Der Sohn von Oppositionführer Karroubi nach einer \"Sonderbehandlung\" der Bassidschi am 11. Februar
Die sogenannte grüne Bewegung hatte nach menschlichem Ermessen wenig Chancen an diesem Tag massiv in Erscheinung zu treten. Die Regierung hatte den 11. Februar gründlich und sehr sorgfältig geplant. Zehntausende von Anhängern, vielleicht auch vom Regime finanziell Abhängige, hatten sich in Bussen aus den Provinzen nach Teheran fahren lassen, um von Präsident Ahmadinedschad zu erfahren, dass Iran eine Atommacht geworden sei. Sie waren Teil eines großen Schachspiels, einer Inszenierung für die Welt und für die staatlichen Medien im Iran. Zwar waren ausländische Journalisten zu den Feierlichkeiten eingeladen, aber sie waren nur zur "Show" eingeladen und durften den Rest nicht sehen. Massive Präsenz von Sicherheitskräften um die offiziellen Feierlichkeiten herum und in der ganzen Stadt brachten die versprengten Demonstrationen gewaltsam zum Schweigen, bevor sie zum Schauplatz der Regierungsveranstaltung dringen konnten. Im Westen müsste man Freibier ausschenken, um die Massen anzulocken, in Teheran war es freies Essen, Süßigkeiten und Tee in endlosen Stationen, die den Anhängern des Regimes ihre Anwesenheit versüßen sollten. Lautsprecher in Reih und Glied übertrugen die Reden, dass ja kein skandiertes Protestwort hörbar werde.
Der Zeilenschläger
Präsident Ahmadinedschad versteht es gut, durch seine Provokationen und Übertreibungen die Schlagzeilen zu dominieren und jegliche Aufmerksamkeit von den Protesten abzuziehen. In diesem Fall berichtete er voller Stolz über die erste Anreicherung von 20%igem Uran im Iran und rief sein Land zur Atommacht aus. Sein Kalkül geht auf, wenn im Westen die Meinung herrscht: „Was zählen die Menschen im Iran, wenn nur nicht der Verrückte eine Atombombe in den Händen hat, um uns zu erpressen oder uns sonstigen Schaden zuzufügen", wie mir neulich ein deutscher Geschäftsmann versicherte. Die Schlagzeilen in Europa konzentrieren sich noch zu stark auf die Provokationen und bringen trotz vielfältiger Berichte noch zu wenig von der Opposition.
Wirkungsvolle Massnahmen
Nach den blutigen Protesten an Aschura, Ende Dezember, hat das Regime seine Hausaufgaben gründlich gemacht. Ideologisch hat es in der Bevölkerung Angst geschürt durch Hinrichtungen, die geschickt mit den Protesten verknüpft wurden, durch diverse Warnungen von Kommandeuren der Pasdaran und der Polizei und Forderungen radikaler Kleriker nach Hinrichtungen aller Protestierenden. Jeder Protestierende wurde als potentieller Mohareb bezeichnet, Feind Gottes, den die Todesstrafe zu erwarten habe.
Technisch sind sowohl das Internet stark verlangsamt, zum Teil abgeschaltet, auf jeden Fall gefiltert worden, als auch der Mobilfunk dazu genutzt worden, den Protestierenden nachzuspionieren und Drohbotschaften per SMS zu senden. Die neu geschaffene Cyber Army arbeitet wie geschmiert. Nokia-Siemens und andere Firmen haben der Zivilgesellschaft Irans mit der Lieferung und Unterhaltung eines Monitoring Systems für den Funkverkehr einen Bärendienst erwiesen. Monitoring Systeme werden angeblich auch im Westen von Geheimdienst eingesetzt, um Freiheit zu verteidigen, im Iran, um Freiheit zu verhindern.
Schließlich sind die Straßen von massiven Polizei und Bassidschi Einheiten besetzt worden, so dass sich keine größeren Menschenmengen zu Protesten vereinigen konnten. Zentrale Figuren der Opposition wie Mirhossein Moussavi und Mehdi Karroubi wurden mit Gewalt daran gehindert an den Protesten teilzunehmen. Ein Sohn Karroubis wurde kurzzeitig verhaftet, in eine Moschee verschleppt, beschimpft, geschlagen und ihm wurde mit Vergewaltigung gedroht. Fromme Iraner sind entsetzt, ob der gänzlich unislamischen Praktiken, Moscheen für solche Szenen im Namen eines Gottesstaates zu missbrauchen. Aber genau solche Szenen sollten uns im Westen stutzig machen. Im Iran herrscht ein gefährlicher Wolf, der die Welt glauben lassen will, er sei ein friedliches Lamm, das nur seine Zähne fletscht, um sich zu verteidigen.
Schauplatz Nebenstrassen
In den Nebenstraßen Teherans kam es wieder zu Scharmützeln mit der Polizei und wieder gab es Tote zu beklagen, wie Webseiten der Opposition berichten. Eine junge Frau namens Leila Zareii soll getötet, viele andere verletzt und verhaftet worden sein. Selbst vor der Enkelin des Gründers des Islamischen Systems im Iran, Ayatollah Khomeini, machten die Schergen des Regimes nicht Halt. Sie wurde kurzzeitig festgehalten, als sie sich den Protesten anschließen wollte. Kommentatoren aus Teheran sprechen von falschen Hoffnungen der Opposition, die jetzt enttäuscht und demoralisiert seien.
Die gut trainierten und schnell agierenden Sicherheitskräfte konnten schnell aufflackernde Proteste im Keim ersticken. Oppositionelle Webseiten berichten, dass die Sicherheitskräfte mit echter Munition, mit Messern, Tränengas und Farbpatronen operierten. So konnten sie schnell die mit Farbe bespritzten Demonstranten identifizieren und sowohl Männer als auch Frauen prügeln. Die neuen Lieferungen chinesischer Panzerwagen kamen zum Einsatz, wie auch Hubschrauber und Wasserwerfer. Zivil gekleidete Männer mischten sich unter die Protestierenden, um sie besser greifen zu können.
Auch aus anderen Städten wie Schiraz, Isfahan und Maschad wurden Proteste gemeldet, die von keinem Reporter nachgeprüft werden konnten, da ja alle brav die „Show" absitzen mussten und bewundern durften, wie Gleitschirmspringer mit bunten Schirmen vom Himmel regneten und adrett gekleidete Armeeangehörige in Reih und Glied samt imposanter Trägerrakete ein martialisches Motiv abgaben. So kennt man das aus der Zeit des Eisernen Vorhangs aus sagen wir mal Rumänien. Mehr gab es im Westen nicht zu sehen und zu erfahren wenig. Mittlerweile gibt es zumindest unter großer Gefahr aufgenommene verwackelte und schiefe Bilder von Handykameras, die nicht immer einfach einzuordnen sind.
Ein Protestierender bestand darauf, dass viele Demonstranten auf den Straßen waren, sich aber nicht an einem Platz versammeln konnten, so dass ihre wahre Anzahl unsichtbar blieb. Ein anderer wird zitiert: „Was heute geschehen ist, ist dass sie diese Runde für sich verbuchen konnten. Sie haben es geschafft sehr viele Leute zusammen zu bringen. Das heißt aber nicht, dass sie uns für immer besiegt haben. Wir werden Zeit brauchen, um uns neu zu finden."
Sofort wird dieser Etappensieg von den Verantwortlichen vergoldet. Generalmajor Gholam-Ali Rashid, zweiter Mann der Armee, soll gesagt haben: „Die große Zahl der Freunde der Nation, die heute für ihr Land auf die Straßen gekommen sind, hat die zentrale Führung der arroganten Front von den USA über England und das Zionistische Regime schockiert."
Warum braucht die Zivilgesellschaft Irans die Unterstützung des Westens?
Sicherlich werden die Hoffnungen, die an diesen Tag geknüpft waren, auch im Westen groß gewesen sein. Gewiss aus unterschiedlichen Motiven. Diejenigen, die an den Wert der Freiheit glauben, werden den Menschen, die im Iran um Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen, aus dem Grund die Daumen gedrückt haben, weil es wichtig ist, nicht nur die eigenen Gestaltungspielräume zu genießen, sondern anderen dabei zu helfen, ihre eigenen zu erringen. Unterstützung für die Zivilgesellschaft ja. Einmischung nein. Ganz im Sinne von Sa'adi, einem persischen Dichter, dessen Zeilen auf dem UN Gebäude in New York geschrieben stehen:
„O ihr Gebornen eines Weibes - Seid ihr nicht Glieder eines Leibes?
Kann auch ein Glied dem Weh verfallen, Dass es nicht wird gefühlt von allen?
Du, den nicht Menschenleiden rühren, Kannst auch den Namen Mensch nicht führen."(Übersetzung Friedrich Rückert)
Die Partie geht weiter
Das Regime hat der Oppositionsbewegung im Iran Schach geboten, das muss aber nicht das Ende der Partie bedeuten. Freiheit zu erringen braucht einen langen Atem. Dieses Streben nach Freiheit fand auch bei einem eigenwilligen Völkchen aus der deutschen Geschichte statt. Die Siebenbürger Sachsen sangen über Jahrhunderte ein Lied, das eine wunderschöne Metapher enthält. Zuletzt sangen sie es in der Zeit der Ceausescu Diktatur in Rumänien. Helga Müller, die Preisträgerin, erzählt auf ihre Weise davon.
„Es saß ein klein wild Vögelein auf einem grünen Ästchen.
Es sang die ganze Winternacht, sein Stimm' tät laut erklingen.
Sing du mir mehr, sing du mir mehr, du kleines, wildes Vöglein!
Ich will um deine Federlein dir Gold und Seide winden.
Behalt dein Gold, behalt dein Seid', ich will dir nimmer singen.
Ich bin ein klein wild Vögelein, und niemand kann mich zwingen.
Komm du herauf aus tiefem Tal, der Reif wird dich auch drücken!
Drückt mich der Reif, der Reif so kalt, Frau Sonn wird mich erquicken."
Wenn doch nur die jungen Iraner alle Deutsch sprächen, sie würden genau dieses Lied singen. Wir können ja dieses Lied für die Menschen im Iran singen, um ihnen wieder Mut zu machen. Zum Beispiel am Montag, 22. Februar um 10:30 MEZ. Oder, wenn wir das Singen verlernt haben, können wir am selben Tag um die selbe Uhrzeit überall auf der Welt 121 Sekunden lang still sein und unsere besten Wünsche für die Iraner und für alle Menschen auf der Welt hegen.
Die junge Generation im Iran wird bald wieder ihre eigenen Freiheitslieder singen. Weitere Ideen mit realistischer Perspektive können am 19.02. auf der Konferenz „Die Menschenrechte im Iran – Unterstützung der Zivilgesellschaft aus Europa" in Berlin ausgetauscht werden. Eine gute Gelegenheit für Pressevertreter Schlagzeilen anderer Natur sprechen zu lassen.
Helmut N. Gabel
www.mehriran.de