Rainer Sauer/Autor
Solange wir nicht ganz und gar bereit sind, in der Realität anzukommen und in ihr vorbehaltlos zu
sein, wobei dies ehrlich betrachtet noch oftmals ein wesentlicher Anteil unserer erlebten und selbstkreierten Realität ist, befinden wir uns weiterhin unweigerlich immer noch zumindest mit einem Fuße im
Land der Illusionen. In dieser illusionären Welt haben wir alle ein Idealbild von uns. Wir haben auf dieser irrealen Ebene alle ausnahmslos eine konkrete Vorstellung, wie wir zu sein haben, wie wir auszusehen haben, also ein klares Bild, welchen Kriterien wir zu entsprechen haben, um die ersehnte und lang vermißte Liebe zu erhalten. Da wir quasi
herausgefallen aus der Einheit notwendigerweise der absoluten Liebeserfahrung, der bewußten Erfahrung der universellen Eingebundenheit ermangeln, erleben wir unser Umfeld unseren Ansprüchen, unseren Bedürfnissen gegenüber nicht befriedigend ausgestattet. Mit anderen Worten, wir bekommen nicht sofort das, nach dem wir uns sehnen und verlangen, weil dies eben den irdischen Umständen entspricht. Hier gibt es dann verschiedenste Kräfte, welche am wirken sind. Z. B. erhalten wir das Erwünschte zum einen nicht, weil unsere Ansprüche absoluter Natur sind und diese nicht zu erfüllen sind und zum anderen, weil das tatsächlich Erreichbare auch nur auf dem Weg unserer Bewußtwerdung von uns selbst gestillt werden kann.
Dies ist selbstverständlich eine Vereinfachung, welche tatsächlich viel komplexere Verknüpfungen aufweist. Dann geschieht folgendes: wir mutmaßen, natürlich nicht auf Vernunftebene, dazu ist das Baby, das Kleinkind ja gar nicht imstande, sondern auf einer Art Gefühlsebene, daß in uns die Ursache für den Nichterhalt des Erwünschten liegt, daß bei uns etwas falsch ist, was dieses Phänomen auslöst. Der kindlich logische und unzweifelhaft unreife Rückschluß ist also: Wir bekommen das, was wir wollen, nicht, weil bei uns scheinbar etwas nicht stimmt. Der nächste logische Schritt auf dieser Reise der Selbstfindung führt also erstmalig weit von uns weg, und wir kreieren ein Idealbild, was den von uns ersehnten Erhalt potentiell gewährleistet. Das heißt, wenn ich es erreiche, diesem Idealbild zu entsprechen, wenn ich es erreiche, dieses Idealbild zu werden und zu sein, dann bekomme ich, was mir eigentlich zusteht. Ich betone nochmals, daß sich dies selbstverständlich alles mehr oder weniger im Unbewußten vollzieht und diese Interpretation eine durchaus hinkende bleibt, auch wenn sie dem Phänomen als solchem eigentlich recht nahe kommt.
Haben wir uns erst mal ein individuelles Idealbild geformt, springen wir diesem praktisch ein Leben lang hinterher, verleugnen unser wahres Selbst, weichen der Realität aus und verfolgen somit ein Traumbild, welches realistisch betrachtet nie zu erreichen ist. Es ist demnach für unsere Bewußtwerdung zwingend vonnöten, daß wir dieses Idealbild als illusionäre Erscheinung enttarnen und die Sinnlosigkeit unseres Strebens nach Erfüllung auf diese Weise eingestehen. Daß wir erkennen lernen, wo wir überall diesen Versuch starten, dem Idealbild zu entsprechen, und diesen verzweifelten Versuch, jemanden anders zu sein, rigoros abbrechen. Daß wir all die inneren Haltungen aufspüren und neutralisieren, welche uns weiterhin zu diesem Traumbild und nicht zu unserem wahren Selbst hinführen mögen. Wenn wir also wirklich realisieren, daß da eine Stimme in uns existiert, die bekundet, daß wir nicht wir selbst sein wollen, daß wir uns hingegen nach dem Erreichen des Idealbildes sehnen, dann haben wir einen wesentlichen Schritt in Richtung Selbst Befreiung getan. Und dieses Eingeständnis, dieser Akt der Annahme erlaubt uns, dieses Idealbild aufzufinden, es klar zu definieren, um es letztendlich seiner Einfluß Kraft zu entziehen. Hier sollten wir uns einfach nur erinnern, daß es nichts Schöneres und Einzigartigeres gibt als unsere wahre Identität und daß es eine Freude sein kann, auf der Suche nach ihr zu sein und ein wahrer Ausbruch von Freude, wenn wir dann in der Phase der Auffindung unserem wahren Selbst begegnen.