
Der norwegische Künstler trägt Leser und Betrachter seines neuen Buches „Russian Lolita" in einen Wirbel der Sinnlichkeit. Die internationale Presse überschlägt sich vor Lob über das faszinierende Werk. Er verewige die jugendlichen Kurven seines Models Katya aus dem Osten Europas.
Tatsächlich zeigt sich die natürlich schöne Frau mal melancholisch, mal lächelnd. Dann wieder aufreizend verführerisch bis hin zu völliger Unbefangenheit. Sie laviert auf eine bisweilen irritierende und verwirrende Art zwischen unterkühlter Reserviertheit und offensiver Provokation. Und das stets auf einem sehr hohen erotischen Niveau. Beinahe launisch spielt sie ihre faszinieren- de erotische Bandbreite aus.
Die Palette ihrer Verwandlungskunst ist enorm. Man möchte sich dennoch fragen: Spielt sie nach der Geige des norwegischen Künstlers Petter Hegre, beherrscht sie diese Klaviatur einnehmender Individualität oder ist es am Ende das blinde, nonverbale Verständnis zwischen der Frau vor dem Objektiv und dem Mann dahinter? Letzteres ist sicher treffend. Ein Glücksfall - wie auch immer - für den Betrachter, die Betrachterin. Diese werden, ohne es möglicherweise zu realisieren, zum Voyeur. Je nach Laune scheint Katya die unterschiedlichsten Rollen einzunehmen. Von der Jungfrau über das Starlett bis hin zur schamhaften Reisenden oder der naiven Exhibitionistin. Man hat den Eindruck, dass es die Kamera für sie mitunter nicht gibt.

Die Aufnahmen wirken dem realen Leben entnommen. Besonders dann, wenn die Fotos ihre intimen Lustspiele, denen sie sich mit Leidenschaft und Wonne hingibt, widerspiegeln. Dann wieder spielt sie provokant mit der Linse und mit ihrem Betrachter. Ist es gar eine Art Komplizenschaft zwischen Fotograf und Model, die den Betrachter als einen Voyeuristen enttarnen möchte, seine geheimen Wünsche offen legt? Überlegungen. De facto besticht das Buch durch seine einzigartige Authentizität.
Es ist beinahe unmöglich, sich der Atmosphäre dieses Meisterwerkes zu entziehen. Plötzlich ist alles dreidimensional. Man hat das Buch nicht vor sich, man ist mittendrin. Ist ein stiller Beobachter vor Ort. Man hört die Dusche. Fühlt das warme Wasser der wegspritzenden Tropfen auf der eigenen Haut. Wischt sich den Schweiß von der Stirn, weil die Temperatur des Badezimmers einen erfasst. Man möchte sich ausziehen und in die Kabine steigen. Fühlt sich erwischt, wenn Katya in den kleinen Spiegel schaut.
Verdammt, sie muss mich doch sehen? Ich stehe doch hinter ihr? Sie geht weiter.
Autorin:
Silvia Julkin