Bestrafung allgemein, oder der Unsinn von Drill und Gewalt
Bestrafung muss sein! Natürlich... immerhin hört der Frechdachs einfach nicht und da Sie der Rudelführer sind, muss das Familienmitglied Hund hin und wieder auf den rechten Weg gebracht werden! Also bestrafen wir verbal und körperlich, wir züchtigen und wir unterdrücken damit sich kurzfristig etwas ändert. Glücklicherweise unterstützen uns hierbei ganze Industriezweige mit Ihren Produkten wie Stachelhalsbänder, Stromhalsbänder, Kopfhalfter für Hunde, kleine Wurfscheiben sowie Spray-Halsbänder usw. Stimmt schon, Erziehung ist sehr wichtig, um Hunde „gesellschaftsfähig" in unserer Umwelt führen zu können. Was aber ist gesellschaftsfähig und welche Erwartungen stellen wir Menschen überhaupt an unsere Hunde?
Aus menschlicher Sicht betrachtet, haben wir folgende Ansprüche an unseren Hund:kein Ziehen an der Leine, keine Aggression gegenüber Artgenossen, kein Anspringen von Passanten oder Kindern, kein Zerstören der Wohnung, kein Kläffen wenn es klingelt, keine Randale im Auto, kein Lärm am Gartenzaun, kein Theater beim Tierarzt, kein Verteidigen von Futter, kein Hetzen von Joggern und Radfahren, kein Streunen, kein Töten von anderen Tieren, kein Betteln am Tisch, kein Wälzen in Aas oder Unrat, kein Plündern von Mülltonnen, kein Lösen auf dem Bürgersteig, kein Ignorieren von Rückrufkommandos, kein Liegen auf der Couch oder im Bett und vieles mehr..
Wenn Sie nun einmal genauer hinsehen, stellen Sie fest, dass all diese vermeintlich unerwünschten Verhaltensmuster bei einem Raubtier wie dem Hund eigentlich völlig normal, artgerecht und aus dessen Sicht sogar sinnvoll sind, denn Aggression gegenüber Artgenossen ist lediglich der Versuch die eigenen Ressourcen vor Konkurrenten zu schützen, so wie dies in der Natur von allen Raubtieren getan wird. Es heißt ja auch nicht Futtefreund, sondern Futterkonkurrent. Das Anspringen von Menschen entstammt dem Jungtiertrieb, wo einfach nur nach Futter gebettelt wird. Das Bellen beim Klingeln dient dem Rudel als Warnung, dass sich Fremde in der Nähe befinden. Das Hinterherlaufen von Radfahrern entstammt dem Hetztrieb, wonach schnell bewegende Objekte (der Hund ist Sichtjäger und Beutegreifer) als jagdbare Beute gelten. Das Wälzen in Aas übermittelt den Rudelmitgliedern dass es dort, wo man herkommt etwas Fressbares gibt. Das vermeintliche Betteln am Tisch, ist der völlig natürliche Versuch, Futterquellen zu sichern. Das Ignorieren von Kommandos, wenn der Hund die Nase am Boden hat, ist angesichts der Tatsache, dass der Hund grundsätzlich immer nur einen seiner Sinne gleichzeitig einsetzen kann, absolut logisch. Wie Sie sicherlich auch bemerkt haben, enthält die Aufzählung oben ausnahmslos das Wort „kein". Wir finden nicht ein einziges positives bzw. erwünschtes Verhalten, dennoch sind dies die Anforderungen die wir an unsere Hunde stellen, später dann leider auch an Therapeuten und Trainer.
Wir Menschen stellen die falschen Fragen!
Die Frage „Warum tut er das" ist falsch, denn hier müssen Sie sich bereits überlegen, was Sie „Dagegen" tun können. Sie sind gezwungen den Hund zwangsläufig zu korrigieren oder gar zu bestrafen und zwar solange, bis er aus Ihrer Sicht das Richtige tut. Die Frage, die wir uns stellen müssen lautet: „Warum soll er es in Ihrem Sinne besser machen". Folglich müssen Sie darüber nachdenken, was Sie „Für" Ihrem Hund tun können. Wenn ein Hund also aus unserer Sicht Fehler macht, sich „falsch" verhält oder „Unarten entwickelt" dann dürfen wir ihn dafür nicht bestrafen, sondern müssen ihn dafür loben, denn er hat aus seiner Sicht artgerecht, zielorientiert und richtig gehandelt. Wir sollten vielmehr uns bestrafen, weil wir bisher nicht in der Lage waren, ihm aus unserer Sicht richtiges Verhalten zu vermitteln.
Was passiert, wenn man den Hund bestraft?
genau zwei Dinge:- wir zerstören Vertrauen, denn welcher ernstzunehmende Rudelführer bestraft artgerechtes Verhalten
- wir implizieren Meideverhalten in den Hund. Das bedeutet, er wird zuvor bestraftes Verhalten vermeiden!
Korrigieren klingt erstmal gut, ist es aber nicht!
Das Problem wird dadurch nicht gelöst sondern lediglich verlagert bzw. unterdrückt. Wenn man beispielsweise „Knurren" als Warnung des Hundes korrigiert bzw. bestraft wird er irgendwann ohne Vorwarnung zubeißen, was bleibt ihm auch sonst anderes übrig? Wenn man das „Stehlen" vom Esstisch bestraft, wird sich der Hund seinen Teil heimlich nehmen, denn er konnte nicht lernen, dass Dinge auf dem Tisch dem Menschen gehören. Wenn wir einen Hund häufig bestraft haben, dürfen wir uns über auftretende sogenannte Zwangshandlungen wie z.B. stundenlanges Pfotenlecken, Fell ausbeißen, Schwanzjagen usw. nicht wundern. Wenn er sein Problem bzw. seinen Konfliktzustand durch Knurren oder Ähnlichem nicht mehr nach außen hin zeigen darf, weil er dafür bestraft wurde, wird er es nach innen verlagern und somit Konfliktpotential gegen sich selbst richten. Viele der heutigen Verhaltensauffälligkeiten haben eine gemeinsame Ursache:
Bestrafung durch den Menschen!Psychischer Druck hemmt die Lernbereitschaft und die Motivation des Hundes! Warum warten wir solange, bis der Hund Fehler macht, warum lassen wir ihn ins offene Messer laufen und überlegen uns dann, wie wir ihn bestrafen, vielleicht noch unter dem Deckmantel artgerechter Korrektur mittels industriell hergestellter technischer Hilfsmittel? Ein Pool menschlicher Abgründe. Für den Hund bedeutet dies immer Angst, Schmerz, Stress bzw. jahrelanger Konflikt und wenn es irgendwann zu heftig wird, gibt es ja immer noch Tierärzte, die ohne große Nachfrage einschläfern. Leider haben unsere Hunde hier kein Veto, sondern sind dem Menschen bedingungslos ausgeliefert.
Wir Menschen tun viel für unsere Hunde, jedoch nichts um ihnen zu helfen!Er soll es für mich tun und nicht für Leckerchen
Ab morgen gehen sie bitte ebenfalls umsonst arbeiten. Sicher haben Sie einen netten Chef und tun das gerne und freiwillig für ihn. Bei einem Vorstellungsgespräch würde Ihr zukünftiger Arbeitgeber bestimmt freudig auf so ein Angebot eingehen. Haben Sie mal überlegt, warum ein erfolgsorientiertes Raubtier für nichts und wieder nichts aktiv werden sollte und dies sogar noch mit Freude? Mal ganz abgesehen von den unzähligen Vorteilen, wenn man sich den Futtertrieb zu nutze macht, muss der Hund ohnehin fressen. Warum also fürs Nichtstun Futter bereitstellen? Warum sträuben sich so viele Hundehalter den Beutegreifer Hund mit Beute (Futter) zu belohnen? Sicherlich ist es einfacher und bequemer das Tier für falsches Verhalten zu bestrafen, anstatt für richtiges und erwünschtes Verhalten zu belohnen. Wieso sind wir Menschen in unserem Denken und Handeln aber derart blockiert? Aus Hundesicht macht es viel mehr Sinn über den Tag verteilt mit Futter für richtiges Verhalten bestätigt zu werden, als abends alles auf einmal zu bekommen ohne etwas dafür getan zu haben. Bei Trockenfutter kann man so z.B. 200 bis 300 mal am Tag bestätigen, je nachdem wie groß die Gesamtration ist. Fressen ist überlebenswichtig und ein Rudelführer der eine überlebensnotwendige Ressource bei sich hat, muss für den Hund zwangsläufig auch wichtig sein und zwar überlebenswichtig. Viele der heutigen Probleme mit dem Hund kann man über den Futtertrieb verbessern, teils sogar beheben. Hierzu zählen z.B. Verhaltensschwächen wie sicheres Zurückkommen, Futterstehlen, Aas fressen, Aufmerksamkeitsdefizite und noch einiges mehr und das innerhalb weniger Stunden. Kein Lebewesen auf dieser Erde, der Mensch eingeschlossen, tut etwas umsonst, warum denken Sie Ihr Hund würde dies tun wollen? Alle Zirkustiere, alle Tiere die Kunststücke erlernt haben, wurden über Futter trainiert, dies ist die Triebfeder jeglichen Lebens: Leistung für lebenswichtige Nahrung. Dachten Sie, bei uns Menschen war dies vor der Erfindung des Geldes anders? Sie arbeiten nicht für Geld, Sie arbeiten wie auch der Hund, für Nahrung. Würden Sie arbeiten gehen, wenn Sie keinen Vorteil hierdurch hätten? Würde ein Hund bei Ihnen bleiben, wenn Sie ihn nicht füttern?
Die Wahrheit über Zerrspiele und Dominanz
Mittlerweile wissen viele Hundebesitzer, dass man mit dem Hund keine Zerrspiele veranstalten sollte. Die Aussage vieler Experten lautet: „Wenn der Hund bei Zerrspielen häufig gewinnt, wird er dominant". Wie wir bereits erfahren haben wird dabei allzu häufig übersehen, dass ein dominantes Verhalten voraussetzt, dass sich Jemand dominieren lässt!
Wollen wir das als Rudelführer? Nein... also trifft dieser Begriff schon nicht mehr auf die Konstellation Hund-Mensch zu.Warum sind Zerrspiele nun nicht ratsam?
Eine einfache Tatsache zeigt uns die Antwort auf diese Frage: Alles an Ressourcen, die nicht von irgendjemanden kontrolliert werden, werden vom Hund beansprucht und dies völlig zu recht. Ein Alphatier, welches nach der Nahrungsaufnahme die Reste der übrig gebliebenen Beute den anderen Rudelmitgliedern hinterlässt, wird sich bei erneuter Annäherung an diese Beute seinen Teil erkämpfen müssen, immerhin hat er durch sein Ablassen und Weggehen diese freigegeben bzw. überlassen und wird nicht automatisch den besten Platz am Kadaver zurückerhalten. Sein Alphastatus nützt ihm hier nichts. Warum also „streiten" wir mit dem Hund um Beute, die eigentlich uns als Rudelführer von vorne herein zusteht? Leider haben Sie ihm aber nun vor wenigen Minuten diese überlassen und wundern sich wenn er sie nicht mehr freiwillig abgibt. Alleine durch derart sinnloses Handeln laden wir das Raubtier Hund dazu ein, mit dem Menschen um dessen Status zu kämpfen. Dies führt in vielen Fällen zu einer sogenannten Ressourcenaggression gegen den Menschen und es trifft dabei häufig die Schwächsten in der Sozialstruktur, unsere Kinder!
Gerhard Wiesmeth