Spielsucht
Wer dem Glücksspiel anheim gefallen ist, hat oft eine lange Behandlung nötig, um von seiner Sucht wegzukommen. Bei der Caritas in Wiesbaden suchen immer mehr Spielsüchtige nach Hilfe, die meisten davon sind Opfer der Spielotheken. Wer zu Beginn gewinne, habe Pech, so Frau Kesternich. Was so unmöglich klingt, gilt als eine Art Naturgesetz für das Schicksal der Spieler. 76 Personen gingen 2009 zur Fachambulanz der Caritas in Wiesbaden und es werden nicht weniger.
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich, dass Kesternich eine von 15 Fachberatungsstellen mit diesem Schwerpunkt in Hessen leitet, die finanzielle Unterstützung von Land und Stadt erhalten. Bei den Personen, die Opfer der Spielsucht geworden sind, sind zu 67 Prozent männlich. Kesternich erzählt beispielsweise von einem jungen Türken, der den Wunsch seines Vaters erfüllt und seine Cousine zur Frau genommen hatte. Diese Ehe stand unter keinem guten Stern, so dass er nach seiner Arbeit keine Lust verspürte nach Hause zu gehen. Er verbrachte seine Abende und Nächte in den Spielotheken. Die finanziellen Engpässe versuchte er mit Diebstählen an seiner Arbeitsstelle zu lösen. Nachdem er entlassen wurde, folgte die Einsicht, dass er am Rande des Abgrunds stand.
Kesternich erklärt, dass die
Spielsucht jeden befallen könne. In aller Regel sind Menschen davon betroffen, die ein gutes Leben führen. Den Männern sind meist die Herausforderung und das Risiko wichtig, die Frauen denken, dass der Automat so etwas wie eine Bezugsperson sei. Unter den Patienten der Caritas sind auch Besucher von Spielcasinos zu finden. Der Fakt, dass die Hauptstadt von Hessen eine bekannte Spielbank beherbergt, fällt laut Kesternich nicht auf.
Über 85 Prozent ihrer Patienten fallen den Spielotheken zum Opfer, so die Sozialtherapeutin. Und diese Lokalitäten mit den Automaten stiegen in den vergangenen Jahren stark an. Eine davon, befindet sich gegenüber der Beratungsstelle. Ein besonderer Reiz dieser Ort besteht darin, dass sie nur eine Stunde zumachen, dass heißt, man kann sie täglich 23 Stunden besuchen. Die Dunkelziffer der Spielsüchtigen wird als sehr hoch eingeschätzt. Neben den 76 Menschen die letztes Jahr selbst zur Beratungsstelle fanden, kamen noch 21 meist weibliche Anverwandte, die das Schicksal ihrer Lieben nicht länger ertragen wollten und sich nach Hilfsangeboten erkundigten.
Für eine ambulante Therapie sind Kliniken geeignet, in denen die Patienten nicht in ihrer gewohnten Umgebung sind. Die stationäre Therapie kann als Reha folgen. Sie eignet sich aber auch als selbstständige Form der Therapie. Diese kann bis zu 12 Monaten andauern. Jede zweite Woche haben die Patienten ein Einzelgespräch. Einmal wöchentlich treffen sie sich mit ihren Mitpatienten in der Gruppe. Man wolle die Patienten erst zur Selbsterkenntnis führen, so die Leiterin der Fachambulanz.
Dies sei in der Beschäftigung mit anderen eher möglich, als in der Auseinandersetzung mit einem Fachmann. Dessen Ziel sei es vor allen Dingen, seinem Gesprächspartner eine neue Perspektive für das Leben aufzuzeigen. Kurzfristig seien die Aussichten auf Erfolg nicht allzu gut, denn wer 10 Jahre gedaddelt habe, werde nicht in einem Jahr wieder gesund, so Kesternich. Sie macht einen Unterschied zwischen Patienten, denen es gerade so gelingt, dem Spielen Lebewohl zu sagen und denen, die mit dem Verzicht ein gutes Leben haben.
Die Gefahr, einen Rückfall zu erleiden, sei nicht zu unterschätzen. Diese Sucht wird seit Jahren als Krankheit angesehen. Die Rentenversicherung und die Krankenkassen würdigen die Arbeit der Caritas als Therapie und erstatten deren Ausgaben. Für ein Einzelgespräch von 50 Minuten oder 100 Minuten in der Gruppe werden je Person 48,40 Euro angesetzt. Ein Versuch lohnt sich in jedem Fall.
Eine Buchhalterin hatte beispielsweise mit großem Geschick ihre Firma hintergangen, um an das Geld für ihre teueren Besuche in den Spielhallen zu kommen. Ihr wurde fristlos gekündigt. Als sie dann eines Tags geheilt war, bot ihr Chef ihr einen neuen Vertrag an, da sie für ihn unverzichtbar war.
Lena Koch