Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Eigentlich ist es
unmöglich, eine Veränderung zu erreichen, wenn wir uns im Grunde genommen gar
nicht ändern wollen und nur einen „genialen" Weg suchen, das Alte passend und für uns funktionierend neu zu gestalten. Dennoch versuchen wir dieses
Unmögliche immer wieder, mitunter sogar ein Leben lang. Wir wollen das Ergebnis verändern und die Wirkung manipulieren, ohne dabei tatsächlich auch die Ursachen dafür verändern zu wollen. Wir erwarten also bei wiederholt gleichbleibender Ursache und Handlung eine andere, veränderte und natürlich positivere Wirkung. Das ist in einem klaren Licht betrachtet paradox, utopisch und unmöglich. Wir wollen nicht in
ehrlicher Selbstbetrachtung die Realität erkunden, sondern wollen nur das Erfolgsrezept finden, welches das Alte, oftmals nicht mehr funktionierende, aber für uns Gewohnte erneut lebensfähig macht.
Ein sehr gutes und anschauliches Beispiel hierfür ist der Umgang mit Sucht. Das Suchtmittel ist dabei nur sekundär wichtig, da es auf das Suchtverhalten keinen Einfluß hat. Das Suchtverhalten ist vor allem davon geprägt, die Realität nicht annehmen zu wollen und die Bewußtwerdung der Realität zu vermeiden. Zu Beginn einer Suchtgeschichte steht meistens der Wunsch nach allgemeiner Erleichterung, das Verlangen nach einem Stückchen Frieden oder auch das Sehnen nach Stillung von oft jahrelang entsagter Befriedigung von Grund Bedürfnissen. Auf der Suche nach Erfüllung all jener Ermangelungen begegnen wir dann an einer unsererWeggabelungen einer stofflichen oder nichtstofflichen „Substanz", z. B. Drogen, Alkohol, Arbeit, Beziehung, Sport, Sex oder Internet Surfen. Wir haben somit den Erstkontakt mit „irgendetwas", was uns während des Anwendens anfänglich eine gewisse Erleichterung verschafft. Zwar erhalten wir nicht etwa das, wonach wir uns wirklich im Einzelfalle sehnen, aber der Kontakt zur Gefühlsebene wird erfolgreich unterbrochen, und wir fühlen den Herz Schmerz unserer ungestillten Bedürftigkeit nicht mehr. Wenn wir erst entdeckt haben, daß es etwas gibt, was uns scheinbar hilft, ist der Schritt zur Erhöhung der Dosis und somit zur Vergrößerung der Effizienz des zu erwartenden Wirkungsgrades nicht mehr allzu fern. Wir nehmen also von nun an mehr Drogen, arbeiten länger und intensiver, trainieren länger und öfter oder finden uns gewissermaßen gefangen in immer länger werdenden und anhaltenden Zeitabschnitten im Traumland der Phantasie, des Internets oder des Fernsehens wieder. In der ersten Zeit wirkt der angewendete Ersatz Stoff also auch so wie es zuvor erwünscht war. Und zwar in der Form, daß wir uns durch Anwendung desselben von unserem gefühlsmäßigen Kontakt unserer Bedürftigkeit abtrennen und uns somit der ganze Vorgang der Verdrängung als Lösung, als das Gelöstsein von Schmerz und Leiderscheint. Im Laufe der Entwicklung der Sucht, die nun durch ein ständig anwachsendes Leiden begleitet wird, entsteht das starke Bedürfnis und nicht viel später die dringende Notwendigkeit für Veränderung. Und schon längst ist diese Veränderung nur noch mit der eigentlichen Behebung der Ursache zu erreichen, was in diesem Falle als Lösungsmöglichkeit eben nur noch das Nicht Anwenden, das Nicht Einnehmen, der unbedingte Verzicht auf den Ersatzstoff beinhaltet.
Im „natürlichen" Suchtverlauf werden aber, man kann schon sagen, in einem „Akte der kreativen Schöpfung", ständig nach anderen Wegen der Veränderung gesucht, weil die Offensichtlichkeit des Verzichtens Müssens aufgrund zunehmender Abstumpfung der Sensibilität als nicht real relevant empfunden wird. Die Veränderung besteht generell vor allem im Variieren, Austauschen der Art des Suchtmittels und im Kontrollieren der Menge und der Häufigkeit des Gebrauchs. Hier ist schon deutlich zu erkennen, daß obwohl die Dringlichkeit und Notwendigkeit zur Veränderung nicht mehr zu leugnen ist, doch in keinster Weise die Ursache des ganzen verändert wird. Sondern nur ein Manipulieren an Symptomen und damit eine Beeinflussung der Ursache durch Veränderung der Wirkung ersucht wird. Dieser Versuch gleicht einem Wettkämpfer, der das Rennen am Ziel beginnt und Richtung Start rennt, ohne einsehen zu wollen, daß dies nicht den Regeln entspricht und keinesfalls an das gewünschte Ziel führt. Anstatt die Sucht als solches zu betrachten und sie als Ist Zustand zuzugeben, wird durch Einwirkung auf das süchtige Verhalten versucht, quasi rückwärts einen positiven Einfluß auf die Sucht, die aber Ursache ist, zu nehmen. Mit anderen Worten, wenn ich es schaffe, durch Kontrolle, durch die richtige Mischung, die richtige Menge, den „Zauberschlüssel" zu finden, dann ist alles wieder gut, ich kann genauso weitermachen wie bisher, und es geht mir auch noch gut dabei. Das deutlichste Paradoxon tritt aber erst dann hervor, wenn das Leid sich so stark ausgebreitet hat, daß die Notwendigkeit zum tatsächlichen Stop, zur Abstinenz gegeben ist. Dann macht unser Denken wirklich ein Spagat: Eine Stimme in mir sagt: "Eigentlich will ich ja nicht aufhören, aber wenn ich weiterleben will, muß ich aufhören. Was tue ich also? - Ich ergebe mich nur so weit, wie es auch wirklichlebensnotwendig ist. Ich höre auf, aber nur weil ich nicht anders kann und dies mit der Option, einfach wieder anzufangen, wenn wieder alles in geregelten Bahnen läuft, und dann soll es eben auch wieder richtig Spaß machen". Bis zu aller, allerletzt halte ich also an der Illusion fest, daß ich Kontrolle über das Ganze habe und kann und will mir nicht eingestehen, daß dies nicht funktionieren kann und daß dieser Weg mich eher in den Tod als ins Leben, also zu der Erfüllung meiner Bedürfnisse führt.
Mein Wille ist somit zu einem Werkzeug der Kontrolle geworden und dient mir nicht mehr dafür, mich tatsächlich für den Weg zu entscheiden, welcher auch wirklich zur Erfüllung meines Sehnens hinführt. Ich bin also immer noch nicht bereit, die Ursache zu betrachten, geschweige denn, etwas an ihr zu verändern. Und ich bin immer noch der Ansicht, wenn ich die Symptome in den Griff kriege, verschwindet die Ursache von alleine wieder. Das denken wir natürlich nicht wirklich bewußt, aber unbewußt ist da so ein seltsames, in sich logisches Konzept, welches uns oft lange Zeit, das Anschauen der Realität unmöglich macht. Eine Änderung ist auch wirklich erst dann möglich, wenn ich erkenne und vor mir eingestehen kann, daß ich die Verwandlung, die Veränderung eigentlich gar nicht will und daß dies der Hauptgrund dafür ist und war, daß sich nichts veränderte. Mein Nicht Verändernwollen als Süchtiger, nicht wirklich von der Droge oder dem sonstigen Ersatzstoff wegkommen und ohne ihn leben zu wollen, ist also Ursache für das scheinbar Unveränderliche. Mein beharrliches danach Suchen, einen Weg zu finden, kontrolliert, erfolgreich und selbstverständlich fröhlich weiter nehmen zu können, ist somit verantwortlich dafür, daß ich mich nicht ändere.
Die Bereitschaft und das wirklich starke innere Verlangen zur Wandlung ist hier zwingende Vorausetzung. Wenn wir auf starke Widerstände in unserer Entwicklung stoßen, tun wir gut daran, diese Qualitäten auf ihr Vorhandensein zu hinterfragen. Es ist zu empfehlen, unsere Bereitschaft zur Veränderung in jedem alltäglichen Bereich, bei dem unser Wunsch nach Veränderung keine Früchte trägt, zu überprüfen, nicht nur im Falle einer Suchtgeschichte, die uns als nicht funktionierend so drastisch ins Auge sticht.