Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Einer der Hauptbeweggründe, mich und meine Erfahrungen transparent zu machen, ist die Erkenntnis, daß alles, was ich bisher erfuhr, z. B. das Einssein, gewisse Erleuchtung, Gotteserfahrung im allgemeinen für jeden, der das auch haben möchte, unbedingt gleichfalls erhältlich ist. Daß diese Dinge von dem einen Menschen erfahren werden und der andere sie nicht erfährt, liegt nicht daran, daß der eine bevorzugt oder ein anderer benachteiligt ist. Es gibt ganz und gar keine wirklichen Unterschiede zwischen den Menschen und ihren Möglichkeiten, sondern es ist definitiv eine Frage des eigenen
Wollens. Auf der Basis der Freiheit ist nur die Frage nach dem
„Will ich diesen Weg beschreiten, oder will ich eben nicht?" relevant, und auch von dort aus ist jede eingeschlagene Richtung legitim, also weder gut noch böse, weder richtig noch falsch, sondern kann einfach als willentliche Entscheidung gesehen werden. Ob jemand will oder nicht will, ist für ihn sogleich immer seine eigene freie Entscheidung und grundsätzlich immer richtig. Es ist sein alleiniges und unantastbares gutes Recht, seinen eigenen individuellen Weg zu gehen. An dieses Anrecht möchte ich hier insbesondere erinnern, was dieses Kapitel zu einem weiteren Plädoyer für die Freiheit macht. Ich möchte hier den Raum öffnen für das innere Bild, welches ich von Freiheit habe und welches mir erlaubt, das Beschreiten meines Lebensweges quasi in
unschuldiger Freizügigkeit zu vollziehen. Ein Bild, das größtenteils von den Hindernissen und Blockaden befreit ist, welche plakativ als
Schuld und Scham zu benennen sind und welche bekanntlich ein manches Leben ganz schön schwer machen.
Wir sollten hier aber nicht etwa den Irrtum begehen, auto destruktive Schuld und Scham mit den lebens bejahenden Begriffen Verantwortung und Gewissenhaftigkeit zu vermischen, das eine hat mit dem anderen herzlich wenig zu tun, und es ist wichtig für uns, diesbezüglich
Unterscheidungs Sensibilität zu erlangen. Hierbei ist es meiner Ansicht nach sinnvoll, den Begriff „Sünde" heranzuziehen, da jener wohl am besten die unzähligen inneren Bilder der Schuld und Scham und der daraus resultierenden Angst hervorruft. Sünde beschreibt vortrefflich unsere Vorstellung von Unfreiheit, auf welche unser Leben noch größtenteils aufgebaut ist. Sünde und alles, was wir damit direkt und indirekt in Verbindung bringen, ist ein Aspekt des Glaubenssystems, welches auf Gut und Böse fundiert und unsere gesamten Lebensumstände entschieden beengend und einschränkend beeinflußt. Dies geschieht vor allem, weil das Wort Sünde in ein moralisches Gewand gekleidet wurde, das vom
Duft der Angst durchsetzt ist und welches keineswegs mit Liebe und göttlicher Realität in Verbindung steht. Das Bild, welches ich von dem Begriff Sünde besitze, wenn ich ihn von der Plattform der Freiheit aus beschaue, ist, daß er die
Distanz einer Beziehung bezeichnet, welche ich zu mir selbst, zu meiner Umwelt, zu meinen Mitmenschen und nicht zuletzt selbstverständlich zu dem Göttlichen an sich habe. Somit ist die Unbewußtheit, die Distanz der sündige Weg, der von mir wegzeigt; und Bewußtheit die Nähe, die mir aufzeigt, daß ich in Unsünde mir selbst begegne, direkte Beziehung zu mir selbst, zu Gott und meiner Umwelt erlebe. Somit bezeichnet der
unsündige Weg auch nur die Nähe, die Verbundenheit, für welche ich mich zu erfahren gerade entschieden habe, bezeichnet somit, daß ich eine
Beziehung der Nähe er lebe. In einem Kontext von wirklicher Freiheit betrachtet, sind beide Wege, der sündige und der unsündige, gleichwertige Erfahrungen, aus freiem Willen entschieden und unterscheiden sich nicht etwa, indem der eine der gute und der andere der böse Weg ist, sondern nur in ihrer Erlebnisqualität, welche durch die Nähe und die Distanz zu den Dingen an sich erfahrbar wird.
Bei meiner Interpretation des Bildes bleibt, nachdem all das Subjektive, was unterscheidend wirkt, neutralisiert wurde, nur die objektive Information, welche Ursache und Wirkung erklärt, welche mir meine Nähe und die Distanz, welche ich gerade erfahre, plausibel macht. Und mir von dort aus, wo ich mich nun mal gerade befinde, unbegrenzt viele, von Schuld und Scham freie Auswege aufzeigt. Neutrale Information, welche mir also, wo immer ich mich auch befinde und wohin ich auch immer gehen möchte, keine moralischen Fußfesseln anlegt. Die Freiheit ist göttliches Gesetz, welches unser Geschenk an sich ist, und begrenzen dürfen wir uns selbstverständlich auf freiwilliger Basis auch selbst. Mit anderen Worten, aus der Freiheit heraus ist alles geboren, auch der Wille zur Beschränkung, und ob wir nun bewußte Einheits Erfahrung oder duales, materielles Erfahren wählen, uns für Nähe oder Distanz entscheiden, ist und bleibt einerlei. Jede Erfahrung ist jenseits der Bewertung gleich wertvoll und wichtig, ist einzigartig und allein gültig - wir haben die Wahl. Die Trennung aus der Einheit, unsere Reise in die Individualität, erlaubt uns demnach die Wahl, uns mit allem Existierenden entweder verbunden oder getrennt wahrzunehmen, also uns nahe oder distanziert zu sein. Hier besteht keine Schuldfrage, welche kontinuierlich die Berechtigung unseres Seins in Frage stellt und auch nicht die beschränkende Scham, welche uns unsere freie Entfaltungsmöglichkeit mittels Stimmen imaginärer Autoritäten verbietet. Hier finden wir uns nur in einem unendlichen Raum von Freiheit wieder, der uns mit der wirklich einzigen wichtigen und relevanten Frage alleine sein lässt: „Was will ich wirklich?" Eine Frage, die sich selbstverständlich noch in vielerlei Hinsicht ausformulieren läßt. Zum Beispiel in dieser Weise: Was möchte ich wirklich erfahren als dieses Individuum, welches ich bin? Was möchte ich als menschliches Wesen erleben, und wo sind meine persönlichen Ziele? Was für Wege möchte ICH, sündig oder unsündig, aber jedenfalls in göttlicher Weise unschuldig, mir selbst dabei zukünftige Erfahrung schenkend, in bevorstehender Zeit beschreiten?