Roberto Freno "Dimenticare Venezia"
Die Tür zum Balkon ist geöffnet und der Blick aus dem Atelier ist atemberaubend. Über der Blütenpracht, die sich auf und vor dem Balkon ergießt, sieht man die Altstadt von Bergamo, deren romantische Häuser und Gassen sich an die Berge und Hügel schmiegen. In der von Nebelschwaden eingehüllten Ferne des Tales kann man das facettenreiche Zentrum der pulsierenden Stadt erahnen. Man spürt den Pulsschlag der von Kunst und Kultur durchdrungenen Stadt im Herzen Italiens, die nur nur unweit der Metropole Mailand liegt.
Im Inneren des großen Raumes spürt man den Herzschlag von Kunst und schöpferischer Atmosphäre noch deutlicher. Pinsel in allen Formen und Größen füllen eine Unmenge von Gläsern. Farbverschmierte Paletten und Tische lassen die große Zahl erstellter Bilder erahnen. Ölfarben, Malmittel und Strukturpasten füllen die Regale, die die wenigen Lücken an den Wänden füllen, die zwischen fantastischen Kunstwerken und Fotos noch geblieben sind.
Dabei sind im Atelier nur die wenigen Bilder zu sehen, von denen Roberto sich nicht trennen wollte, da sie etwas Besonderes darstellen oder einfach Erinnerungen daran hängen. Ansonsten findet man seine Bilder eher in privaten und öffentlichen Sammlungen in aller Welt. Es gibt kaum ein angesehenes Restaurant in der Nähe seiner Heimatstadt, dass sich nicht mit seinen Kunstwerken schmückt.
Und man erkennt seine Bilder meist auf den ersten Blick. Auf Holz oder Leinwand
gemalte Ölbilder, die oft eine Hommage an die Schauspieler und Künstler der letzten Jahrzehnte sind.
Und genau vor so einem Bild steht er gerade, den langen Pinsel in der einen Hand, die gefüllte Palette in der anderen. Er schaut sekundenlang auf die Person auf der Leinwand, deren Umrisse er gerade begonnen hat. Er bemerkt kaum meinen Sohn, der ihm faszinert über die Schulter schaut. Wahrscheinlich sieht er gerade die letzte Filmrolle des bekannten US Schauspielers an sich vorbeiziehen und in einigen Tagen werden sich Charakter und Ausdruck einer fantastischen Filmszene in Ölfarben gebannt auf seiner Staffelei wiederfinden.
Roberto Freno, in den Fünfziger Jahren in Lodi geboren, hat in seinem Leben viele Facetten der italienischen Kunst erlebt und mitgeprägt.Während seiner Zeit als Fotograf für berühmte Zeitungen wie die Casa Vogue oder die New York Times haben seine Fotos Titelseiten geschmückt, seine Jahre als Architekt haben italienische Gebäude und Fassaden geprägt, aber seine echte Leidenschaft hat er schon immer mit Ölfarben und Rotmarderpinsel ausgedrückt.
Roberto legt den Pinsel aus der Hand. Er lässt die aktuelle Schicht der Ölfarben trocknen.
Mein Sohn und ich werden nun unseren guten Freund Roberto auf seine aktuelle Vernissage begleiten. Immerhin ist dies der Anlass unserer Wochenendreise nach Italien.