Rainer Sauer/Autor
Ich möchte wieder einmal das Werkzeug der Einfachheit nutzen und die Thematik zuerst in einem groben Raster betrachten. So beginnen wir, das Komplexe in einem einfachen, anschaulichen Lichte zu sehen und dabei das Ganze in einer etwas überspitzten, fast schon plakativen Art und Weise zu projizieren. Ist es denn nicht so, daß wir im allgemeinen hören, falls wir auf die vielen Stimmen achten, die es über das Thema Sexualität gibt, daß wir vor allem zwei wesentlichen grundsätzlichen Aussagen begegnen: zum einen der extremen Aussage, welche die Sexualität verteufelt und auch alles, was mit ihr im entferntesten in Verbindung gebracht werden kann; und zum anderen jener dogmatisch anmutenden Stimme, welche die Sexualität verherrlicht und sie als den einzigen Weg, als die einzige spirituelle Praxis anerkennt, die eine Verschmelzung mit dem Göttlichen in einer sogenannten Gottes Erfahrung in der universellen Vereinigung möglich macht. Wir können selbstverständlich noch einigen anderen Thesen begegnen, wobei eine der meistverbreitetsten diejenige Theorie ist, welche Sexualität sozusagen wissenschaftlich neutral bewertet, und man sie somit zwischen den zwei Polen der erwähnten Extreme ansiedelt, sie nämlich im wahrsten Sinne des Wortes neutralisiert, indem sie ausschließlich als Werkzeug unseres animalischen Sexualtriebes, als Mittel unserer biologisch notwendigen Selbst-Erhaltung, als Instrument unserer Fortpflanzung eingestuft wird. Wieder einmal begegnen wir hier Erklärungs Modellen, welchen zu eigen ist, die Welt zu teilen, zu entzweien und das letztendliche Erreichen des Zieles der Vereinigung, des sich Erinnerns oder besser gesagt, des Zurückversetztwerdens in den Urzustand des ewigen Einsseins praktisch unmöglich machen. Schauen wir mit der Sichtweise, die auf das Auseinander Dividierte fokussiert ist, also auf das, was aufgrund unserer verzerrten Wahrnehmung uneins erscheint, auf die Welt, die Menschen oder auch auf uns selbst und halten diese Erscheinung des Getrenntseins auch noch tatsächlich für einen Baustein der Realität, ist es doch sehr unwahrscheinlich, daß wir hierbei dem allumspannenden Einssein begegnen.
Eine weitaus heilsamere Interpretation von Sexualität und ihrer tieferen Bedeutung ist da eher der Weg, der sich irgendwo in der fiktiven wirklichen Mitte trifft und der beiden Extremen, nämlich dem Wunsch, mit oder ohne Sexualität leben zu dürfen, eine grundsätzliche Legitimität einräumt. Eben der Sexualität den Raum zur Entfaltung bietet, welcher vom Individuum gebraucht wird, um seinen eigenen größtmöglichen Nutzen aus der himmlischen Gabe der Sexualität gewinnen zu können. Hier spreche ich allerdings von der Sexualität, welche zumeist als die einzig bestehende wahrgenommen wird und die die körperliche Vereinigung von Mann und Frau bezeichnet. Was diese spezielle Form von Sexualität betrifft, sind wir alle freigestellt, sie zu nutzen oder auch aus unserer Entscheidung heraus darauf zu verzichten. In beiden Fällen ist Gottes Erfahrung praktisch unbegrenzt möglich, und keiner der beiden Wege ist besser oder schlechter als der andere. Auch die gleichgeschlechtliche Sexualität nimmt hier keine Ausnahmestellung ein, sondern ist auch „nur" eine von vielen variablen Möglichkeiten der Selbst Erfahrung und der daraus resultierenden Selbst Verwirklichung. In welcher Art und Weise wir unsere individuelle Gottes Erfahrung machen möchten, ist uns also unbedingt durch unseren freien Willen freigestellt. Das Leben als solches ist ein unbeschreiblich großes Übungs Feld, welches in all seinen mannigfaltigen Erscheinungen Gottes Erfahrung ermöglicht, also das Einssein mit allem potentiell immer und überall zur Verfügung stellt. Da ist keine Art und Weise, kein wie oder mit was und wem ich meinen Weg gehe, auch keine noch so scheinbar unsinnige Entscheidung, meine individuelle Reise des Lebens zu beschreiten, in irgendeiner Weise höher oder niedriger zu bemessen. Da ist einfach alles nur gleichwertig, nämlich sich auf einem breiten Pfad in Richtung Gottes Erfahrung befindlich, auf dem Weg zu mir selbst, zu meinem wahren göttlichen Selbst.
Hierbei ist hinzuzufügen, daß neben der Tatsache, daß wir zwischen körperlicher Vereinigung und dem Verzicht darauf durchaus wählen können und beides legitim ist, eine weitere Tatsache über das Wesen der Sexualität besteht. Diese ist weitaus essentieller als nur die Feststellung, daß wir frei sind, uns zu entfalten und dabei die Vereinigung zwischen Mann und Frau oder auch zwischen Mann und Mann, Frau und Frau nutzen können oder auch darauf verzichten dürfen. Nämlich die Tatsache, daß wir in letzter Konsequenz nicht wählen können, ob wir sexuelle Wesen sind oder nicht. Diese sind wir nämlich auf jeden Fall, da gibt es keinen Zweifel, und daraus ergibt sich auch, daß es noch einen weiteren und tieferen Sinn der Sexualität zu erfassen gilt. Daß nämlich Sexualität einen weitaus höheren Status in der Hierarchie des göttlichen Daseins inne hat, wie wir uns in der Begrenzung derselben auf ihr körperliches Bestehen gerne einreden. Wir sind definitiv sexuelle Wesen, und von einem Betrachtungs Standpunkt ausgesehen, der einen etwas großzügigeren Überblick gewährt, ist das Wesen aller Dinge essenziell sexuell, daß heißt, es ist in Liebe harmonisch miteinander schwingend. Hier ist Sexualität die Schwingung, welche voll höchster Freude, voll unbegrenzter Liebe all dem göttlichen Sein zugrunde liegt, ist Ausdruck unserer ewigen Verbundenheit, unserer steten Vereinigung schlechthin. Hier ist Sexualität identisch mit Liebe, eine essenzielle Qualität Gottes und demnach eine innere Qualität eines jeden Menschen. Somit ist es auch naheliegend und durchaus verständlich, daß allen Versuchen, uns zu verschmelzen, uns zu vereinigen, allen Einheitserfahrungen, sprich Gottes Erfahrungen, dieselben Erfordernisse, Grundelemente zu eigen sind, und auch die sexuelle Grundschwingung, die Liebe als solches nie abwesend ist. Folglich sind dieselben Grundelemente wie sie auch der körperlichen Vereinigung zwischen zwei Menschen zugrunde liegen, die das Miteinander Einssein erfahren wollen und sich mit dieser Ausrichtung dem Akt der Liebe hingeben, auch beim Dinieren, in der Meditation, bei jedem Akt des Lebens am wirken. Diese Grundelemente, diese speziellen Qualitäten, sind unbedingte Anforderung, und ohne sie ist eine Fusion der Dualität, der scheinbaren Gegensätze fast unmöglich. Ich spreche hier von fast, da mir zumindest noch eine weitere Form des Erlangens bekannt ist. Nämlich der Akt der Gnade, bei dem wir scheinbar ohne unser Zutun eine bewußte Gottes Erfahrung geschenkt bekommen, wobei ich mir nicht so sicher bin, daß wir in diesem Falle wirklich unbeteiligt sind und es daher eher anzunehmen ist, daß es da schon eine Verbindung zwischen dem, was erfahren wird und dem, der gerade erfährt, zu geben scheint. Und dann möchte ich ja auch nicht den Anspruch geltend machen, alles zu wissen, was bedeutet, daß es ja gut möglich ist, daß es da noch andere mir unbekannte Arten und Weisen gibt, welche das Erfahren des bewußten Einsseins ermöglichen.
Jedenfalls sind für die mir bekannten Formen immer die gleichen Dinge erforderlich. Dies sind zum einen eine Grundschwingung, eine Atmosphäre von Würdigung und Vertrauen und ein Bewußtseins-Gefäß, in dem man sich in liebevoller Weise begegnet. Und zum anderen die Auflösung von scheinbaren Gegensätzen wie z. B. Aktivität und Passivität, deren simultanes Vorhandensein einen vorbereitenden, auslösenden Vor Verschmelzungseffekt hat. Wir müssen also schon gewisse Grundelemente miteinander vereinen, um einerseits den Prozeß einer Kettenreaktion zu ermöglichen, welche in immer intensivere Erfahrung von Einssein führt, und andererseits um letztendlich die Reaktion als solches auszulösen. Diese Grundelemente sind wie folgt wie schon eben erwähnt zu erst mal Aktivität und Passivität. Wobei hier nicht die Rede ist von einer Aktivität, welcher Tatendrang, Ruhelosigkeit und Leistungsfähigkeit zugrunde liegt und auch nicht von einer Passivität, welche wir allzu oft als Untätigkeit, Trägheit oder als totalen Bewegungs Stillstand erfahren haben. In diesem Fall ist es eher ein Einbringen von einer liebevollen Aktivität, währenddessen wir nicht unsere Vernunft die Bewegung steuern lassen, sondern bei der wir uns in gewisser Weise durch unser Herz bewegen lassen. Und dem gleichzeitigen „Aktiv" Werden unserer passiven Qualitäten, welche vor allem Empfänglichkeit, Entspannung und Hingabe und der willentliche Akt des Loslassens sind. Weiterhin sind da noch die Anspannung und das Entspanntsein, die Mühe und die Mühelosigkeit, die Festigkeit und die Weichheit zu erwähnen, welche hier gleichzeitig bei einer göttlichen Vermählung anwesend sein sollten.
Dies sind praktisch mehrere uns geläufige Gegensatz Paare, die in der dualistischen Sichtweise unvereinbar miteinander sind; welche wir aber in einem Akt liebevoller Vereinigung miteinander versöhnen müssen, um das innere Feuer, welches die Verschmelzung ermöglicht, zu entfachen. Als sexuelle Wesen sind wir fähig, uns jederzeit bewußt in diese Schwingung der Sexualität der Liebe zu begeben, welche immerwährende Grundschwingung ist und nur unserer bewußten Entscheidung bedarf, um sie wahrzunehmen und um bewußt an ihr teilzuhaben. Und wenn dies auch zugegeben nicht gerade einfach ist, so ist es aber doch auch nicht unmöglich und mit einem gewissen Maß an Bereitschaft und der Unterstützung innerer göttlicher Führung durchaus erreichbar. Dieses Verschmelzen, sich des Einsseins mit allem bewußt zu werden, zu sein, ist, wenn jene Kriterien erfüllt sind, an jedem Ort, zu jeder Zeit potentiell zugänglich, auch wenn wir es doch sehr selten erfahren. Nun möchte ich dieses Thema mit einem Bild beenden, welches meiner Ansicht nach den Moment der Vereinigung auf eine Einfache und eine unendlich komplexe Art und Weise versinnbildlicht. Ein Bild der Meditation, der stillen Betrachtung, welches uns tiefen Einblick in das Wesen der Sexualität gewähren kann. Und zwar ist dies das Bild von der Lanze, welche in den heiligen Gral eintaucht.