Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Dieses Gleichnis ist ein Beispiel dafür, daß wir uns in unserer subjektiven Wahrnehmung oft gefangen, zwischen zwei Kräften gehemmt oder gar gelähmt fühlen, oder wir uns zumindest einstweilen so unfrei erleben, daß wir uns scheinbar nur in eine Richtung fortbewegen können. Aber in Wirklichkeit, also objektiv betrachtet, sind wir tatsächlich frei, uns ungebunden zu entfalten. Und die Wege für uns stehen folglich
in alle Richtungen offen. Es ist also ein sehr gutes Beispiel dafür, daß zwischen unserem subjektiven Erleben und der tatsächlichen Realität, oder besser formuliert, zwischen unserer subjektiven Wahrnehmung und der potentiellen Annäherung an eine Objektivität oftmals eine weite, beinahe
unüberwindbare Kluft besteht.
Wir wollen hier selbstverständlich nicht die Legitimität unserer subjektiven Wahrnehmung, also die Berechtigung unseres individuellen Seins in Frage stellen, das wäre ja auch absurd, da diese ja ein wesentlicher Teil unserer menschlichen Erfahrung ausmacht. Aber wir wollen das Auseinanderklaffen, die Ausdehnung der Kluft zwischen Subjektivität und Objektivität transparent machen, welche uns offensichtlich von uns, unserer Umwelt, der realen Erfahrung als solches und der uns gegebenen freien Wahl der Entscheidung abtrennt. Wir wollen also ein Gespür für diejenige Art von „Subjektivität" bekommen, die sich als eine Einschränkung unserer Bewußtwerdung der Realität entpuppt, und die wir anfangs als Unklarheit, als ein Verwirrtsein, als träumerisches, langsames Entrük-ken aus dem Realen bezeichnen können, sie dann aber zunehmend als offensichtlich destruktiv, als realitätsfremd, als definitiv unwirklich, in ihren fortgeschrittenen Stadien als irrational, als realitäts verzerrend einordnen können. Dies bedeutet also, daß unserem subjektiven Wahrnehmen, unserem individuellen Erleben in sich selbst bedingt immer auch die Tendenz, uns abzuspalten, uns abzutrennen inneliegt, und wir uns deshalb stetig in einem Balanceakt befinden, bei dem wir uns während unseres Individualisierungs Prozesses kontinuierlich mit dem realen Ist Zustand, dem Ganzen, dem Einheitlichen rückverbinden müssen.
Diese Form von Subjektivität behindert uns also in unserer freiheitlichen Entfaltung und beschränkt uns immer mit derselben Aussage: „Ich bin nicht frei, ich habe keine Wahl, und das, was ich gerade wahrnehme, ist die unabänderliche, einzige und Ultimative Realität, welche in diesem Universum besteht." Ich und Du, wir erleben uns also, falls wir uns gerade in dieser „isolierten Individualität" befinden, grundsätzlich als wahl und entscheidungs unfrei. In dem Gleichnis möchte ich nun spezifisch diese Art von Subjektivität ansprechen:
In unserer Vorstellung stehen wir auf einer Berg Strecke. An jedem x beliebigen Punkt, an dem wir am Berg stehen, sind wir in der Lage, aufwärts oder abwärts zu gehen, beides ist immer möglich, unabhängig davon, wo wir uns gerade befinden. Ob das nun noch am Fuße des Berges, am Hang, auf dem Gipfel oder auf der anderen Seite des Berges ist – das Vorwärts oder Rückwärtsgehen, unser Bewegen in die rechte oder linke Himmels Richtung steht uns zu jeder Zeit frei, ist uns als Option in jeder Lage, an jedem Ort und zu jeder Zeit gegeben. Wir haben also immer die Freiheit der Wahl, wir müssen uns dessen nur bewußt werden bzw. brauchen uns dessen zu erinnern.
In unserem subjektiven Empfinden nehmen wir meistens nur eine von den uns zu Verfügung stehenden Möglichkeiten wahr. Unsere subjektive Sichtweise hat sich vielleicht zu einem starren Bild gefestigt, welches unsere Bewegungsfreiheit auf ein Minimum reduziert, da wir offensichtlich dieses Bild als einzige Realität und Handlungs Möglichkeit ansehen und als solches auch in gewisser Hinsicht anerkennen. Womit wir unbestreitbar unser Erleben der Realität und ebenso unsere Entscheidungsfreiheit auf die Winzigkeit dieser Bildgröße begrenzen. In unserem Beispiel, bei dem wir uns auf einem Berg befinden, sehen wir diese Beschränktheit vielleicht wie folgt: wenn wir aufwärts gehen, uns in der Richtung zum Gipfel hin bewegen, meinen wir vielleicht, es wird kontinuierlich weiter aufwärts gehen oder gar, wir müssen jetzt weiterhin in die „vorgegebene" Höhe aufsteigen, weil wir uns schließlich einmal dafür entschieden hatten. Und da wir uns vielleicht eben gerade zu diesem Augenblick nicht an unsere Entscheidungs Freiheit erinnern können, uns jederzeit auch wiederum um entscheiden zu dürfen, ist es, als ob wir Scheuklappen aufgezogen hätten und wir nur immer geradeaus gehen dürfen, müssen und können. Das enge Bild, das hier im übertragenen Sinn einer Einbahnstraße entspricht, läßt uns keinen Raum für Entscheidungsfreiheit übrig, und es erscheint uns, als ob wir eben nur eine Möglichkeit, also demnach keine Wahl Möglichkeit besitzen. Auf umgekehrtem Wege ist es auf unserer Bergstrecke, falls wir von einem dieser starren Bilder irre geführt werden, selbstverständlich dasselbe. Wenn es bergab geht, glauben wir vielleicht, daß nun alles aus ist, wir versagt haben, verloren sind und wir somit nie mehr glücklich werden. Daß wir unser Ziel nie erreichen werden und daß es vielleicht nun gar so schlimm kommt, daß wir sterben müssen. Auch hier läßt uns der jeweilige subjektive Bild Ausschnitt nur eine Interpretation der Sachlage zu, nämlich daß eben nur eine Richtung vorhanden ist und daß jene in diesem Falle abwärts, also unaufhaltsam in die Tiefe führt. Plötzlich können wir den Himmel nicht mehr sehen, den Gipfel nicht mehr erahnen, und nicht einmal die weite Welt hinter und vor dem Berg ist nunmehr für uns existent. Unser Erleben der Realität hat sich auf das kleine Fleckchen Erde, auf welchem wir uns gerade befinden und über welches wir gerade nicht mehr hinwegsehen können subtrahiert. Und es scheint für uns nur noch eine Richtung zu existieren, in welche uns das Fort Bewegen erlaubt und möglich ist.
In diesen erwähnten Fällen vom scheinbaren Gefangensein in der Bewegungs Unfreiheit ist uns offensichtlich, um es einfach auszudrücken, „nur" die klare Über und Weitsicht abhanden gekommen, und wir lassen uns demzufolge von der Illusion blenden, daß wir hilflos, wehrlos und scheinbar ohne freien Willen sind. Aber dies stimmt ganz und gar nicht. Wir sind freie Wesen mit der Option, nach Lust und Laune jederzeit die Richtung wechseln zu dürfen und definitiv frei handeln zu können. Es ist also wichtig, daß ich meine einschränkende subjektive Wahrnehmung als solche enttarne und mir an jedem Platz und Ort, an dem ich mich in meinem Leben befinde, erlaube, der Realität meiner Wahlfreiheit zu begegnen, um mich dann von meinem inneren Bedürfnis in Richtung Stillung desselben leiten zu lassen. Hierbei ist es wichtig und durchaus dem Realitäts Klärungs-Prozeß dienlich, das allzeit bereitstehende kontra produktive „Ich muß" zu erkennen, das mir als Barriere oftmals im Weg steht, um es dann wiederum mit einem der Liebe zugewanden „Ich darf" zu ersetzen. Was mir sodann in absehbarer Zeit den Weg dafür öffnet, daß ich mir die kreative und konstruktive Frage stellen kann: Was will ich wirklich? Das Gleichnis drückt dies in einem Satz aus: „Egal an welchem Standpunkt des Berges ich mich gerade befinde, ich bin frei, und ich kann jederzeit hingehen, wohin auch immer ich gehen will." Und dies unabhängig davon, wie klein und winzig das Bild gerade ist, welches mir subjektiverweise von der Welt und mir selbst in diesem vergänglichen Augenblicke erscheint.