Free Minds
Münster - Wir haben den offenen Brief „Beschwerde, Angst und dringende Bitte" an das Rektorat und die Brücke- Leitung der Uni Münster vom 9. 01. 10 keineswegs als Verleumdungskampagne gegen „Die Brücke" und das insgesamt sehr kompetente, freundliche und hilfsbereite „Brücke- Team" verfasst.
Daher sind wir über die einseitige, parteiische und die Initiative gefährdende Vorgehensweise von Herrn Sommer sehr irritiert und bestürzt. Wir bedauern außerdem, dass sowohl das Rektorat als auch die Brücke- Geschäftsführung, nicht konstruktiv mit den inhaltlichen Kritikpunkten und der dringenden Bitte umgegangen sind, eine intensive Nachforschung im Sachverhalt ausgeschlossen und sich so auch öffentlich gegen die Initiative gestellt haben. Bedauernswert finden wir auch, dass Herr Sommer in diesem Fall auch Brücke- Hilfskräfte, die mit der Angelegenheit und Kritik absolut nichts zu tun hatten, für eine öffentliche Stellungnahme vorführte, für einige von uns sogar missbrauchte.
Wir haben innerhalb der Gruppe unsere Vorgehensweise im Falle des offenen Briefs nach seiner Veröffentlichung in Frage gestellt und sehr lange und kontrovers diskutiert, sind aber im Nachhinein umso erleichterter und aufgeklärter, dass man uns auf diesem sehr unangenehmen Wege einen wichtigen Einblick in die Politik und Philosophie der Brücke- Geschäftsführung ermöglicht hat.
So wissen wir wenigstens, dass Islamist_innen jederzeit in „Die Brücke" willkommen sind, kritische Muslim_innen, die berechtigte Ängste haben, hingegen nicht. Denn wer offensichtlich antisemitische Propaganda- Flyer von einer bekannten, islamistischen Gemeinschaft in einer öffentlichen „Free Minds"- Veranstaltung verteilt, davor in öffentlicher Café- Atmosphäre (gemeint in der Brücke) furchtlos und unbekümmert, antisemitische, sexistische und homophobe Äußerungen von sich gibt, und die in diesen Ereignissen verwickelten Personen, ein sehr nahes menschliches und freundschaftliches Verhältnis zu einem Mitarbeiter(!) haben, hätte man vielleicht doch unserer Kritik auf den Grund gehen sollen, bevor man jegliche Kritik aus Prestigegründen von sich gewiesen hat. So haben wir eigentlich nur die Botschaft erhalten, dass Fehler in „Die Brücke" kategorisch ausgeschlossen sind und alle Konflikte, die gegen das idyllische Bild des friedlichen und multikulturellen Miteinanders sprechen, rigoros und kompromisslos ignoriert, verdrängt und bekämpft werden.
Insofern werden wir nach diesem Donnerstag die wöchentlichen offenen und demokratischen Diskurs- Sitzungen von „Free Minds" an einen anderen Ort verlegen und „Die Brücke", da wir nicht willkommen und erwünscht sind, nicht mehr länger mit unseren Diskursen und Veranstaltungen für einen feministischen, kritischen, offenen und aufgeklärten Islam stören.
Wir finden es skandalös, sind aber mittlerweile nicht mehr überrascht, dass zunehmend auch in öffentlichen Räumen wie „Die Brücke" neokonservativen und islamistischen Forderungen und Verhaltensweisen der freie Eintritt gewährt wird. Dabei haben wir im offenen Brief durchaus berechtigte Befürchtungen und Ängste, die über die spezielle Plakate- , Flyer- und Homepage- Affäre gehen, zum Ausdruck gebracht und finden es daher sehr schade, dass man nur diesen Kritikpunkt zur Kenntnis genommen hat.
In diesem Zusammenhang ist es gerade sehr wichtig, zu wissen, dass die allermeisten Angehörigen von „Free Minds" sich aus Angst vor verbalen und körperlichen Angriffen und Stigmatisierungen öffentlich auch nicht zu den wöchentlichen und offenen „Diskurs- Sitzungen" trauen und einige sogar langjährige und schmerzvolle Erfahrungen in solchen, immer wieder gescheiterten und zerschlagenen, geistigen Emanzipationsbewegungen haben. Die Menschen lösen sich nach gescheiterten Bemühungen nicht in Luft auf, sondern werden in die weiten und unbedeutenden Sphären der virtuellen Welt gedrängt, wo Islamist_innen ihre wirkliche Existenz so bezweifeln wollen und den glorreichen, islamistischen Sieg gegen die Vernunft und den Verstand der kritischen und einzelnen Muslim_innen feiern. So zynisch sich das auch anhören mag, sind diese schwierigen und fragwürdigen Umstände die Ausgangsbedingung dieser Initiative.
Die meisten kritischen Muslim_innen wollen von der Sicherheit vor Islamist_innen in den Diskurs- Sitzungen überzeugt sein, ehe sie sich in diese sehr heikle Initiative proaktiv einbringen; warten also im Hintergrund die organisatorische und regionale Entwicklung von „Free Minds" in Münster ab. Interessierte Muslim_innen aus Hamburg, Berlin, Oldenburg und Frankfurt warten außerdem seit Tagen auf konkrete Hilfestellungen, Vorlagen und sinnvolle Verfahrensanweisungen für die Implementierung des „Free Mind"- Konzeptes in ihren Regionen, die wir alles gut, gründlich und gewissenhaft fertigstellen und solidarisch zur Verfügung stellen wollten. Zwei Mädchen aus dem islamistischen geschlossenen Kreis in Münster hoffen außerdem seit längerer Zeit auf eine umsetzbare Lösung von uns, damit sie ein freies und selbstbestimmtes Leben führen dürfen. Wir sind außer den hohen inhaltlichen, thematischen, organisatorischen und methodischen Anforderungen auch emotional sehr überfordert!
Leider sind wir gerade durch diesen Vorfall in eine unglückliche und fatale Situation geraten, wo wir neben personellen, zeitlichen und finanziellen Defiziten auch an unsere psychischen und physischen Grenzen gestoßen sind. Dabei hatten wir eher mit Unterstützung und Hilfestellung gerechnet, statt mit Rügen und Vorwürfen!
Da nun der Eindruck herrscht, „Free Minds" habe die Inhalte des offenen Briefs erlogen und erfunden und eine Rufmordkampagne gegen die Brücke gestartet, hätten wir es mehr als passend gefunden, den zu diesem Ereignis stattfindenden, privaten E- Mail- Verkehr zwischen Herrn Sommer und die in der Zeitung als Frau Söz zitierte und umbenannte Person hier zu veröffentlichen, weil dadurch das Verhalten von „Die Brücke" und insgesamt der Uni- Leitung sehr leicht verständlich gewesen wäre. Prestige und eine so genannte „Friede, Freude, Eierkuchen"- Mentalität waren die Hauptgründe dafür, dass von einer inhaltlich tiefgründigen und ernsthaften Auseinandersetzung mit unserem offenen Brief abgesehen wurde.
Wir können es auf der anderen Seite auch nachvollziehen, dass wahrscheinlich die hohen Anforderungen und der wachsende institutionelle Druck auf die Uni und ihre Service- Einrichtungen diese zu einem offensiven und destruktiven Vorgehen gezwungen hat. Leider.
Wir sehen davon ab, den besagten privaten E- Mail- Verkehr zu veröffentlichen, da gegen diese Bloßstellung die Mehrheit von „Free Minds" ethische Bedenken geäußert hat.
Wir bedanken uns für die Aufmerksamkeit!
Kritische Muslim_innen von „Free Minds" in Münster