Die Standortwahl der Unternehmen
Die Standortwahl eines Unternehmens bei Gründung oder Verlagerung zählt zu den wesentlichsten Unternehmensentscheidungen. Sie hat langfristigen Charakter und ist nur schwer revidierbar. Sie hat direkten Einfluß auf die Investitionskosten bei Einrichtung des Unternehmens durch Grundstückspreise und Baupreise. Sie beeinflußt langfristig Kostengrößen wie Transportkosten, Regionalabgaben, Löhne. Sie hat langfristig Einfluß auf die Erlössituation durch Absatzgrößen wie Kaufkraft, Bevölkerungsstruktur und Konkurrenz. Ein falsch gewählter Standort kann existenzvernichtend sein.
Seit der ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Standortproblem 1826 durch Johann Heinrich von Thünen hat es zahlreiche Untersuchungen zu diesem Problem gegeben. In den letzten 40 Jahren erfolgten etliche
Analysen zum Standortwahlverhalten der Unternehmen. Die meisten Untersuchungen hatten das Ziel, den
Einfluß von Standortfaktoren auf die Standortwahl zu erklären, den Einfluß wirtschaftspolitischer Mittel auf die
Standortwahl zu untersuchen oder standortsuchende Unternehmen einzuteilen, z.B. in verschiedene Betriebstypen.
Diese Untersuchungen haben zu verschiedenen Standortfaktorsystemen geführt, die sich häufig ineinander überführen lassen. Die unterschiedliche Rangfolge der Standortfaktoren ergibt sich zum Teil aus unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten und unterschiedlichen Untersuchungszielen. Die einzelnen Standortfaktoren lassen sich in verschiedene Kriterien bzw. Determinanten unterteilen. Der Standortfaktor Verkehrsanbindung ließe sich so z.B. in die Kriterien Lage zur Autobahn, Lage zu Flughäfen, Lage zu öffentlichem Personennahverkehr usw. einteilen.
Jeder Standort bietet hinsichtlich der Standortfaktoren und seiner Determinanten ganz spezifische Bedingungen. Jedes Unternehmen stellt an einen möglichen Standort wiederum ganz spezifische Anforderungen. Diese hängen von vielfältigen Bedingungen ab, z.B. der Branche, den Investitionsmotiven, aber auch persönlichen Vorstellungen der Unternehmensspitze.
Es gibt eine Vielzahl von Lösungsversuchen und Modelltypen der Standortbestimmung wie geometrische Modelle, statische und dynamische Investitionsrechnungen, mathematische Methoden des Operations Research, Punktbewertungsmodell, Nutzwertanalysen oder Profilmethode.
In der Praxis erfolgt eine Abgleichung der Standortbedingungen und Standortanforderungen häufig folgendermaßen :
- Aufstellung eines Systems von Standortanforderungen
- Erstellung einer Rangfolge der Standortfaktoren hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Ansiedlung mit eventueller Gewichtung oder Punktbewertung der einzelnen Faktoren bzw. Ihrer Determinanten
- Festlegung eines Standortsuchraumes bzw. Festlegung der zu untersuchenden Standortalternativen
- Beurteilung der möglichen Standortalternativen hinsichtlich der Standortfaktoren
- Vergleich der Standortanforderungen mit den Standortbedingungen ausgesuchter möglicher Standorte durch Punktbewertungsmodell, Nutzwertanalyse oder Profilmethode
Die Auswahl der zu untersuchenden möglichen Standorte erfolgt hierbei meist aufgrund von Erfahrungswerten der Entscheidungsträger oder ihrer Berater oder aufgrund punktueller Analysen. Eine Betrachtung sämtlicher potentieller Standorte entfällt.
Die Bewertung der Standortfaktoren mittels o.a. Vorgehensweise erfolgt aufgrund teilweise subjektiver Urteile, die bei den Verfahren z.B. bei der Erstellung der Gewichtungsfaktoren, der Teilnutzwerte oder der relativen Bedeutung abgegeben werden müssen. Ein objektivierter mathematischer Vergleich von Standortbedingungen und Standortanforderungen findet dadurch nicht statt.
Eine Untersuchung der Forschungsstelle für empirische Sozialökonomik, Köln, ergab, daß standortsuchende Unternehmen durchschnittlich lediglich 2,1 Standortalternativen prüften. Keines der befragten Unternehmen prüfte dabei mehr als 6 Standortalternativen.
Allein das Bundesland Nordrhein Westfalen bietet auf einer Gesamtfläche von ca. 35.000 km² , 396 kreisfreien Städten und Gemeinden und ca. 18 Mio. Einwohnern die vielfältigsten Ansiedlungsmöglichkeiten mit den unterschiedlichsten Standortbedingungen. So differieren die Ausprägungen einzelner Standortfaktoren auf Gemeindeebene häufig um mehrere Hundertprozentpunkte. Wenn nun, wie die o.a. Untersuchung ergab, max. 6 Standortalternativen auf ihre Eignung hin überprüft werden, kann ein optimaler Standort lediglich rein zufällig gefunden werden. Eine flächendeckende Prüfung aller Standortalternativen auf Gemeindeebene ist bereits bei einer geringen Zahl von Standortfaktoren bzw. ihren Determinanten "per Hand und Auge" kaum noch möglich.
Eine Untersuchung der nahezu 14.000 Städte und Gemeinden in Deutschland mit herkömmlichen Methoden ist nicht möglich. Herkömmliche Methoden sind in der Regel darauf angewiesen, die potentielle Standortgemeinden nach dem sogenannten paarweisen Vergleich zu untersuchen. Hierbei wird jede Standortgemeinde mit allen anderen Standortgemeinden verglichen, um letztlich eine Rangfolge zu erstellen. Es gibt Untersuchungen, die belegen, daß der Mensch nicht in der Lage ist, eine größere Zahl von Alternativen auf diese Art und Weise zu untersuchen. Die Grenze wird bei ca. 10 Alternativen gesehen, da die Zahl der durchzuführenden paarweise Vergleiche überproportional zur Zahl der Alternativen wächst. Die Zahl der durchzuführenden Vergleiche ergibt sich aus der Formel
N=n(n-1)/2. Bei 10 Standortalternativen sind demnach 45 Vergleiche durchzuführen, bei 100 Standortalternativen sind jedoch schon 4950 Vergleiche durchzuführen. Eine simultane Untersuchung sämtlicher potentieller Standorte in einem größeren Suchraum, sei es nur ein Teil eines Bundeslandes oder sei es wie hier ganz Deutschland, ist unseres Erachtens nach nur mit mathematisch statistischen Methoden möglich.
Henner Lüttich
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