Herdecke, 18.09.2010 - Es herrscht zunehmend Unruhe im Markt für Finanzdienstleistungen. Verbraucher werden angesichts der Ereignisse der jüngeren Vergangenheit kritischer und wandern mit ihrem Geld zu Banken ab, die transparent und ethisch orientiert sind. Gleichzeitig wird es auch für im industrialisierten Teil der Welt lebende Menschen zunehmend schwieriger, Kredite zu bekommen. Die Folgen betreffen nicht mehr nur Privathaushalte, sondern auch Gewerbebetriebe, die unter Umständen schnell aus einer Schieflage in den Konkurs abgleiten. Für beide, Privatleute und Verbraucher scheint zu gelten: Je nötiger der Kredit ist, desto schwieriger wird es, ihn zu bekommen.
Fatal ist, dass die Wurzel des Übels nach wie vor die Tatsache ist, dass für geliehenes Geld Zinsen gezahlt werden müssen. Diese wecken bei Kreditvergebern unweigerlich Gier und werden von den Unternehmern zum Beispiel wohl oder übel zum Bestandteil des Preises gemacht, also letztendlich vom Konsumenten gezahlt. Zinsen sind in das gewöhnliche Geldsystem inkludiert und so im Gewohnheitsdenken verankert, das es als Narretei gelten würde, wollte jemand Geld zinsfrei verleihen. Aber genau dafür braucht es neue, im Verhältnis zu den gegenwärtigen Entwicklungen revolutionäre Ideen.
In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bemerkte die Friedensbewegung, dass es durch die alltägliche Verbindung aller Haushalte mit den Banken nicht möglich ist, Geld auf Konten zu haben, ohne nicht irgendwie mit Rüstungsgeschäften in Verbindung zu geraten. Heute sind wir der Einsicht sehr nahe, dass alle Guthaben durch das Handling der Banken mit Vorgängen in Verbindung gebracht werden, die für einen Großteil der Menschheit fatale soziale Folgen hat. Der Gewinn des einen ist mathematisch notwendig der Verlust des anderen! Von dieser Verantwortung kann sich niemand, auch mit dem aller kleinsten Sparguthaben nicht, frei sprechen.
Es steht an zu fragen, welche Chance ein zinsfreies Geldsystem gegenwärtig haben könnte. Es ist aber auch danach zu fragen, ob sich eine Zinsfreiheit mit dem herkömmlichen Geld überhaupt realisieren ließe. Im heiß umkämpften Markt für Finanzdienstleistungen wird neuerdings für Kredite geworben, die – für einen begrenzten Zeitraum von zum Beispiel sechs Monaten – zinsfrei gewährt werden. Allerdings ist die Verpackung für solche Offerten wiederum eine gewöhnliche Kreditkarte, die Zinsfreiheit also mehr ein Marketinggag, denn der Versuch, dem Geld den Fluch des Zinses zu nehmen.
Vermutlich braucht es für zinsfreie Kredite ein eigenes, komplementäres Geldsystem. Erst wenn es gelingt, solchem nicht staatlichen Geld Eigenschaften zu geben, die dem gewöhnlichen Geld überlegen sind, kann mit der Bereitschaft gerechnet werden, das Sparer auf die Verzinsung ihrer Guthaben verzichten. Der zentrale Vorteil, den Zinsfrei-Sparer gewährt bekommen könnten, wäre natürlich die Möglichkeit der Inanspruchnahme zinsfreier Kredite für den eigenen Bedarf. Würde es gelingen, für ein zinsfreies, komplementäres Geldsystem nachhaltig zu werben, würden vermutlich auch bald entsprechende Organisationsformen entstehen, die solch revolutionäre Finanzdienstleistungen handhabbar machen.
Peter Krause-Keusemann