Kanzlerkandidat Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel traten heute Abend zum einzigen TV-Duell „Das erste Gefecht" vor der Bundestagswahl an. Beide sind sich ihrer Rolle bewusst, wirken selbstsicher und entschieden und werden als sachliche Führungsfigur wahrgenommen. Doch wo war das Feuer des Duells?
Der sachliche Dialog beherrschte den lang wirkenden 90-minütigen Austausch.
Frau Merkel wirkt an den Menschen orientiert, versteht die Sorgen und Ängste der Menschen. Herr Steinmeier zeigt Kompetenz. Technokratische und starke soziale Inhalte überwiegen, die allerdings ohne große Emotionen vorgetragen wurden.
Die Analyse1. Unterschiedliche Gewichtung der Themen-Schwerpunkte der "Duellanten" (Hauptanliegen)
2. Überzeugungskraft Sprechstil (sachlich/emotional)
3. Stand, Mimik, Blick, Gesten
4. Qualität der Aussagen (auswendig gelernt oder spontan authentisch)
5. Sprechtechnik (Sprechtempo, Deutlichkeit, Artikulation)
6. Optik der Duellanten (Kleidung, sonstiges Outfit)
1. Unterschiedliche Gewichtung der Themen-Schwerpunkte der "Duellanten" (Hauptanliegen)Unterschiedliche Gewichtung der Themen-Schwerpunkte der "Duellanten" (Hauptanliegen)
Steinmeier: Anfangs deutlich gemacht dass eine Bereiche Mindestlohn und Begrenzung der Managergehälter sind.
Merkel: Sie betont, dass die Arbeitslosigkeit sich runter entwickelt hat, aber noch weiter runter gehen.
Steinmeier: „Die Große Koalition hat gut gearbeitet. „
Merkel: Sie kontert geschickt „ Große Koalition gut gearbeitet unter meiner Führung!"
1:0 für die Kanzlerin!
Frau Merkel lässt die Entscheidung immer beim Zuschauer und wertschätzt ihn damit, z. B. Duett oder Duell: „Was man darunter versteht, überlassen wir mal besser den Zuschauern..". Sie will über Inhalte sprechen (sachlich) und nicht über diese Polarisierungsversuche.
MindestlohnBeim Thema Mindestlohn ist Steinmeier sehr gut vorbereitet. Geht in seiner Argumentation auf die tiefe Ebene, den Menschen, indem er das Augenmerk auf den Respekt und die Würde der arbeitenden Menschen lenkt. Hier bleibt Merkel mit Verweis auf das Entsendegesetz bürokratisch. Merkel merkt es und legt nach, obwohl die Diskussion schon bei Opel angekommen war. Nachbesserung trägt aber keine Früchte.
OpelKommentar: sie spielen einen Doppelpass, denn beide argumentieren für die gleiche Richtung und gegen die Fragesteller. Das scheint ein Weckruf für Steinmeier zu sein, der danach angriffslustiger wird.
Management-GehälterSteinmeier zieht das Spendenaufkommen von schwarz-gelb heran, das bis zu 3 Mio. von Banken etc stammt. Das ist eine Art Unterstellung. Merkel reagiert darauf kühl: „Das ist eine kühne Behauptung, da sollten wir vorsichtig sein."
Thema AtomkraftMerkel ist vorsichtig, bezeichnet Atomkraft als Brückentechnologie. Steinmeier hingegen klar und gut vorbereitet argumentiert mit Beispielen, z. B. Asse, Gorleben und warnt vor dem Zurückdrehen des seit 8 Jahren eingeschlagenen Weges. Das wirkt entschieden.
MerkelBeim Thema soziale Gerechtigkeit spielt Merkel ihren Ost-Nimbus. Menschen im Osten würden doch gern arbeiten....Auch gut ist ihr Bezug auf die Arcandor-Verkäuferin, die um ihren Job bangt.
GesundheitMerkel:"Ich glaube, dass viele Menschen große Sorgen haben." Gibt vor, die Menschen zu verstehen, an den Menschen orientiert zu sein. Und das nicht nur hier!
AfghanistanSteinmeier zum Termin des Rückzugs 2013: „Herr Klöppel, das ist nicht fair." Und dann mit seiner Kompetenz Klarstellung betrieben. Außenministerium ist halt sein Metier. „Als Außenminister kenne ich meine Verantwortung." Argumentiert gegen die Afghanistan-Forderung von den Linken (Lafontaine und Gysi), nicht gegen Merkel.
2.Überzeugungskraft Sprechstil (sachlich/emotional)SteinmeierEr greift leicht an, ist eher unemotional. Es ist wenig kampflustig.
Zu Beginn wirkt er hin und wieder wirkt er leicht gereizt:„Ich hatte Ihnen eben…"
Steinmeier benutzt gute Bilder wie : "Lohnspirale nach unten…" und unterstützt diese mit logischer Beweisführung.
Um 21:30 greif Steinmeier Frau Merkel das erste direkt mal zum Thema Wachstum an und wird emotionaler.
MerkelSie hat eine Begeisterungsfähigkeit, ist selbstbewusst und Botschafterin ihre eigene Ideen. Schlagfertig hat sie trotz Unterbrechungen der Journalisten ihre Aussagen parat. „Wir waren aber jetzt bei der…" gute und souveräne Steuerung des Fragenhagels der Journalisten.
3. Stand, Mimik, Blick, GestenSteinmeierNeben seiner schlechten Artikulation fehlen Gesten. Die Hände sind überwiegend auf dem Pult und unterstreichen seine Aussagen kaum. Sein Blick wirkt ernst und konzentriert. Seine Mimik ist sehr schwach, seine Augen und Augenbrauen sind fest. Er steht fest, ist allerdings nach vorne und hält sich am Pult fest. Dies wirkt unsicher. Er nutzt wenig Gesten und verleiht somit seine Aussagen weniger Bedeutung. Seine Stimme ist fest. Seine Stimmmodulation und ähnelt Gerhard Schröder Stimme.
MerkelLächelt hin und wieder souverän. Ihre Gesten gehen nach oben, Hände sind nicht auf dem Pult, sondern im positiven Gestenbereich oberhalb der Gürtellinie. Ihre Stimmführung ist fest, sie atmet tief durch, um dann mit fester lauter Stimme zu sprechen. Sie ist standfest und selbstsicher im Körper und hat aktive Gesten
4. Qualität der Aussagen (auswendig gelernt oder spontan authentisch)Beide Abschlussstatement wirken sehr auswendig gelernt. Hier hätten sich die Zuschauer sicherlich mehr Dynamik gewünscht.
Steinmeier„Sie haben doch die Aussagen in Erinnerung" wirkt besserwisserisch. Er bleibt trotz Unterbrechungen schön standfest und untermauert seine Aussagen.
Sein Abschlussstatement ist klar, jedoch auch undiplomatisch:
„Ich will ehrlich sein, wir sind mitten in der Krise und sind noch nicht über den Berg". Dies schafft kein Vertrauen für die Zuhörer. Er sprich entschlossen und sicher, allerdings macht Schwarz /Gelb schlecht, hier verliert er an Sympathiepunkten. Sehr gut ist seine 3fache Aufzählung „Ich stehe dafür, das….." Dann appelliert er „Machen Sie sich die Bedeutung dieser Entscheidung klar…" und wirkt sehr motivierend.
MerkelAussagen wie: „Herr Steinmeier hat gut gearbeitet unter meiner Führung" und „Ich beantworte die Frage so wie ich es mir vorgenommen habe" zeigen ihre Stärke und Steuerungskompetenz. Auch Ihre Antwort „Ich versuche ihre Fragen zu beantworten, bevor zwischen Duell oder Duett entscheiden." zeigt ihre Kontrolle in der Situation. Sie nutzt überlegte „Sowohl….als auch" Formulierungen wirken überlegt und diplomatisch anstatt die von den Journalisten forcierten Schulnoten oder Prozentaussagen.
Um 21:56 äußert sie: „Mir geht es um die Zukunft unserer Landes, und das ist mir bitterernst" Eine gute Verstärkung kurz vor dem Schluss.
Das Abschlussstatement von Frau Merkel wirkt sehr menschlich und schafft Nähe: Sie beginnt mit einem Danke für das bisherige Vertrauen und spricht Zuversicht aus, die Krise zu managen. Dann führt Sie fort mit den Punkten Familie, den Ausbau von Bildung und Forschung und die Arbeitsplatzsicherung.
Als die Mikrofone ausgeschaltet sind, geht Frau Merkel nach rechts auf Herrn Steinmeier zu und reicht ihm die Hand. Dann geht sie vor zu den Journalisten. Eine gute Geste.
5. Sprechtechnik (Sprechtempo, Deutlichkeit, Artikulation)Beide sprechen eher sachlich als emotional. Sicherlich hätten sich auch hier die Zuschauer mehr Dramatik und Lebendigkeit gewünscht.
SteinmeierDie Sprechtechnik ist nicht überzeugend, zumindest zum Beginn des Duells! Herr Steinmeier verschluckt hin und wieder Endungen. Später wird er etwas dynamischer im Stimmfall.
MerkelSie spricht mit Pausen, die Stimmmodulation könnte variantenreicher sein. Ihre Stimmlage ist gut, sie könnte jedoch deutlicher Wörter stimmlich hervorheben.
6. Optik der Duellanten (Kleidung, sonstiges Outfit)SteinmeierDas Sakko, das Hemd und die Krawatte die dem Anlass entsprechend klassisch und sehr gut abgestimmt. Die Farben Rot der Krawatte passen zur politischen Gesinnung
MerkelDer Blazer ist in schwarz passend zum Anlass. Die farbige Kette zum weißen Shirt ist gut gewählt.
Ihre Frisur und Make-up sind wie schon in den letzten Jahren gewohnt angemessen
Hintergrund:Das Zienterra Institut für Rhetorik und Kommunikation wurde 1960 gegründet und hat mehr als 40.000 Teilnehmer in über 6.200 Seminaren in den Themen Rhetorik, Dialektik, Kommunikation, Präsen¬¬tation, Moderation, Persönlichkeit, Argumentation, Körpersprache und freier Rede trainiert.
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