Rainer Sauer/Autor/Dozent
Wir orientieren uns zumeist an der Leistungsfähigkeit, Effektivität, am Alter, an der Schönheit oder der sogenannten Häßlichkeit eines Körpers. Und erfreuen und bereichern uns nicht etwa, was eigentlich weitaus sinnvoller wäre, an seiner
ursprünglichen Zweckmäßigkeit. Der Körper hat nämlich die Fähigkeit, sehr komplex
wahrzunehmen, zu erleben, zu erfahren, zu begegnen, zu fühlen und vor allem unsere Erfahrung und somit unser Bewußtsein mit und über die Liebe zu erweitern. Um dies zu gewährleisten, „müssen" wir den Körper folglich als das ansehen, was er als Summe seiner umfassenden Fähigkeiten ist:
Wahrnehmungsorgan unseres höheren, göttlichen Seins; ein äußerst begabtes Gefüge von physischen und geistigen Sinnesorganen, welches als Ganzes gesehen eine
Wahrnehmungs-Einheit unseres Bewußtseins darstellt. Als diese erkannt und gewürdigt, ergibt es sich von selbst, daß eine Bewertung über Funktionsfähigkeit oder Effektivität derselben irrelevant ist. Da die Wahrnehmung als solches nicht mit menschlichen kategorisierenden Maßstäben zu messen ist, und weil eine Ein oder Zuordnung einer Impression immer gleich auch einer Trübung ihrer Ursprünglichkeit und somit einer Verfälschung ihres unmittelbar existierenden Bewußtseins und ihrer Erkenntnis Information gleichkommt, ist es erstrebenswert, jegliche Bewertung derselben außen vor zu lassen und uns ihrer
Unantastbarkeit zu erinnern. Und dieses ist gerade deshalb wichtig, weil die Wahrnehmungs-Erfahrung als solches ja immer auch grundsätzlich wertvolle Fracht transportiert.
Wahrnehmung ist nämlich einfach so, wie sie ist: ein Zusammenspiel des Wahrnehmenden mit dem Wahrgenommenen, und sie ist als solches immer absolut und vollkommen. Wahrnehmung ist demzufolge nicht objektiv bewertbar oder einzuordnen und zu bemessen. Unsere subjektive Bewertung, die z. B. die Behauptung aufstellt: „Ein Wahrnehmender kann gut oder schlecht, viel oder wenig wahrnehmen." wird dem äußerst komplexen Vorgang bestimmt nicht gerecht. Auch sonstige Versuche, Wahrnehmung einzuteilen oder zu klassifizieren sind grundsätzlich dem Ganzen gegenüber oppositionell und führen nur zu einer Abwertung des göttlichen Prozesses. Das Bewerten als solches vermindert außerdem unsere Fähigkeit, selbst bewußt am Wahrnehmungs Phänomen teilzunehmen. Alles, was uns von der unmittelbaren Verschmelzung des Wahrnehmenden mit dem Wahrgenommenen abhält, entspricht einer Vermeidung von Ursprünglicher Erfahrung und deren Informations Übermittlung. Dies bedeutet auch, daß unser Körper, egal wie er aussieht, was für eine Beschaffenheit er aufweist, mit anderen Worten, egal wie schön oder häßlich, wie intelligent oder primitiv er ist, sogar unabhängig davon, ob er eine sogenannte physische oder psychische Behinderung besitzt, dennoch alle Voraussetzungen zur Wahrnehmung hat, und alles und jedes, was er wahrnimmt, auch vollkommen ist. Was uns den Rückschluß erlaubt, daß auch unserer Wahrnehmung in einer sogenannten Krankheits Verfassung ihre ganz bestimmte Sinnhaftigkeit zugrunde liegt. Ein jeder Körper ist individuell und einzigartig, und folglich ist auch das von ihm Wahrgenommene unbedingt eigentümlich und infolgedessen unschätzbar kostbar und absolut einmalig. Und darin liegt auch das Besondere und Wertvolle unseres physischen Körpers und seiner Wahrnehmungsfähigkeit für das Ganze, für das Kollektive Bewußtsein. Einen Menschen, ein Tier, ein Wesen an sich, nach seiner äußeren Erscheinung zu bewerten, entfernt uns also von der Bewußtheit, daß hier eine körperliche Existenz besteht, welche eine unantastbare, ureigene Wahrnehmung des Göttlichen und seiner mannigfaltigen Gestaltung besitzt. Wir distanzieren uns somit von unserer puren Erfahrung des Wahrnehmens und des Verschmelzens mit Raum und Zeit, wenn wir in der Bewertung leben und uns nicht auf das Abenteuer einlassen können, uns ganz dem Augenblick und seiner innewohnenden Offenbarung hinzugeben. Daraus ergibt sich natürlich auch, daß wir weder beim Wahrnehmenden noch bei dem, was wahrgenommen wird, etwas verändern müssen. Daß somit keinerlei Bedarf für direkte Einflußnahme besteht und daß wir im Moment wirklich nichts perfektionieren, auch nichts entfernen oder etwas hinzufügen oder modifizieren müssen. Daß einfach alles gut ist, so wie es ist, und gerade in diesem Moment ein vollkommener Körper im Augenblick der vollkommenen Wahrnehmung existiert.