Auszug aus "Deus Homo",spiritueller Ratgeber vom Karlsruher Autor Rainer Sauer.Kapitel Selbstverantwortung und ihre VermeidungMeine wahre innere Einstellung zu finden, zu dem zu kommen, was ich möchte oder nicht möchte, und dies unmissverständlich für mich zu definieren, ist ein zwingender Schritt in Richtung Klarheit und Entschlossenheit. Es ist eine deutliche Bewegung vom Wollen ins Handeln. Tatsache ist allerdings auch, daß wir zumeist Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollen, wir folglich ein Leben leben, welches wir eigentlich gar nicht leben wollen. Oftmals ist uns unser wahres Bedürfnis, unser wahres Verlangen nicht bewußt, und wir rechtfertigen durch Aussagen wie: "Ich darf nicht", "Ich kann nicht", "Das geht nicht" unsere Handlungen und Nicht-Handlungen. Indem wir jedoch unserem wahren Verlangen eine Stimme geben, übernehmen wir Verantwortung für unser Selbst, Verantwortung für unsere Handlungen und für die daraus resultierenden Konsequenzen.
Uns selbst zu fragen, ob wir in unserem tiefsten Inneren nun wirklich wollen oder nicht wollen, ist somit ein einfaches und effizientes Werkzeug, um uns unserer Selbst-Verantwortung zu erinnern. Selbst-Verantwortung sollte in diesem Falle mit dem Eingeständnis einhergehen, daß ich Verantwortung just in diesem Moment nicht übernehmen will, oder mich ihr gerade in diesem Augenblick entziehen möchte. Falls diese Vermutung nun in dem einen oder anderen Fall auch wirklich zutrifft, wird, wenn wir auch weiterhin bereit sind, der "Er-Klärung" zu begegnen, dieselbe auch folgen. Das heißt, unsere Verweigerung, Selbstverantwortung zu übernehmen, wird immer transparenter und sichtbarer, was in diesem Fall bedeutet, daß wir mit ziemlicher Sicherheit einem „Ich kann nicht", "Ich darf nicht", "Das geht doch nicht" oder einer ähnlich klingenden Formulierung begegnen. Diese "selbst-verantwortungs-losen" Aussagen mögen wohl auch zugegebenerweise teilweise für uns in einer Welt der sozialen Umgangsformen zutreffen, aber im Lichte der Freiheit doch völlig ihre Relevanz und Berechtigung verlieren. Um dieses Werkzeug anwenden zu können, muß ich also eher mit der letzteren erwähnten Betrachtungsweise arbeiten, um mir überhaupt mal den für das Wachstum nötigen Spielraum zu verschaffen. Was im Klartext heißt: die Antworten "Ich kann nicht" oder „Ich darf nicht" existieren als relevante Argumente grundsätzlich nicht mehr, und ich lösche diese nicht verantwortungs-stärkenden Schein-Gründe aus meiner Auswahlliste, aus meinem gewohnten Antwort-Katalog. Mein neuer Antwort-Katalog, der sich nun herauskristallisiert, hat somit nur noch zwei relevante Kategorien: zum einen die mit dem Kriterium "Ich vermeide Selbst-Verantwortung" zum anderen "Ich übernehme Selbst-Verantwortung". Und ich ordne für mich den "Ich kann nicht/darf nicht"-Typus und ähnliche Aussagen in die erste Kategorie ein. Was bedeutet, daß ich mir zweifelsohne eingestehen muß, ja eigentlich schon eingestanden habe, daß ich meine Selbst-Verantwortung gerade mit dieser Behauptung „Ich kann/darf halt nicht" leugne. Die Selbst-Verantwortung, welche mir zumindest unbewußt bekannt ist, verdecke ich mit all diesen Schein-Begründungen, um eben nicht konkret zu dem darüber hinaus existierenden „Ich will nicht" oder „Ich will" Stellung beziehen zu müssen.
Diesen selbstverantwortlich konkreten Aussagen, welche hier also den oberflächlichen Schein-Ausreden unterliegen, entziehe ich somit ihre innewohnenden Kraft. Weil ich eben nicht bereit bin, ehrlich, konsequent, im Geiste gesunder Selbstbehauptung, mein wahres Wollen zu zeigen. Und den damit verbundenen mutmaßlichen Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten oder einfach dem Leben als solches offen zu begegnen. Mit anderen Worten, ich möchte meine Selbstverantwortung nicht übernehmen, weil ich dann offensichtlich für mein Wollen und Handeln und den daraus resultierenden Konsequenzen verantwortlich bin. Im großen und ganzen „herrscht" immer noch ein Bild von Verantwortung in uns, welches überwiegend mit negativen Vorstellungen
besetzt ist. Solange wir dieses negative Bild aufrechterhalten und nicht die dahinterliegende Wahrheit über den echten Charakter von Selbstverantwortung erforschen, nämlich die freiheitliche Selbstbestimmung, die darin verborgen liegt, fällt es uns selbstverständlich schwer, uns für diese Seite des Lebens zu entscheiden. Da wir sie ja innerlich mit Unannehmlichkeiten, mit Problematik definieren und sie eben nicht in Verbindung bringen mit dem, was sie wirklich ist: nämlich das wesentliche Element, aus welchem Freiheit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und nicht zuletzt Lebensfreude und innere Zufriedenheit geboren wird. Selbstverantwortung heißt also: bereit zu sein, mit Klarheit hinzuschauen, was ich wirklich will und was ich nicht will. Und dies sichtbar, transparent für andere zu vertreten. Mit anderen Worten, mein „Ich will" und mein „Ich will nicht" konsequent zu leben, ohne dies erstens rechtfertigen zu müssen und zweitens, in voller Bewußtheit jegliche Konsequenzen zu tragen.
Was uns selbstverständlich den Rückschluß aufdrängt, daß ich gerade dies, wenn ich ein „Ich kann nicht" oder "Ich darf nicht" lebe, eben definitiv nicht tue. Ich also in diesem Falle weder die Verantwortung für etwas übernehmen möchte, noch den Mut habe, ohne Rechtfertigung meinen Weg zu gehen, und eigentlich gar nicht bereit bin, die Konsequenzen für mein Handeln zu tragen. Der scheinbar leichtere Weg, keine Verantwortung zu übernehmen, ist somit vor allem der Weg der Unfreiheit und Abhängigkeiten. Demzufolge ist es unvermeidlich, hinsichtlich unserer Selbst-Verwirklichung, daß wir unserem wahren Wollen absolut treu bleiben und konsequent Verantwortung für unser Leben übernehmen.