Eine Frau sitzt vor dem Fernseher. Oder noch besser: Sie ist gerade dabei, sich vor den Fernseher zu setzen. Heute kommt ihre Schwägerin für ein paar Tage zu Besuch, ihr Mann holt sie nach der Arbeit vom Flughafen ab. Der Flughafen ist recht weit entfernt, das heißt, die Frau wird die nächsten drei Stunden ihre Ruhe haben. Ihr Plan ist, sich einen schönen Abend zu machen. Während sie ihren Körper aufs Sofa senkt und in derselben Bewegung mit der Fernbedienung den Fernseher anschaltet und ein gut gekühltes Glas Weißwein auf den Couchtisch vor sich stellt, wird ihr klar, dass sie eigentlich gar keine Lust auf Fernsehen hat. Ihr wäre jetzt mehr danach, was zu unternehmen oder was halbwegs Sinnvolles zu tun. In diesem Augenblick klingelt das Telefon. Seufzend steht sie wieder auf und geht ran. Es ist ihr Mann. Er ist zerknirscht. Er muss viel länger arbeiten als gedacht. Bis eben hat er gehofft, er schaffe es noch, seine Schwester abzuholen, aber jetzt ist klar: Er kommt unter keinen Umständen mehr rechtzeitig zum Flughafen. Er weiß, sie hat sich drauf gefreut, heute Abend einfach mal in Ruhe abzuhängen, nichts zu tun, aber es geht nicht anders, ob sie bitte, bitte zum Flughafen fahren und die Schwester abholen könne?
Die Frau in dieser kleinen Szene steht in diesem Moment vor einer der zahlreichen folgenschweren Entscheidungen, die eine Beziehung jeden Tag aufs Neue von denen verlangt, die sie führen. Es ist nicht die Entscheidung zwischen Ja oder Nein – Nein scheidet komplett aus, Nein wäre zu kindisch. Die Frage ist: Auf welche Art und Weise sagt sie Ja? Ihr Ziel kann nur sein, durch ihr Ja in diesem Moment so viele Bonuspunkte wie möglich zu sammeln. „Du, kein Problem, ich hab sowieso keine Lust auf Fernsehen, der Abend drohte gerade, richtig öde zu werden" – diese Antwort wäre nett, aber schön blöd, sie würde nicht allzu viele Bonuspunkte bringen. Denn die Höhe der in der Partnerschaft angerechneten Bonuspunkte steigt, wenn die erbrachte Leistung ein gewisses Opfer erfordert. Das andere Extrem wäre: „O nein, das kann nicht dein Ernst sein, sag mir, dass das nicht wahr ist, ich habe gerade den Pizzamann bezahlt, die DVD eingelegt und angefangen, mir die Zehennägel zu lackieren, und jetzt soll ich bitte was machen? Deine Schwester abholen? Vom Flughafen? Na ja, was bleibt mir übrig. Mist."
Auch diese Reaktion wird nicht zur Anrechnung der höchstmöglichen Zahl von Bonuspunkten führen, denn wichtig ist, dass das Gegenüber ein zwar leicht schuldbewusstes, aber nicht eindeutig schlechtes Gefühl bekommt. Wer bei einer bonuspunktfähigen Transaktion innerhalb der Partnerschaft ein schlechtes Gefühl hat, wird weniger anrechnen als jemand, bei dem das Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit überwiegt. Also sagt die Frau, nach einer angemessen langen Pause: „Okay." Im Ton neutral, aber leicht erschöpft, dabei nicht unwillig. Dann, hörbar um die richtige Einstellung bemüht, mit stark konstruktivem Oberton: „Ist ja kein Thema. Ich fahr gleich los."
Jetzt ließe sich noch etwas wie „Schade um die Pizza" einflechten, egal, ob tatsächlich eine Pizza vorliegt oder nicht; die Frau verzichtet darauf, denn sie hat was Besseres in petto, sie sagt, schon leicht geistesabwesend, im Aufbruch: „Ich muss mich nur schnell anziehen, ich bin schon im Schlafanzug." In dieser Reaktion ist die perfekte Mischung aus Opfer und gutem Willen erreicht: Höchstpunktzahl.
Seit einigen Jahren haben Tankstellen, Fluggesellschaften, die Bahn, Drogeriemärkte und viele andere Unternehmen das Prinzip der Bonuspunkte aus der Partnerschaft übernommen. Es gibt kaum eine Kasse, an der man nicht gefragt wird: „Sammeln Sie Punkte?" Das Bemerkenswerte daran ist, dass sich dieses Prinzip so offensiv in den Bereich der Kundenbindung übertragen ließ, obwohl es in der Partnerschaft nie offen besprochen, fast tabuisiert wird. Die Herausforderung in der Partnerschaft ist, Bonuspunkte zu sammeln, ohne dass der andere es merkt, das heißt, der andere rechnet einem die Bonuspunkte sozusagen auf der unbewussten Ebene an. Trotzdem muss er im entscheidenden Augenblick bereit sein, die volle Vergütung der gesammelten Bonuspunkte zu gewährleisten.
In einer Episode der in Beziehungsfragen immer aufschlussreichen Fernsehserie „The King of Queens" ist dieses Prinzip auf folgende Art anschaulich gemacht worden: Doug, die männliche Hauptfigur, plant einen Poker-Trip nach Las Vegas, den seine Frau Carrie ihm niemals erlauben würde. Bevor er ihr von seinen Vegas-Plänen erzählt, geht er mit ihr ein Wochenende in eine Art Yoga-Wellness-Farm, um auf diese Weise die nötigen Bonuspunkte für den Vegas-Trip zu sammeln. Carrie ist schwer begeistert, dass der Yoga-und-Wellness-Hasser Doug ihr zuliebe über seinen Schatten gesprungen ist, und in ihrer Begeisterung möchte sie wilden Sex mit ihm haben. Doug entzieht sich ihren Verführungsversuchen, sie versteht nicht, warum, bis es irgendwann aus ihm herausbrecht: „Ich will meine Bonuspunkte nicht für Sex verschwenden!"
Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Bonuspunkte anders funktionieren als das von Psychologen und Paartherapeuten immer wieder beschworene „Verhandeln".