Rainer Sauer/Autor
Die Angst vor dem Tod ist eine weitverbreitete Erscheinung, welche eine unglaublich große und schmerzverursachende Auswirkung mit sich bringt. Die Angst vor dem körperlichen Sterben und die damit verbundene Vorstellung der damit einhergehenden Auflösung unserer gesamten Existenz ist ein
tiefsitzender „Stachel" in unserem Bewußtsein, der unsere
Mobilitätsowie unsere Lebensfreude beträchtlich einschränkt. Da wir geneigt sind, unsere Existenz auf unser körperliches Dasein zu begrenzen, ist es selbstverständlich naheliegend, daß wir an einen Anfang und an ein Ende glauben, an Geburt und Tod, und die dazwischen liegende Zeitspanne als klar umrissene, biologisch gegebene Lebenszeit annehmen. Da nur wenige Menschen bewußten Kontakt zur spirituellen Welt als unvergängliche und grenzenlose Realität haben, welche der alltäglichen physischen Realität als Fundament und energetische Matrix dient, ist es selbstverständlich nicht allzu wunderlich, daß wir aufgrund des geringen Informationsgehalts, welchen wir auf der Ebene der physischen Wahrnehmung haben, zu dem Rückschluß gelangen, daß wir vor unserer leiblichen Geburt nicht existierten; daß deshalb auch die Vorstellung allgemein verbreitet und anerkannt ist, daß wir nicht anderweitig vorhanden, lebendig oder existent sein konnten, bevor wir körperlich in diesem Leben präsent wurden. Somit ist es auch durchaus verständlich, daß wir annehmen, daß für die Zeit nach dem Tode, da wir dann ja für jeden offensichtlich unsere Körperlichkeit auflösen, weiterhin kein Leben mehr besitzen und ein weiteres Existieren für unsere begrenzte physische Wahrnehmungsfähigkeit nicht mehr stattfinden kann. Wenn wir also davon ausgehen, daß wir nur existent und am Leben sind, wenn wir körperlich bestehen, und es uns vorher und nachher nicht gibt und somit auch nicht gab, ist es relativ naheliegend, daß wir Angst vor dem Tod, der Ultimativen Auslöschung, dem unumgänglichen Ende haben.
Entdecken wir, oder besser gesagt, erinnern wir uns nun unserer wahren Herkunft und an das, was wir wirklich sind: nämlich spirituelle Wesen göttlicher Herkunft oder auch wahrnehmendes Bewußtsein, wie auch immer wir dies eigentlich „Unbeschreibliche" benennen wollen. Wenn wir uns also der ewigen, der allem zugrunde liegenden spirituellen Welt besinnen, welche unter der Oberfläche unserer alltäglichen Wahrnehmung Ursache für all das physisch Existente ist. Und uns an die Tatsache erinnern, daß wir als solches nicht vergänglich sind, also nicht erst beginnen zu leben, wenn wir als Körper geboren werden und auch nicht zwangsweise damit aufhören zu bestehen, wenn unser vorübergehender menschliche Leib das Zeitliche segnet. Dann gibt es keinen relevanten Grund mehr für uns, dieser irrealen Angst vor dem Tode Raum in unserem Leben zu geben und uns somit ein Stück Lebensqualität und kostbaren Lebens und Entfaltungsraumes zu nehmen. Diese Angst nämlich beschränkt unsere Mobilität, unsere Bewegungsfreiheit in so großen Ausmaße, daß es praktisch unmöglich ist, ihren direkten und auch indirekten Einfluß auf unsere Lebensqualität irgendwie nachvollziehbar aufzuzeigen. Man kann eigentlich nur ein paar wenige Beispiele erwähnen, um eine ungefähre Ahnung zu bekommen, wie komplex die tatsächliche Auswirkung wirklich ist. Es sind z. B. nicht nur die Situationen, die eine scheinbar direkte Todesgefahr beinhalten, wie Fallschirmspringen, an einem Felsen Klettern, das alltägliche Autofahren oder das Stehen auf einem Balkon im 37sten Stockwerk, welche uns diese Angst und ihre lähmende Wirkung vehement erleben lassen. Die Angst beeinträchtigt hierbei unsere Erfahrungsintensität spezifisch bezogen auf das Glücklichsein, das Zufriedensein oder gar auf das Erleben von tranceähnlichen Zuständen und potentiell ekstatische Erfahrungen immens. Wir sind dann in diesem Augenblick der Angstbesetztheit vielleicht nicht einmal fähig, die schöne Aussicht im 37sten Stockwerk zu genießen, die Freiheit des Fliegens während eines Fallschirmsprungs zu spüren oder es zuzulassen, daß uns in dem Moment der natürlichen Ekstase, die aus der Erfahrung mit der Natur entspringt, eine Welle des Friedens erreicht. Hier können wir sehr leicht erkennen, daß eine Verbindung zwischen unserer Angst zu sterben und der generellen Vermeidung zu Er Leben besteht.
Aber dieses sind jedoch bei weitem nicht alle Situationen, bei denen wir Auswirkungen unserer Todesangst zu spüren bekommen. Vielmehr können es auch Situationen in unserem alltäglichen Leben sein, die wir gar nicht mit dieser Thematik in Verbindung bringen würden, da der direkte Zusammenhang fehlt, und nur eine sehr subtile, nicht offen sichtbare Verbindung besteht. Vielleicht verspüren wir nur eine Unlust oder eine undefinierbare Blockade, etwas eigentlich ganz Harmloses zu tun, z. B. mit unserem Kind auf den Spielplatz zu gehen, was ja an sich etwas Schönes ist, und was wir bewußt eigentlich niemals mit unserer Angst, zu sterben oder durch den Tod verlieren zu können, in Verbindung bringen würden. Diese Unlust ist für uns oberflächlich betrachtet ein harmloser Ausdruck unseres mutmaßlichen „Bedürfnisses" nach Ruhe, und ob wir uns davon leiten lassen oder auch nicht, wir nehmen es als relativ unwichtig wahr. Und in unserem Unbewußten spielt sich vielleicht ein Szenario ab, in dem wir all die Möglichkeiten gleichzeitig erleben, die bedrohlich und potentiell tödlich sein könnten: Beim Eisessen könnte das Kind z. B. eine Biene verschlucken, und diese würde dem Kind dann in die Speiseröhre stechen, was dann eben einen Erstickungstod zur Folge haben könnte. Oder das Kind fällt möglicherweise beim Klettern auf dem Spielplatz ungeschickt und bricht sich das Genick. Derer Möglichkeiten gibt es unendlich viele, und wir wissen das. Sind wir also angstgesteuert, ist unsere Angst vor dem Tode groß, werden wir proportional dazu dieselben durchaus realen, wenn auch sehr unwahrscheinlichen Möglichkeiten, als durchaus relevante und in diesem unbewußten Szenario als höchst wahrscheinliche Bedrohung wahrnehmen. Dies geschieht selbstverständlich unbewußt, also für uns nicht direkt nachvollziehbar, und solange dies im Schleier der Unwissenheit geschieht, haben wir selbstverständlich auch keinen Einfluß darauf. Wir nehmen nur die Konsequenz des Ganzen wahr, daß wir nämlich einfach keine rechte Motivation haben, den Spielplatz und somit in letzter Konsequenz gesehen, das Leben an sich zu besuchen, und dies aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht allzu oft ausführen, also eher seltener, zurückhaltend, oder vielleicht auch gar nicht tun.
Einen Schritt in die Bewußtheit können wir in der Form für uns gehen, daß wir einen Zusammenhang zwischen unserer Angst zu sterben und unserer Zurückhaltung, uns dem Leben hinzugeben, als möglich erachten. Und uns gleichzeitig für die spirituelle Welt und ihre tiefgründigen Botschaften zu öffnen, welche uns Information über unsere wahre Herkunft und das Existentielle des Lebens vermitteln kann. Wenn wir uns also unserer spirituellen Existenz bewußt werden, vermindert dies unsere Angst vor der „Illusion Tod" und löst sich letztendlich auch zu gegebener Stunde auf. Dies erhöht unsere Lebensqualität immens und läßt unserer Lust zu Leben, unserer Bereitschaft, am Leben teilzunehmen, ungleich größeren Raum zur freien Entfaltung.
Um dieses Thema nun zu beenden, möchte ich noch von einem Bild erzählen, wozu mich ein sehr guter und intimer Freund inspirierte: Wenn es so ist, daß wir eigentlich göttliche Wesen, ewiglich existierend mit grenzenloser Freiheit sind, wie beengend muß es sich doch zeitweise anfühlen, in einem so kleinen und irdischen Gesetzen unterstelltem Körper zu wohnen. Und muß es nicht herrlich, gar wundersam sein, wenn dann das Loslösen davon geschieht, was wir angstberaten den Tod nennen? Sollte das nicht im Gegensatz zu unserer negativ besetzten Vorstellung ein wohltuender, durchaus angenehmer Vorgang sein? Vielleicht eher mit dem Gefühl zu umschreiben, das wir haben, wenn wir nach einem langen Arbeitstag unsere viel zu engen Schuhe ausziehen, und uns unser Erlöstsein die Worte entlockt: Hhhhmmmmm... ist das schön! Dieses Bild gefällt mir wesentlich besser, als den Tod als absolutes Ende zu sehen. Es fördert nämlich nicht die Angst vor dem scheinbaren Tod, sondern ganz im Gegenteil, die Freude am Heimkommen.