Burg Schwarzenstein
„Solchen Wein hab ich noch nie in den Mund gebracht". Wie köstlich wahr lautet das Lob des Verwalters Johann Michael Engert 1776, als er zum ersten Mal die Spätlese von Johannisberg probiert. Jahre später als Kometenwein bezeichnet nach dem großen Kometen von 1811. Gereift durch den länger als üblich hinausgeschobenen Lesetermin und die dadurch gewonnene Edelfäule.
Lob des Faul-Seins:inIch erlebe und schmecke es lustvoll 234 Jahre später nach. Im himmlisch- weinseligen Paradies, dem Rheingau. Auch ohne Wein möchte man verweilen, mild das Klima, Rosenduft, sanft die Landschaft, weich die Luft an einem Spätsommertag.
Oben auf der Burg Schwarzenstein,Geisenheim, ehemals dem Stammsitz derer von Mumm, 1872 romantisiert errichtet, lässt es sich leben. Schon das Ankommen ist ein besonderes Entzücken, wenn man nach einer anstrengenden Zugfahrt vom Shuttle abgeholt, die Straßen durch die Weinorte hoch kriecht und erwartet wird, als käme man nach Hause.
Die 39 Zimmer und Suiten, alle ob im Haupthaus, Landhaus oder Parkresidenz sind ein Wohn- und Schlaf –Traum. Mit Terrasse und einmaligem Blick im Westen über den Weinberg mit der hauseigenen Lage Schwarzenstein, über den silbernen Strom in den Rheingau, die heimeligen Ortschaften, bei klarer Sicht bis zum Donnersberg ausgedehnt.
Ausgewähltes Interieur, schöne Stoffe, edle Lampen, deren technische Handhabung auch der ungeschicktere Gast beherrscht, alles ist großzügig. Die Minibar umsonst, die Kosmetikprodukte generös als Geschenk des Hauses. Im Gegensatz zu vielen Hotels dürfen die Kleiderbügel auf Freigang, nicht ängstlich an ihre Zelle geklammert; ein geräumiges Badezimmer, dessen Buddhafigur Gelassenheit und Ruhe zitiert, unbelastet der religiösen Einstellung.
Ein Kompliment an die charmante Gastgeberin. Ganz im Stil der Relais& Chateaux. Philosophie bestellen Stephanie und Michael Teigelkamp das Hotel. Ihr Refugium hoch gelegen, noch höher der erfüllte Anspruch.
2004 kauft das Mainzer Unternehmerpaar Ursula und Ernst Udo Grossmann die Burg, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Die aufwändigen Umbau- und Sanierungsarbeiten erwecken die Burg aus ihrem Dornröschenschlaf, rühmt das Hotelarchiv. Tatsächlich geht es sehr lebendig in den gut genutzten Tagungsräumen zu, die mit ihren Namen kreative Effektivität evozieren: Motivationen, Impressionen, Reflektionen. Und Märchenhochzeit halten möchte man im festlichen Saal, unter Bäumen im Park. 45 engagierte Mitarbeiter erfüllen alle Wünsche. Burgromantik ist heute.
Verwöhnt werden die Gäste zum einen im Burgrestaurant im historischen Gebäude, zum andern krönt Sven Messerschmidt mit seinem Stern das Gourmetrestaurant.
Eine spannende Vita hat er bis dahin hingelegt. 1975 in Cottbus geboren und dort in der Residenz Lausitz gelernt, zieht es ihn in den Westen, wo er unter anderem bei Hans-Stefan Steinheuer und Dieter Müller lernt und arbeitet. Weit weg ist er von der Petersiliengarnitur seiner Jugend, in seiner ersten Stelle lernt er anhand einer Küchen - Inventur die Vielfalt der Gewürze kennen.
Jetzt wird aufgekocht und serviert in einem adäquaten Rahmen, im puristisch-eleganten komplett zu öffnenden Glaspavillon, für all die Gourmets, die gern open air, aber lieber unter Dach dem Paradies nahe sind. Nach einem wunderbaren Apero in der Davidoff Lounge begrüßt mich die Küche mit einer Kartoffelmousseline in Eierschale – göttlich. Alle Reisestrapazen fallen ab, Gaumen, Nase und Sinne sind bereit für die Kaskaden des Überraschungsmenus. Michel Fouquet besticht verführerisch mit seiner Weinkenntnis. Eine Offenbarung ist der Silberlack Riesling von Schloss Johannisberg, ausgewogenes Süße-Säurespiel.
Die Küche steigert ihre Grüße im Zuckerschotensüppchen mit Wachtelei, in der knusprigen Languste, wunderbar kross. Genuss und Heiterkeit im gut gefüllten Restaurant, bedacht und versorgt von unaufgeregten Küchengeistern und Meistern, die mit ihrem sympathischen Maitre auch am aktuellen Fußballspiel nippen dürfen.Auffallend angenehm präsentieren sich die Gerichte, stilistisch klar, Ikebana in der ursprünglichen Form, filigrane Miniaturzeichnung. Das Auge zieht mit den Geschmacksnerven gleich.
Achtzig Prozent französische Wurzeln, der Rest Messerschmidt 2010, schmunzelt der Chef de cuisine. Schnörkellos und raffiniert zugleich. Saibling mit Meerrettich, lockere Calamaretti mit körnigem Couscous, Gänseleber harmoniert mit Kirschen, der Sommelier empfiehlt einen 2007 Mas Amiel Vintage, einfach perfekt. Die Weißweinliebhaberin lässt sich gerne vom Roten überzeugen, wie später auch vom 2008 Estandon. Eine kurze Verschnaufpause verhilft dem zarten Milchkalbsrücken mit Trüffel und Steinpilzen, der exklusiven Käseauswahl und Patisserie auf ihren gebührenden Platz. Der Stern des Maitre strahlt im Glanz von dreien, resümiert der Gast, und die ganze himmlische Verwandtschaft beleuchtet seinen Weg durch den nächtlichen Park.
Am nächsten Morgen sitzt sogar der Frühstücksmuffel lang im hellen Frühstücksraum. Der Weinberg unter seinen Füßen lockt zum Spaziergang. Hier darf man den Wein streicheln. Und später im Burgrestaurant Abschied nehmen bei einem letzten Tropfen Schwarzenstein Kabinett.Überaus freundlich kredenzt, konträr zu unserem Rheingauliebhaber Goethe im West-Östlichen Divan, der poltrig anmahnen muss:
„Setze mir nicht, du Grobian,
Mir den Krug so derb vor die Nase!
Wer mir Wein bringt, sehe mich freundlich an,
Sonst trübt sich der Elfer im Glase."
Margarete Buchner