Rainer Sauer/Autor
Ich höre nicht selten die Argumente: „Wenn die anderen mich sein lassen würden, wenn dies und das anders wäre, wenn ich in einer anderen Zeit geboren wäre oder auch in einer anderen Familie aufgewachsen wäre, dann gäbe es keine Probleme, dann könnte ich einfach so sein, wie ich bin". Wenn ich wollte, könnte ich diese Liste endlos weiterführen, aber ich glaube als Vorgeschmack reicht dies erst mal aus. Jeder hat da so seine Erklärungen und Rechtfertigungen, warum er einfach nicht so sein kann, wie er nun mal ist. Meistens ist dies nun auch noch mit einem Wehklagen, das heißt ganz faktisch mit dem Lamentieren über die fehlende Toleranz der anderen und dem scheinbaren Unverständnis der Welt für das eigene Bedürfnis nach dem einfachen „so sein" verbunden. Ich versuche in diesem Fall erst gar nicht, diese in einem Beton Fundament eingelassenen Argumente zu widerlegen, da mir durchaus bewußt ist, daß hier auch ein Durchkommen mit einem „Presslufthammer" zumeist unmöglich ist. Denn diese Argumente sind in akribischer Weise, oft
in jahrzehntelanger Arbeit in Stein gehauen worden und sind nur noch dadurch ins Wanken zu bringen, wenn sich die Einsicht etablieren kann, daß es
nichts Äußerliches gibt, was uns wirklich davon abhalten könnte, zu sein, wie wir sind. Das heißt, ich kann nur eines machen, immer wieder versuchen, diesen Samen der Erkenntnis zum Gedeihen zu bringen. Und eines ist sicher, auf Betonboden sind die Chancen denkbar ungünstig, was wir alle ja sehr gut nachvollziehen können
Es ist also wichtig, daß wir diese irrealen Gedanken Konstrukte in ihrer Aktivität erkennen und unentwegt versuchen, diese universelle Gesetzmäßigkeit (daß es nichts Äußeres gibt, was uns zurückhalten kann, so zu sein wie wir sind) sozusagen hinter sie schauend zum Aufkeimen zu bringen. Dies können wir auch unterstützen, indem wir uns bewußt machen, wie wir diese nicht gültigen Argumente für uns benutzen, nämlich als Vorwand, als Ausrede, um dem Erkennen unseres Freiseins meist unbewußt zu entgehen. Und um unserer Angst vor Selbstverantwortung und der Bedrohung, diese letztendlich übernehmen zu müssen, nicht zu begegnen. Da wir meist noch ein eher negativ geladenes Bild von Freiheit und Selbstverantwortung haben, ist es auch verständlich, daß wir hier zur Vermeidung der Bewußtwerdung neigen. Wenn wir vor uns selbst zugeben können, daß dies wirklich alles nur Vorwände sind, und daß da tatsächlich Angst existiert, Verantwortung für unsere Bedürfnisse, unsere Träume und Wünsche übernehmen zu müssen, sind wir dem „so sein, wie wir sind" ein ganzes Stück näher gerückt.
Wir realisieren nun nach und nach, daß wir wirklich einfach „so sein können wie wir sind", ohne daß wir uns nach außen hin dafür rechtfertigen müssen. Und wenn es auch nicht immer und grundsätzlich der Fall sein wird, daß wir positives Feedback erhalten, ist es doch so, daß wir weitaus öfters auf gutgemeinten Zuspruch von außen stoßen, wie wir dies eigentlich erwarten würden. In der Realität sieht es nämlich so aus, daß die Menschen, so wie wir dies ja zumeist auch tun, ein ehrliches, authentisches Erscheinen durchaus willkommen heißen und somit auch viel offener und berührbarer sind. In diesem Sinne bestätigt uns unsere sich stetig anhäufende Erfahrung, daß das Authentischsein nicht nur legitim, berechtigt und sinnvoll ist, sondern eben auch von der Ganzheit als solches erwünscht und erfragt ist. Somit erwacht und erwächst auch proportional zu dieser Authentizität unser echtes Sehnen hiernach, und wir beginnen, das Erlauben, wir selbst zu sein, in Baby Schrittchen zu üben. Mit anderen Worten, wir gestatten uns hierbei einlangsames und geduldiges Gehen, Probieren und Wandeln, welches den Prozeß des immer mehr Authentischwerdens kontinuierlich nährt und letztendlich zur Vollendung bringt. Und somit fange ICH einfach damit an, es in winzigen für mich begehbaren Übungsschritten zuzulassen, "so zu sein, wie ich bin". Und im selben Geiste führe ich meine Verwandlung, meine Selbstverwirklichung geduldig fort.