Shah Rukh Khan zur Temptation Reloaded Show in Rotterdam
Folgende unglaubliche Situation hätte sich genau so zutragen können: An einem regnerischen und kalten Abend im Oktober stehen mehrere Tausend Fans vor den Toren des Velodroms in Berlin und warten darauf, in die seltsamerweise völlig verlassen wirkende Halle eingelassen zu werden. Gleichzeitig stehen 70 Tänzer, Schauspieler, Techniker und der Weltstar des indischen Kinos, Shah Rukh Khan, vor dem Künstlereingang in der Kälte – und können nicht hinein in die seltsamerweise völlig verlassen wirkende Halle.
Bevor es jedoch zu dieser scheußlichen Szene kommen konnte, trat der sichtlich erschütterte Shah Rukh Khan vor die Kamera und übernahm die Verantwortung dafür, im letzten Moment die Notbremse gezogen zu haben.
Wie hatte es so weit kommen können? Es ist gar nicht so einfach, sich in dem derzeit herrschenden Pressenebel einen Überblick zu verschaffen, aber der Versuch lohnt sich und bringt Klarheit in einer Situation, in der Shah Rukh Khan seinen Kopf hinhalten muss und sowohl er und seine Fans die Leidtragenden sind. Wie also war die Geschichte mit der Temptation Reloaded Tour und SensAsian Media?
Am 23. Januar 2008 taucht auf der Homepage von SensAsian Media(SA) die Ankündigung einer Show mit Shah Rukh Khan auf; sie solle im Juni in Berlin, Hamburg und Düsseldorf stattfinden, ein genaues Datum wisse man noch nicht, wird mitgeteilt.
Während der Berlinale Anfang Februar, als Shah Rukh Khan dort seinen Film Om Shanti Om vorstellt, ist bei einer von SA organisierten Party (ohne den Künstler) von Tickets für eine geplante Show nicht nur die Rede, es werden sogar einige verlost und verteilt, wie ein Partygast bestätigt. Auf eine Frage während der Frage-Antwort Runde nach der Filmpremiere antwortet Shah Rukh Khan lediglich mit es ist möglich, dass eine Show im Juni vielleicht stattfinden könnte, denn weder zuvor noch während der Berlinale ist es zu einem engeren Kontakt zwischen SensAsian Media und dem Künstler gekommen.
Aber am 26. Februar grenzt man auf der SA-Homepage die Termine schon auf die letzte Woche im Juni ein.
Wieder vier Wochen danach stehen die Termine 27., 28., und 29. Juni auf der Homepage von SensAsian Media, verbunden mit der Ankündigung, dass der Vorverkauf binnen fünf Tagen starten solle. Da von Hamburg gemunkelt wird, ruft ein Fan bei der in Frage kommenden Halle in Hamburg an und bekommt eine vage Aussage: Tatsächlich sei Ende Juni ein Termin geplant, jedoch noch nicht bestätigt. Am nächsten Tag stellt sich heraus: Auch in Berlin und Düsseldorf laufen Verhandlungen über Termine, die jedoch noch nicht abgeschlossen sind. Überraschenderweise ist, wieder einen Tag später, die Tour bei TicketOnline bereits registriert, der Vorverkauf soll am 7. April beginnen, die Termine allerdings stehen noch nicht fest.
Am ersten April kommt eine Nachricht von TicketOnline, dass der Vorverkauf gestoppt sei. Zu diesem Zeitpunkt in der Entwicklung der Ereignisse kann man über diesen „Aprilscherz" noch lachen.
Am 3. April steht nur noch der 29. Juni als Termin auf der Homepage von SensAsian Media. Am gleichen Tag bestätigt die Colour Line Arena in Düsseldorf, dass der Termin 27. 6. immer noch reserviert sei, allerdings sei kein Vertrag vorhanden. Eine Woche später, am 9. April, gibt Düsseldorf den reservierten Termin frei, weil der Veranstalter ihn nicht bestätigt, die noch auf der SA-Homepage vorhandenen Termine werden gelöscht. Zwei Tage vorher hätte der Vorverkauf beginnen sollen!
Zwei Tage nach dieser Absage bekommt ein anderer, in einem Internetforum organisierter Fan eine Email von SA, wonach die gesamte Tour mit Shah Rukh Khan nun im Herbst stattfinden soll; als Orte werden Berlin, Düsseldorf und Hamburg genannt. Am gleichen Tag, dem 11. April, erscheint diese Meldung schließlich auch auf der Homepage von SA. Man kann Tickets reservieren. Am 18. 4. werden Reservierungsbestätigungen verschickt für eine Show in Berlin am 10. Oktober 2008. Andere Fans bestätigen am 20. April, dass Ticketreservierungen möglich seien und am 22. April bestätigt auch das Velodrom Berlin diesen Termin und sagt unverbindliche Ticketreservierungen zu.
Am 23. April jedoch gibt es wieder eine Änderung: SensAsia Media teilt mit, dass die Show sich um eine Woche auf den 17. Oktober verschiebe. Was SensAsia Media nicht sagt, die Kunden aber ärgert, ist die Frist, innerhalb derer sie sich zu einer Umbuchung entscheiden müssen: 48 Stunden haben sie dazu Zeit, reagieren sie nicht schnell genug, ist die Buchung auf den neuen Termin verbindlich. Verärgert stornieren viele ihre Reservierungen.
Die Verärgerung hat eine Vorgeschichte: Seit 2004 ist der Veranstalter, Qasim Ali, mehrfach in Erscheinung getreten und jedes Mal traten schwerwiegende Pannen auf, wenn denn die zugesagten Veranstaltungen überhaupt stattfanden. In besagtem Jahr gab es die erste „Temptation" Tour. Ursprünglich sollte das Konzert auf deutschem Boden in Hamburg stattfinden und viele Fans erwarben Tickets, bekamen aber nie ihr Geld zurück, nachdem die Show in Hamburg ausgefallen war. Nach der Ersatzshow in Dortmund gingen Qasim Ali und der damalige Mitveranstalter Haris Patscha getrennte Wege. Von dubiosen Machenschaften war die Rede. Ali gründete seine eigene Firma, „Stars Entertainment" und organisierte zwei Dinner-Events, von denen das zweite, in Hamburg, wegen chaotischer Verhältnisse am Veranstaltungsort von Shah Rukh Khan abgebrochen wurde, weil dieser eine Panik unter den Gästen befürchten musste. Viele Klagen gegen den Veranstalter und Rückforderungen von Eintrittsgeldern fruchteten nicht; der Veranstalter verlegte seinen Sitz nach Großbritannien. Von dort aus plante er weitere Shows in Großbritannien, Norwegen und Schweden, die jedoch mangels Ticketverkäufen und Werbung kurzfristig abgesagt werden mussten. Inzwischen schuldete Qasim Ali dem indischen Organisator Cineyug eine horrende Summe für ausgefallene Konzerte und seine Firma meldete Bankrott an. Auch in diesem Jahr 2008 wurde eine Tournee, die „Unforgettable Tour" mit Amitabh Bachchan nicht verwirklicht und kurzfristig abgesagt.
Zurück zu unserer Chronologie: Am 26. 4. bestätigt das Velodrom in Berlin die Veranstaltung am 17. 10. und gibt 18.30 Uhr als Beginn des Einlasses an.
Am 27. 4. sind die VIP-Tickets bereits ausverkauft. Allerdings beginnt bei TicketOnline der Vorverkauf erst am 15. Mai. Laut den Geschäftsbedingungen von SA muss aber der Ticketpreis bereits bis zum offiziellen Beginn des Vorverkaufs bezahlt sein. Da dies verwirrende Vorspiel nun einmal so ist, erhalten auch die Ticketbesitzer nun, am 14. Mai, schon ihre Rechnungen und die Mitteilung, dass die Tickets ab dem 2. Juni verschickt werden sollen. Und tatsächlich erhalten auch an diesem Tag einige Fans ihre Karten. Zwei Wochen lang fühlen sie sich sicher, dann wird am 12. 6. der Kartendruck und Versand unterbrochen, als Begründung wird eine Änderung des Layouts angegeben.
Am 21. Juni, die Temptation Reloaded Show findet in Rotterdam statt, sprechen die Brüder Morani vom indischen Showveranstalter Cineyug erstmals von der Möglichkeit einer zweiten Show in Frankfurt am Main. Drei Wochen später gibt es dann eine Pressemeldung, in der die Show in Frankfurt am 19. Oktober angekündigt wird. Noch am gleichen Tag ist bei der Festhalle Frankfurt direkt die Information über Ticketpreise und Beginn der Show zu erhalten.
Der erste August ist in dieser Geschichte ein besonders denkwürdiger Tag. Jetzt, nach einem halben Jahr von Zusagen, Absagen, Stornierungen und Verschiebungen, gedruckten, bezahlten und eingestampften Tickets, wird nun zwischen SensAsia Media und Red Chillies International, dem Management von Shah Rukh Khan, ein Vertrag über die Veranstaltung der Temptation Reloaded Tour in Deutschland abgeschlossen.
Am 2. September wird kurzfristig noch eine dritte Show in München ins Programm aufgenommen. Am 7. Oktober sagt die technische Produktionsfirma der ersten Show in Berlin, dass sie noch immer kein Geld für ihre geleistete Arbeit bekommen habe.
Am 13. Oktober erst erfährt Shah Rukh Khans Management, Red Chillies, dass die Hotelbuchungen für die gesamte Tour und alle beteiligten Künstler und Mitarbeiter noch nicht bezahlt sind, die Flugtickets für alle 70 Personen noch nicht ausgestellt. Auch das Velodrom in Berlin und die Halle in München sind noch nicht bezahlt. Berlin droht mit sofortiger Stornierung.
Daraufhin sagt Red Chillies International die gesamte Tour ab.
Am 14. Oktober geht Qasim Ali von SensAsian Media überraschend mit Vorwürfen an die Öffentlichkeit und erklärt, auf einer siebenstelligen Summe von Schulden zu sitzen, worauf am 16. Oktober, einen Tag vor dem geplanten Termin in Berlin, Red Chillies reagiert. Am Tag der Show selbst tritt Shah Rukh Khan vor die Kamera und muss seinen Fans erklären, dass er aus Verantwortung für sie und für sein Team zum ersten Mal in seinem Leben eine Tour absagen muss. Seine Fassungslosigkeit darüber, wie übel ihm hier mitgespielt wurde, ist ihm deutlich anzumerken.
Während seine Videobotschaft auf YouTube läuft, feiert Qasim Ali in Berlin auf seiner nicht abgesagten „Aftershow-Party" sichtlich vergnügt zwischen unerschrockenen Besuchern und einer Menge von Bodyguards. Welchen Anlass er zum Feiern hat, lässt sich nicht erschließen. Genau so unbeantwortet bleibt die Frage, womit er Party und Bodyguards bezahlt.
Am 18. 10. verkündet Qasim Ali in der Presse, er sei bedroht worden. Das hält ihn aber nicht davon ab, auch am 19. 10. in Frankfurt auf der nicht abgesagten Aftershow-Party zu feiern, unbeeindruckt von Unmutsäußerungen einiger Gäste. Inzwischen haben einige Zeitschriften Alis Behauptungen abgeschrieben, die Sache zieht Kreise.
Shah Rukh Khan steht bei der deutschen Presse vor verschlossenen Türen. Zugeschlagen hat sie ein anderer. Er ist jedoch ein Star, der nie vergessen hat, wem er seinen Ruhm verdankt und seine Fans danken es ihm. Deswegen vielleicht ist seit dem 21. 10. seine Videobotschaft auch in den deutschen Medien, bei RTL2 online, zu sehen. Der Sender lässt sich den Star seiner Bollywood-Filmreihe auch nicht so ohne weiteres kaputtreden.
Daniela Happe (Asianoutlook.com)