gestrandete Wale
Der Zusammenhang zwischen Unterwasserlärm und Schäden bei den sich akustisch orientierenden Meeressäugern sowie damit verbundene Strandungsereignisse ist mittlerweile unstrittig. Meeresschützer sehen in anthropogen erzeugtem Lärm heutzutage einen maßgeblichen Bedrohungsfaktor für Meeressäuger.Einen der ersten Nachweise für durch Lärmbelastung ausgelöste Hörschäden bei Walen erbrachte der Biologe Dr. Michel André (Universität Las Palmas de Gran Canaria) bei Beschallungsversuchen von Pottwalen: Diese Tiere, die im Gebiet der Kanarischen Inseln leben, haben durch starken Schiffsverkehr bedingte Hörschäden und stoßen häufig mit Schiffen zusammen.
Etwa 100 Schiffe bewegen sich täglich zwischen den Häfen Santa Cruz und Las Palmas. Diese Gewässer sind aber auch der
Lebensraum vieler Wal- und Delfinarten, insbesondere von Pottwalen. Aufgrund ihrer Größe und ihres ungewöhnlichen Tauchverhaltens sind sie eine Bedrohung für die Schifffahrt. Diese größte Zahnwalart taucht nach Ausflügen in über 3000 Meter Tiefe und bis zu 90 Minuten Dauer unvermittelt auf, um dann fast regungslos für 5 bis 15 Minuten an der Oberfläche zu verharren - ein für Schiffsbesatzungen kaum sichtbares, bis über 50 Tonnen schweres und 20 Meter langes Hindernis.
Um die Wale vor Zusammenstößen zu warnen, suchten Forscher nach einem fest an den Fähren installierten Signalsystem. So beschallte ein Team um Michel André über Unterwasserlautsprecher Pottwale mit sechs Geräuschen und registrierte die Reaktionen. Es wurden natürliche Laute und Geräusche wie die Stimmen von Schwertwalen - neben Riesenkalmaren und Piratenwalfängern die einzigen natürlichen Feinde von «Moby Dick» - oder Schiffsmotorengeräusche sowie künstliche Töne wie ein 10kHz-Impuls eingesetzt. Alle Signale lagen im Frequenzbereich des Hörvermögens von Pottwalen (0,2 bis 32 kHz). Insgesamt 57 Tiere wurden aus einem Abstand von etwa 100 Metern zehn Sekunden lang mit etwa 180 Dezibel (dB) Lautstärke beschallt. Zum Vergleich: Ein Presslufthammer nervt mit etwa 100, ein Düsenjet mit 140 dB. Allerdings breiten sich Schallwellen unter Wasser ganz anders aus als in der Luft, was Vergleiche erschwert, insbesondere, weil Wale und Delfine sich im Gegensatz zum Menschen maßgeblich akustisch und sehr viel weniger optisch in ihrer Umwelt orientieren.
Bei den Versuchen von Michel André wurde der Pottwal-Lebensrhythmus berücksichtigt. In jedem dieser drei Zyklen spielte man die Signale nacheinander ab. Obwohl die akustischen Überfälle für die Tiere sehr laut gewesen sein müssen, löste lediglich der 10kHz-Impuls bei rastenden Walen eine Fluchtreaktion aus. «Von den anderen Signalen ließen sie sich nicht stören, und während der Schwimmphasen zeigten sie auch auf den 10kHz-Impuls keine Reaktion», stellte Michel André verblüfft fest. Aber die Hoffnung auf das wenigstens teilweise wirksame Signal zerschlug sich nach weiteren Versuchen. Spielte man den 10kHz-Impuls den gleichen Tieren ein zweites Mal vor, ignorierten sie es.
Diese Ergebnisse machen nach Meinung von Michel André deutlich, welche Toleranz die bei den Kanarischen Inseln heimischen Pottwale gegenüber Störgeräuschen entwickelt haben. Der durch Schiffsmotoren und -propeller erzeugte ständige Lärmpegel könnte dazu geführt haben, dass ihr Hörvermögen besonders im Niederfrequenzbereich an Sensibilität eingebüßt hat. Hochgeschwindigkeitsfähren würden demnach zu spät von ihnen wahrgenommen. Gestützt wird seine These durch die medizinische Untersuchung von zwei tödlich überfahrenen Pottwalen, die ergab, dass die beiden Tiere taub waren und sie deshalb die tödliche Gefahr gar nicht hören konnten.
Ulrich Karlowski