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Syrien, und das Schicksal seiner Urbevölkerung

Autor: Toma | Erstellt am: 30.06.2011 | Gelesen: 678
Kategorie: Politik - Gesellschaft & Soziales | Bewertung: rateArateArateArateArateB
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(Online-Artikel.de) - Die indigenen syrischen Christen, bildeten nicht nur die Urgemeinde, sondern sind auch Erben der antiken Hochkulturen! Wie sieht ihr Schicksal im Zuge der gegenwärtigen Umwälzungen in Syrien aus?

nationaler Vielfalt und Toleranz im Nahen Osten
nationaler Vielfalt und Toleranz im Nahen Osten
Die Probleme der nationalen und religiösen Minderheiten und indigenen Völker im Nahen Osten sind nicht erst seid der Gründung der jungen Nationalstaaten entstanden, sondern eine Entwicklung  vieler Jahrhunderte der Unterdruckung und Vertreibung.

Der bestehende Schein einer Harmonie, nationaler Vielfalt und Toleranz im Nahen Osten trügt. Er war verbunden mit dem ständigen Verzicht der Minderheiten auf grundlegende Rechte und Freiheiten, um des friedlichen Zusammenlebens wegen. Zwar ist die indigene Bevölkerung Syriens auch in den benachbarten Ländern vertreten, dennoch will ich mich in diesem Beitrag auf Syrien beschränken.
 
Ein Großteil der Christen im syro-mesopotamischen Raum in ihrer assyrischen Nationalzugehörigkeit und der ostchristlichen religiösen Zugehörigkeit mit ihrer syrischen Sprache, bilden die Urbevölkerung des Gebietes und prägten tausenden von Jahren ihre  historische und kulturelle Identität.

Diese indigenen syrischen Christen (Assyrer), sind Erben einer besonders seit der Regierungszeit des assyrischen Königs Sanharibs (705-681 v. Chr.) in einander verschmolzenen mesopotamischen und syrischen ethnolinguistischen Landschaft. Es zeichnete sich in ihren Ursiedlungsgebieten auch eine Verschmelzung der Traditionen der alten Akkader, Aramäer, Assyrer, Babylonier und Sumerer – auch in den Kirchen. So hat die Zughörigkeit zu den einheimischen, orientalischen Kirchen, nicht nur eine zusätzliche Identität gebildet, sondern auch eine Stärkung der ethnischen Besonderheit und eine kulturelle Verwurzelung dieser Volksgruppe.

Der internationale Schutz dieser indigenen Bevölkerung war durch die westlichen Staaten im Rahmen des Völkerbundes nie versucht. Auch die eigenen Anstrengungen erwiesen sich bisher nach Außen als wirkungslos. Eine besondere Rolle für die Zeit nach den aktuellen politischen Umwälzungen in Syrien, spielt zweifellos die Befürchtung, dass in Damaskus ein anderes totalitäres Regime — der Islamismus — zur Macht gelangen könnte, und dadurch das Land in eine islamistische Gewaltherrschaft umgestalten oder gar zu spalten. In einem solchen Fall hätten die momentan noch in relativer Sicherheit lebenden Christen und Minderheiten Syriens eine Zeit  der Unsicherheit vor sich.

Die Angst vor dem Ungewissen und die Furcht vor einer islamitischen Herrschaft ist ein wesentlicher Grund, warum insbesondere die christliche Bevölkerung Syriens bisher weitgehend untätig geblieben ist.

Der stärkste Einwand, der gegen ein Regimewechsel in Syrien immer wieder erhoben wird, besteht darin, die gesamte Bevölkerung Syriens vor der Wahl gestellt wird eine laizistische Regierung oder ein islamitisches Regime zu haben. Dies lässt sich vor allem aufgrund der noch nicht ausgereiften oppositionellen Alternative in Syrien umso stärker begründen.

Reformen in Syrien sind schon seit Jahren überfällig. Für die syrischen Christen (Assyrer), die heute in der nordöstlichen Region Jezire (Mesopotamien) leben, besteht die tatsächliche Situation darin, dass ihnen mit der Zeit ihre historische assyrische Identität immer mehr beraubt wurde. Die Forderung, ihre National- und Menschenrechte zu gewähren, ist umso dringender denn je.

Allerdings wird der objektive und unvoreingenommene Beobachter feststellen, dass die Situation im Nordosten Syriens in mancher Hinsicht besser ist als im Rest des Landes. Wenn man mit der Mehrheit der arabischen, kurdischen und assyrischen Bewohner der Region Jezire spricht, dann wird man vor allem feststellen, dass der ehrliche Wille zu friedlichem Zusammenleben und eine aufrichtige Zusammenarbeit zwischen den Völkern vorhanden sind.

Doch es herrscht auch das Gefühl einer instabilen Sicherheitslage. Seit den Krawallen vom März 2004 und den Angriffen vom April 2007 in der Stadt Malkiye empfindet die Urbevölkerung einen Vertrauensbruch gegenüber dem Regime und seinen Sicherheitsapparate. Da diese in ihrer Pflicht zum Schutz der Bevölkerung nicht nachkamen.

Wenn man mit den wenigen politischen Aktivsten der assyrischen Nationalbewegung in Syrien spricht, dann erkennt man auch ihre Loyalität zu dem syrischen Staat und seiner Einheit. Diese wird aber  nicht als zwingende Loyalität zum Regime verstanden. In der assyrischen Nationalbewegung ist der feste Wille vorhanden, das friedlich Zusammenleben zwischen den Volksgruppen in Syrien —  trotz einiger negativer Erfahrungen, die auch zur Auswanderung vieler junger Assyrer führte —  zu fördern und die Zusammenarbeit mit den laizistischen Kräften und mit den Menschen zu vertiefen, um dadurch dem Staate zu nutzen.

Die extremistischen Gruppen von Unentwegten, die von ihren Ideologien zur Spaltung oder Assimilierung der anderen Bevölkerungsgruppen nicht losreißen können, sind — jedenfalls heute — gegenüber der großen Mehrheit der Bevölkerung zwar Stimmungsmacher, die in einer wahren Demokratie und Rechtsstaatlichkeit machtlos bleiben. Dennoch werden versuchen diese auszunutzen und zu umgehen.

Die hier beobachtete scharfe Hetze sowie Repressalien gegen die assyrische Urbevölkerung geht übrigens zum größten Teil von diesen Gruppen oder auch von den in diesem Landteil noch schwachen islamistischen Extremisten ursprünglich aus, die im Geheimen Unruhe und Unfrieden zu stiften suchen. Ihre Taktik geht dahin, die Christen in den Augen der moslemischen Bevölkerung als Kollaborateure, Missionare und gar auch „Hochverräter" erscheinen zu lassen.

Die politischen Rechte der Assyrer sind nicht in vollem Umfang gewahrt und werden weit beeinträchtigt. Sie haben keine eigenen Vertreter im Parlament. Sie können sich zwar politischen Parteien anschließen, jedoch nicht zu eignen Parteien zusammenschließen. Einige der existenten aber nicht anerkannten politischen Parteien, sowie nationale Feiertage werden nur inoffiziell geduldet. Das Bedürfnis nach weiteren Organisationen besteht allerdings; doch wird sich mit der Zeit wahrscheinlich auch hier eine stärkere Differenzierung herausbilden. Insoweit kann nur die Abschaffung des baathistischen Führungsmonopols und die Verabschiedung eines neuen Parteiengesetztes die Lösung sein.

Auf wichtige  Bereiche der Kultur und des Schulwesens, treffen wir auf benachteiligenden Gesetze, die die freie Entfaltung der kulturellen Eigenständigkeit und Identität einschränken. Zwar wird in den Sonntagsschulen mancher Kirchen die syrische Muttersprache unterrichtet, der Unterricht dieser Sprache in den Schulen in dieser Ursprache Syriens ist im Zuge der Arabisierungsprozesse aber verboten worden.

Sie ist selbst in der überwiegend assyrisch besiedelten Region Jezire kein Pflichtfach im Schulunterricht. Die Bewahrung der historischen Identität Mesopotamiens, die Gewährleistung des menschenwürdigen Überlebens der Ureinwohner und die Erhaltung ihrer nationalen und kulturellen Eigenständigkeit und Vielfalt bleibt eine moralische Verantwortung des syrischen Staates. Das Stoppen der Arabisierungsprozesse ist dabei unausweichlich.

Was die Gleichberechtigung angeht, so ist festzustellen, dass von Verfassungs wegen kein syrischer Christ zum Präsidenten gewählt werden kann. Auch dürfen christliche Männer keine muslimischen Frauen heiraten; Mischehen werden in der Gesellschaft zu einem  Problem. Eine christliche Mission ist verboten und das Konvertieren zum christlichen Glauben wird nicht genehmigt, dagegen ist die Missionierung seitens der Muslime unter den Christen erlaubt. Eine christliche Mission ist verboten und das Konvertieren zum christlichen Glauben wird nicht genehmigt. Mischehen werden zu einem echten Problem in der Gesellschaft. Ungerechtigkeit besteht auch in der Bevorzugung der arabischen Mehrheit aus nationaler Sicht. Die assyrische Bevölkerung wird offiziell auch als syrisch-arabisch bezeichnet, eine eigene ethnische oder nationale Identität wird offiziell nicht anerkannt. In der Opposition wird oft über Christen gesprochen und wird damit die ethnische Zugehörigkeit und die Anerkennung als Urbevölkerung negiert.

Auch die katholische Kirche zeigt sich in der Verantwortung für einen Frieden in Syrien zu plädieren. So hat Papst Benedikt XVI dem neuen Botschafter Syriens im Vatikan, deutlich gemacht, dass Reformen des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens wichtig sind und teilte den Wunsch mit, „dass diese Entwicklungen ohne Intoleranz, Diskriminierung und Konflikt verlaufen und erst recht ohne Gewalt, stattdessen in absolutem Respekt vor der Wahrheit, vor dem Zusammenleben, vor den legitimen Rechten der Personen und Gemeinschaften und in einem versöhnlichen Geist".  Meines Erachtens ist es keine Einmischung in syrische Angelegenheiten, wenn darauf aufmerksam gemacht wird, dass „die Wünsche der Zivilgesellschaft„wie die Wünsche internationaler Instanzen", ebenso berücksichtigt werden sollen, wie dies in der Sendung des Radio Vatikan am 09.06.2011 geschah. Am 11.06.2011 ließ der Vatikansprecher Lombardi in seiner wöchentlichen Kolumne verlauten, dass "die nationale Einheit eine Frage des Überlebens" für die Christen in Syrien sei. In Syrien werde versucht, einen Krieg zwischen den Religionsgruppen zu provozieren, mit der Gefahr einer Auflösung der Gesellschaft. Lombardi rief zum Dialog, zu Meinungsfreiheit und einem sofortigen Ende der Gewalt auf.

Gerade in der gegenwärtigen Phase ist der Dialog und die Bildung einer umfassenden Demokratiebewegung in Syrien eine wichtige Aufgabe aller politischen Kräfte des Landes. Die Kongresse von Antalya, Brüssel und Damaskus konnten trotz der relativen Erfolge der Veranstalter dies nicht erfüllen. Denn eine Veränderung des politischen Systems, die Demokratisierung und Reformierung der Gesetze und Institutionen des Landes, darf nur auf friedlicher Ebene und muss von einer breiteren Basis der syrischen Bevölkerung ohne Vernachlässigung seiner Urbevölkerung durchgesetzt werden. Die Teilnahme von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der Reformbewegungen in Syrien auch im Exil, ist eine Bedingung für den Erfolg jeglicher Dialoge und Reformbewegungen.

Ein nationaler Kongress kann eine Plattform dafür sein, ohne den Anspruch einer Exil- oder Ersatzregierung zu erheben, die noch nicht demokratisch gewählt werden kann.

Raif Toma
 
 
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