Schwarmintelligenz prognostiziert Wahlausgang
Schon 1906 verblüffte Francis Galton als er auf einem Viehmarkt die Tipps von 800 Besuchern zum Gewicht eines Ochsen addierte, und nach Teilung der Summe durch die Zahl der Besucher auf das exakte Gewicht kam. Kann die Masse also klüger sein als der Einzelne? Der Theorie zufolge kann eine große Anzahl von Personen eine zuverlässige Prognose abgeben. Wäre es also auch denkbar, dass eine im Vorfeld nicht weiter definierte Gruppe einen Wahlausgang recht genau prognostiziert? Der These folgend würden die einzelnen Tipps so streuen, dass der Mittelwert aller Schätzungen dem tatsächlichen Wahlergebnis sehr nah kommt.
Die klassische WahlbefragungKlassische Wahlbefragungen stehen vor dem Problem des gesellschaftlichen Wandels. Klassenidentitäten schwinden, Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse setzen sich immer weiter fort, wodurch althergebrachte Parteiidentifikationen bestimmter Gesellschaftsgruppen auseinanderbrechen. Zusätzlich erschwert eine zunehmende und nur ungenau zu bestimmende Zahl von unentschlossenen Wählern die Arbeit der Meinungsforscher. Selbst für renommierte Institute erweist es sich als Herausforderung, eine annähernd repräsentative Stichprobe zu erstellen.
Oftmals stehen der Aufwand einer aufwändigen Befragung und die daraus resultierenden Ergebnisse in keinem wirtschaftlichen Verhältnis.
Das ExperimentVor diesem Hintergrund fand in Deutschland erstmals eine Wahlwette gemäß der Theorie zur „Weisheit der Vielen" auf kommunaler Ebene statt: Kann die Masse ein Kommunalwahlergebnis treffend vorhersagen? Dieser Frage ging die Agentur bronz[soft} media architects und die Spezialisten für Datenanalyse von der Unternehmensberatung eoda nach.
Über eine Internetanwendung konnte jeder Interessierte einen Tipp für den Ausgang der Direktwahl zum Oberbürgermeister von Kassel am 27. März 2011 abgeben. Die Teilnehmer stellten auf einem intuitiv bedienbaren „Barometer" ihren erwarteten Wahlausgang als Prozentwerte ein, dabei erfolgte eine Verteilung von 100 Prozent auf die zur Wahl stehenden Kandidaten.
In Abgrenzung zu der klassischen Wahlbefragung wird bei der Wahlwette nicht danach gefragt, was der Einzelne wählt, sondern was dieser über das Wahlverhalten seiner Mitmenschen denkt: Was denken Sie, wie geht die Wahl aus?
ErgebnisseInsgesamt 1.889 Teilnehmer haben sich an der Wahlwette beteiligt. Das vorhergesagte Ergebnis liegt sehr nahe an der Realität. Die durchschnittliche absolute Abweichung beträgt lediglich 1,4 Prozentpunkte. „Schwarmintelligenz ist offensichtlich ein probates Mittel zur Vorhersage von Wahlausgängen auf kommunaler Ebene", so Oliver Bracht, Statistikexperte und Geschäftsführer von eoda. „Der Großteil der Einzelnennungen hat schlechter abgeschnitten, lediglich 5% der Einzeltipps lagen näher am tatsächlichen Ergebnis als der Tipp der Masse."
ErklärungsansatzBei der Wahlwette sind die Hürden für eine gute Schätzung scheinbar gering, da die Repräsentativität nicht vorausgesetzt wird. Gerade hier liegen Besonderheit und Vorteil einer Wahlwette. Obwohl auch Wahlwetten von der Diversität der Mitspieler profitieren, müssen die Teilnehmer kein Abbild der Wahlberechtigten sein. Ein paar Bedingungen für ein Funktionieren sind allerdings doch zu berücksichtigen. Dazu zählen beispielsweise Meinungsvielfalt und Unabhängigkeit der Teilnehmer.
„Nach diesen beindruckenden Ergebnissen werden wir die Erfolgsfaktoren herausarbeiten und den methodischen Ansatz der Schwarmintelligenz auch für andere Prognoseaufgaben prüfen", resümiert Bracht das Ergebnis.
Die Unternehmen
Die statistische Aufbereitung inkl. Analyse und Qualitätssicherung der Ergebnisse übernahm eoda, eine Unternehmensberatung, die auf anspruchsvolle Analyse und Visualisierung von Daten spezialisiert ist. Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts übernimmt die Universität Kassel als Kooperationspartner von eoda. Im Rahmen des Projektes wird eine Magisterarbeit entstehen, die die Erfolgsfaktoren für die Anwendung der Methode für Kommunalwahlen wissenschaftlich untersucht.
Die mediale Umsetzung der interaktiven Wahlwette erfolgte hinsichtlich Design und Technik durch bronz[soft} media architects, einem Multimedia-Systemhaus mit Ausrichtung des Portfolios auf die Bereiche Medien, Design und Informationstechnologie (IT).
Pressekontakt
eoda
Heiko Miertzsch
Ludwig-Erhard-Str. 10
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