Internetbasierte Psychotherapie ist eine neue Entwicklung im Bereich der Klinischen Psychologie. Inzwischen wurden zahlreiche Metaanalysen zu den verschiedensten Störungsbildern und Angebotsformen publiziert, sowie ihre Wirksamkeit nachgewiesen (Andersson & Cuijpers, 2009, Barak et al., 2008). Insbesondere für die Behandlung der Angststörungen (z.B. soziale Phobie, Panikstörung) zeigten Online-Interventionen eine konstante empirische Evidenz (Spek et al., 2007) und langfristige Verbesserungseffekte (Calbring et al. 2009). Forschungsergebnisse belegen auch eine gute Wirksamkeit für die posttraumatische Belastungsstörung und komplizierte Trauerreaktion (vgl. Knaeveldsrud & Maercker, 2010). Die Kommunikation zwischen Patient und Therapeut findet dabei in der Regel ausschließlich übers Internet statt. Diese ortsunabhängige Kommunikationsform ermöglicht sogar eine innovative Behandlungsmöglichkeit für traumatisierte Patienten in Krisen- und Kriegsgebieten mit begrenzten medizinischen und psychologischen Versorgungsstrukturen.
Online-Unterstützungsangebote für Traumapatienten
Es existieren explizite Online-Unterstützungsangebote von professionellen Helfern für traumatisierte Patienten. Neben den allgemeinen Vor- aber auch Nachteilen von psychosozialen Interventionen via Internet (s. z.B. Eichenberg, 2008) sind bei entsprechenden Angeboten für Menschen nach traumatisierenden Ereignissen zusätzlich einige Besonderheiten zu reflektieren (Eichenberg & Malberg, 2011). Der große Vorteil einer Online-basierten-Konsultation liegt in der schnellen Konsultation ohne herkömmliche Wartezeiten. Dies kann der Chronifizierung einer akuten Belastungsstörung und somit der Ausbildung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entgegenwirken. Insbesondere bei Menschen mit Beziehungstraumata, wie sexueller Gewalt, kommt die Anonymität des Medium Internet den Betroffenen zu Beginn der Behandlung sehr entgegen. Weiterhin kann die positive Helfererfahrung bei Bedarf den Weg in „reale" Beratungs- und Therapieeinrichtungen bahnen.
Internetbasierte Beratung via E-Mail oder Telefon für Menschen nach traumatisierenden Ereignissen zeigt Wirkung. Die Berater/ Therapeuten bedienen sich dabei in dem Behandlungsprozess anerkannter Therapieverfahren. Die kognitive Verhaltenstherapie ist heute als wirksames therapeutisches Verfahren bei der Behandlung der PTBS anerkannt und beinhaltet typischerweise die Exposition mit traumarelevanten Reizen bzw. dem traumatischen Ereignis mit kognitiver Umstrukturierung (Bradley et al. 2005). Die Entwicklung der internetbasierten Psychotherapie („Interapy"), einer Online-Therapie, die ausschließlich auf Internetkontakten zwischen Therapeut und Patient basiert, begann als Projekt an der Universität Amsterdam. Das Programm reicht von PTBS, komplizierter Trauer bis hin zu Burn-out, Depressionen und Panikstörungen. Alle Behandlungen zeigten eine gute bis hohe Wirksamkeit (Lange et al. 2007, Ruwaard et al. 2007). Während die Interventionen in den Niederlanden bereits von den Krankenkassen finanziert werden, gibt es in Deutschland keine Möglichkeit der Rückerstattung.
Interapy beruht auf einem kognitiv-behavioralen Ansatz, dessen zentraler Bestandteil eine Schreibtherapie ist: Die Patienten werden dazu angeleitet, sich schriftlich mit dem traumatisierenden Ereignis zu beschäftigen. Auf diese Weise soll eine Habituation an die emotional belastenden Stimuli erreicht werden. Die Behandlung von PTBS Online umfasst eine Behandlungszeit von fünf Wochen, in denen die Patienten zweimal die Woche zu festen Zeiten schreiben. Die Therapie selbst besteht aus Psychoedukation und einem strukturierten Behandlungsmanual, welches ein individualisiertes Feedback des Therapeuten berücksichtigt. Die Patienten durchlaufen drei Behandlungsphasen: 1. Selbstkonfrontation, 2. Kognitive Umstrukturierung, 3. Social Sharing (andere teilhaben lassen). Inzwischen zeigte eine Reihe von Wirksamkeitsstudien, das internetbasierte Therapie für PTBS eine effektive Behandlungsmethode ist (u.a. Wagner & Lange, 2008).
Weitere Internetangebote verfolgen das Ziel, Traumaopfer in der akuten Phase aufzufangen und nicht die Traumatisierung im reinen Internetsetting durchzuarbeiten. Der Fokus wird demnach darauf gelegt, anfängliche Belastung zu lindern und v.a. mittels kognitiv-behavioraler Maßnahmen eine Stabilisierung zu erreichen. Hirai und Clum (2005) entwickelten ein achtwöchiges Online-Selbsthilfeprogramm für Betroffene mit PTBS-Symptomen im subklinischen Bereich, das aus schriftlichen Aufgaben sowie Informations- und Entspannungstrainingsmodulen besteht und im Vergleich zur Warteliste eine Reduktion der Symptome zeigte.
Traumatherapie über das Internet als neue Behandlungsmöglichkeit in Kriegs und Krisengebieten
Die ortsunabhängige Kommunikationsform des Medium Internets ermöglicht eine innovative Behandlungsmöglichkeit für traumatisierte Patienten in Krisen- und Kriegsgebieten mit begrenzten medizinischen und psychologischen Versorgungsstrukturen. So kann das Internet in Gebieten mit anhaltender Gewalt und Menschenrechtsverletzungen als humanitäre Brücke dienen. Erste Studien zeigen (Wagner, Schulz u. Knaevelsrud, submitted), dass Internettherapie insbesondere für Menschen, die sonst keinen Zugang zur therapeutischen Versorgung haben (z.B. Patienten im Irak), besonders hilfreich sein kann.
Autor: Demetris Malberg, Dipl. Psych.; wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel im Fachbereich „Theorie und Methodik der Beratung"; Online-Beraterin bei Therapion.com
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