur bis zum 35.Lebensjahr verbeamtet wird. In einigen Ländern ist das 50.Lebensjahr inzwischen die magische Grenze.
Doch nicht nur die Konkurrenz der Bundesländer untereinander spricht gegen eine Abschaffung des Lehrerbeamtentums. Der verbeamtete Lehrer ist sehr bequem für den Staat. Zum einen kann man ihm eine gewisse Anzahl an unbezahlten Überstunden verordnen, was auch reichlich ausgenutzt wird, zum anderen hat der Beamte nur eingeschränkte Rechte.
Angestellten Lehrern muss nicht nur jede Überstunde vergolten werden, viel schwerer wiegt, dass Angestellte das volle Streikrecht besitzen, der Beamte dagegen nicht.
Seit Jahren dringen immer mehr beängstigende Berichte aus den Schulen an die Öffentlichkeit. Lehrer werden angepöbelt, bespuckt, bedroht… Unterricht ist häufig nur noch eingeschränkt möglich.
Der jahrzehntelange Bildungssparkurs wirft unübersehbare dunkle Schatten: nur noch mittelmäßige Schulleistungen, unzumutbare Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten, hohes Aggressionspotenzial und nicht zuletzt die leider immer gehäufter auftretenden Attentate, denen Lehrer nun auch außerhalb der Schule ausgesetzt sind, wie die Tat an einer 35 jährigen Lehrerin in Bremen vor ein paar Tagen deutlich macht.
In keinem anderen Land Westeuropas stopft man die Klassen mit soviel Schüler voll wie in Deutschland. Im Schnitt sind unsere Klassen um 20-50% größer als die unserer Nachbarn.
In der freien Wirtschaft wissen die Lenker einer Firma um die Wichtigkeit eines arbeitsfreundlichen Klimas. Man versucht was möglich ist, um möglichst positive Arbeitsbedingungen zu schaffen. Unzufriedene Angestellte sind nicht nur unmotivierter, sie begehren auch leichter auf, was im Streik enden kann. Mit anderen Worten: Zufriedenstellende Arbeitsbedingungen erhöhen die Produktivität aller Beteiligten.
Dass die Arbeitsbedingungen an deutschen Schulen heute nicht mehr zufriedenstellend sind, wird von niemandem mehr ernsthaft bezweifelt. Und das gilt zunehmend nicht nur für Hauptschulen.
Wenn jedoch ein Großteil der Lehrer angestellt wäre, so muss man davon ausgehen, dass diese, in fähigen Gewerkschaften organisiert, von ihren gesellschaftlichen Rechten Gebrauch machen würden. Ein massenhafter Lehrerstreik ließe sich jedoch nicht auf die Schulen beschränken. Eltern müssten sich nach Betreuungsmöglichkeiten umschauen oder dem eigenen Job für die Streikdauer fernbleiben. Die betriebswirtschaftlichen Schäden für einzelne Unternehmen und der volkswirtschaftliche Schaden für das Land wären immens, mal abgesehen vom eigentlichen Bildungsausfall. Im Extremfall drohte sogar der gesellschaftliche Kollaps.
Zudem könnten massenhaft organisierte, angestellte Lehrer für sich einen gesonderten Vergütungsvertrag einfordern, natürlich auch wieder mit Hilfe des Streikrechts. Dass dieses Szenario so unmöglich nicht ist, haben die Mediziner vor noch gar nicht allzu langer Zeit erfolgreich durchexerziert.
Der verbeamtete Lehrer dagegen muss zu allem "ja" sagen. Man lässt ihn unter unwürdigen Arbeitsbedingungen arbeiten, lädt ihm gesellschaftlichen Nachlässigkeiten auf die Schulter, lässt ihn unbezahlt mehr arbeiten, gibt ihm über Jahre keine Lohnerhöhung, wie in den letzten 15 Jahren meist geschehen, streicht ihm stattdessen Sonderzahlungen, sodass er bei Mehrarbeit unter dem Strich deutlich weniger in der Tasche hat und begründet alles mit seiner Unkündbarkeit.
Ein Privileg, zweifelsohne, doch eines, dass er teuer bezahlen muss. Und was macht der verbeamtete Lehrer. Er hat keine Wahl und sagt zu allem, wenn auch zähneknirschend, ja, zumindest noch. Aber auch hier mehren sich die Stimmen, die behaupten, dass der Staat seine Fürsorgepflicht gegenüber Beamten nicht mehr ausreichend wahrnimmt.
Man wird sehen, was die Zukunft bringt. Doch eines ist sicher: Der Lehrermangel wird sich weiter verschärfen. Entsprechend werden die Arbeitsbedingungen noch weiter in den Keller rutschen und die Aggressivität an Schulen weiter steigen.
Diejenigen, die immer noch den angestellten Lehrer fordern, muss man ganz klar sagen: Es gibt, auch volkswirtschaftlich gesehen, unter den gegebenen Bedingungen, keinen bequemeren und günstigeren Lehrer als den verbeamteten.
ArneFrentzel