Das aktuelle Städteranking
Gestern der aufmunternde und hoffnungsvolle Bericht über die Bilanz zum Kulturhauptstadtjahr. Heute wieder ein Städte-Ranking mit vernichtenden Ergebnissen für die Städte der Metropole Ruhr. Schadenfreude, Resignation oder gar Depression sprechen aus vielen Berichten: „Gelsenkirchen liegt an letzter Stelle, noch hinter Chemnitz." oder „ Wenn ostdeutsche Industriestädte wie Chemnitz zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung Gelsenkirchen und Duisburg beim verfügbaren Einkommen überholen, können wir nicht mehr von einem gelungenen Strukturwandel reden." oder „Kann das Ruhrgebiet die Situation noch einmal drehen? Ich glaube in weiten Teilen nicht mehr."
Leider wird bei diesen Diskussionsbeiträgen sehr viel unterschlagen, oder es werden Äpfel mit Birnen verglichen. Zum Beispiel der Soli – Fond für die ostdeutschen Städte. Er hatte von Anfang an zwei Webfehler. Die Ärmsten der Armen in Westdeutschland mussten in den Fond zahlen, Kredite dafür aufnehmen und sich dafür bis über beide Ohren verschulden.Davon waren die Städte an der Ruhr am stärksten betroffen. Und: gefördert wurde nicht nach gesamtdeutscher Bedürftigkeit, sondern nach der politischen Geografie. Also: Ostdeutschland.
Wie dem auch sei, die Wirkung solcher Rankings ist fatal. Gerade erst durch die gelungene Gemeinschaftsleistung ermutigt, schlägt die Schlagzeile über die „abgehängte Metropole Ruhr" voll ins Kontor. Das demotiviert und demoliert das Selbstbewusstsein. Gerade mit dem neuen Image „Wir können mehr als Kohle und Stahl. Wir können Kultur…." auf dem Weg, wirft uns das Ranking in der Auswirkung wieder auf die Lasten von Kohle und Stahl zurück. Fatal sind aber auch die jammernden Diskussionen einzelner Berichterstatter und Kommentatoren. Genau diese Larmoyanz der vergangenen Jahre hat mit zu diesem publizierten Stellenwert beigetragen.
Und es bleibt richtig: Auch nach diesem 99. negativen Ranking gilt es, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sich nicht als Opfer zu fühlen, gar so zu handeln und nur andere verantwortlich zu machen. Wenn es bislang noch nicht zu mehr gereicht hat, dann müssen wir nach den Ursachen suchen, neue Wege gehen und vor allem, immer wieder aufstehen.
Geklappt hat die identitätsstiftende Wirkung der Kulturhauptstadt. Hier wurde gemeinsam gearbeitet, gemeinsam gefeiert, gemeinsam gelitten, gemeinsam bezahlt. Fritz Pleitgen hat Sorge, dass die „Restauration der Kirchtürme" wieder Einzug hält. Das stimmt. Geklappt hat nämlich noch nicht, dass das politische und administrative System der Metropole Ruhr enger zusammen gerückt und damit schlanker und wirksamer geworden ist. Geklappt hat noch nicht, dass wir von Außen als einheitlicher Wirtschaftsraum wahrgenommen werden. Geklappt hat noch nicht, dass wir Potenziale einzelner Städte in Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Kultur und Freizeit für die gesamte Metropole nutzbar machen. Geklappt hat auch noch nicht, dass durch neue Formen der interkommunalen Zusammenarbeit Milliarden Steuergelder eingespart werden können, die für Strukturentwicklung, Bildung und Wissenschaft eingesetzt werden können. Also nicht nur nach Geld von Bund und Land rufen. Auch bei uns sind Einsparungen möglich.
So feiert im nördlichen Ruhrgebiet der Kreis Recklinghausen neuerdings ein Erfolgserlebnis. Nach langen Jahren und einer Moderation durch den Regierungspräsidenten wird nun ein 10-Punkte-Programm für eine stärkere Zusammenarbeit aller Kreisstädte beim Brandschutz, im Straßenbau, der Personalverwaltung, dem Ausländerwesen und der Vermessung durch die Gremien verabschiedet. Bei allem Respekt, das sind angesichts der Problemlage nur Krümel, die keinen in der Region satt machen. (Anm: Ich nehme mich da bezüglich der Kritik nicht aus.) Da wird man – und das nicht allein im nördlichen Ruhrgebiet – mehr Zusammenarbeit unter Überwindung vorhandener Strukturen praktizieren müssen. Ob man das unter der Fahne der Metropole Ruhr oder einer Region Ruhrstadt schafft, ist dabei völlig unwichtig. Wer als politisch verantwortlicher Akteur -angesichts der gegenwärtigen Lage- für die Zukunft nicht zu einer stärkeren Zusammenarbeit bereit ist, wer die Bedeutung des eigenen Amtssessels dabei zu alleinigen Maßstab macht, der gehört von den Bürgern aus dem Amt gejagt. Es geht nämlich um deren Zukunft.
Und noch etwas machen die verschiedensten Rankings und die positiven Erfahrung mit Ruhr2010 klar. Das kleinliche landsmannschaftliche Gegrummel – wir sind Rheinländer, wir Westfalen, wir gar Sauerländer oder Münsterländer – hilft doch gar keinem. Schafft keinen Mehrwert. Schadet nur. Wir haben als Bürger der Region Ruhr mit der Kulturhauptstadt gerade wegen unserer Gemeinschaftsarbeit Erfolg gehabt. Davon kann jeder in der Region profitieren. Das gibt Selbstbewusstsein und Vertrauen ins eigene Können, egal ob man rheinische oder westfälische Wurzeln hat.
jochen welt