Blauer Giftzwerg: Der Clio R.S. im autonet.at-Intensivtest
Renault hat ein gutes Händchen, wenn es um das sportliche Veredeln von kleinen oder kompakten Autos geht. Man erinnert sich vielleicht an den Clio Williams, der seinerzeit mit 150 PS und goldenen Felgen für viele Boys attraktiver war als eine Nacht mit Samantha Fox. Oder an den Clio V6, der statt der Rückbank einen Motor eingepackt hatte. Oder man denkt einfach an den aktuellen Mégane R.S., der mit 250 PS und einem sensationellen Fahrwerk manchen Supercars das Fürchten lehrt. Insofern steht der neue Clio Gordini R.S. mit stolzen 201 PS auf einem festen geschichtlichen Fundament – und knistert uns verheißungsvoll in der Abendsonne zu.
Der blaue Reiter
Was den normalen Clio R.S. – auf dem das neue Modell basiert – zum Gordini macht, ist rasch erklärt: Zunächst das fantastische Blau-Metallic, verbrämt mit zwei weißen Streifen. Dazu kommen mächtige 17-Zoll-Felgen, die ebenfalls den blauen Grundton zitieren. Weiße Außenspiegel und eine weiße Strebe in der Frontschürze ergänzen das stimmige Bild. Die Doppelrohr-Auspuffanlage im angedeuteten Heckdiffusor und das neckische Gitterfenster an den vorderen Kotflügel gab's bislang schon – aber sie verfehlen ihre Wirkung auch am Gordini keineswegs.
Damit hätte Signore Gordini seine rechte Freud’ gehabt: grimmige
Scheinwerfer, weiße Doppelstreifen,
weiße Außenspiegel und eine farblich
dazupassende Strebe in der Frontschürze
Auch von hinten zieht der kleine Franzose alle sportlichen Register:
verchromte Schalldämpfer links und rechts, eine bullige Schürze und
einen kleinen Dachkantenspoiler.
Hinter der Heckklappe verbirgt sich ein
sehr brauchbarer, 288 Liter großer Kofferraum.
Solche Details machen den Clio in seiner Klasse einmalig: Die riesigen
17-Zoll-Felgen zitieren das farbliche Hauptmotiv,
mächtige
Verbreiterungen sorgen dafür, dass die Räder von der Karosserie
überwölbt werden. Das kleine Gitter dient der guten Show.Praller Inhalt
Wichtigster Unterschied zwischen den Brüdern: Im Gordini ist fast alles, was bislang als Extra zu haben war, schon serienmäßig verbaut. Angesichts dieser Fülle ist der Aufpreis auf den Gordini – 2360 Euro – ein gut investierter Betrag. Damit bekommt man neben den Behübschungen außen bereits eine Lederpolsterung (mit blauen Zierstreifen), die Klimaautomatik, den Tempopiloten, Regen- und Lichtsensor, das schlüssellose Sperr- und Startsystem sowie das CD-Radio mit Bluetooth-Freisprech und Audiostreaming, mit der die Musik vom Handy drahtlos zum Soundsystem geschickt wird. Als einziges Extra verbleibt der „R.S. Monitor", mit dem man unter anderem eigene Beschleunigungsmessungen durchführen kann.
Auch der Innenraum macht blau – etwa bei den serienmäßigen Ledersitzen
oder am Lenkrad, das zwei weiße Racing-Streifen trägt.
Beim Platzangebot
ist der Gordini ganz Clio, sprich: Es herrscht zeitgemäße Üppigkeit.
Um 26.250 Euro packt Renault nicht nur viel Sport, sondern auch viel
Luxus ins Paket.
Die Klimaautomatik ist genauso serienmäßig wie das
CD-MP3-Radio mit Fernbedienung,
Bluetooth-Freisprech und Audio-Streaming
vom Handy. Licht- und Regensensor, Lederpolsterung,
Sitzheizung,
schlüsselloses Sperr&Start sowie Parkpilot gehen sich auch noch aus.Punch und Power
Technisch entspricht der Gordini dem schon bisher bekannten Clio Renault Sport (der in Kürze aus dem Programm verschwinden soll). Von ihm übernimmt er daher auch den Zweiliter-Vierzylinder mit 201 PS und 215 Nm Drehmoment. Damit ist Renault der letzte Hersteller, der in dieser Klasse an dem traditionellen motorischen Kochrezept festhält. Alle anderen schnellen Kleinen (Polo GTI, Abarth Punto Evo, Seat Ibiza Cupra, Mini Cooper S) haben schon auf kleinvolumige Motoren mit Aufladung umgestellt. Der Vorteil des Neuen: geringerer Verbrauch, weniger Emissionen und ein unterhaltsamer Turbo-Kick. Dagegen wirkt der Renault im ersten Moment ein wenig saurierhaft. Um an die Futtertröge der Kraft zu gelangen, muss man ihn ordentlich hochdrehen, dann belohnt er den Fahrer allerdings mit viel Druck; eine Beschleunigung von 6,9 s auf 100 km/h ist alleweil herzeigbar. Die gleichmäßige Kraftentfaltung unterstützt auch die Traktion, der Antrieb macht sich in der Lenkung viel weniger stark bemerkbar als bei den Turbo-Toys. CO2-Emissionen von 190 g/km und Praxis-Verbrauchswerte zwischen 9,5 und 11 l/100 km lassen aber vermuten, dass wir mit dem Zweiliter-Sauger wohl einer aussterbenden Art begegnen.
Sport = Spaß
Umso mehr sollte man dieses Auto genießen, und das fällt wirklich nicht schwer. Als absolutes Highlight muss, neben der Optik, das Fahrwerk gelten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Heizgeräten dieser Klasse bleibt hier noch ein Rest an Komfort erhalten – und trotzdem gelingt es dem Clio Gordini R.S., die Konkurrenz auf Distanz zu halten. Mit der straffen, aber doch sensiblen Lenkung lässt sich der Kleine fein steuern, lenkt neutral ein und liegt ganz stabil in der Kurve. Dank des klaren Feedbacks wächst das Vertrauen, und falls man sich doch einmal überhoben hat, dienen die superben, innenbelüfteten Brembos als Rettungsanker. Das serienmäßige ESP ist hier übrigens toleranter abgestimmt als in den zivilen Clios und lässt sich für noch mehr Thrill deaktivieren. Gute Schaltarbeit ist in einem Hochdrehzahlauto naturgemäß überlebenswichtig, aber auch da wird man von der Sechsgangbox prächtig unterstützt. Dass es bei solcher Fahrweise recht laut werden kann, darf nicht weiter verwundern; die akustische Untermalung passt gut zum kleinen, wunderbaren Wahnsinn, der hier fahrdynamisch stattfindet.
Straff ist auch das Fahrwerk abgestimmt, bleibt allerdings auch im
Alltag gut erträglich.
Als Bonus gibt’s viel Spaß in schnellen Ecken,
auch dank der knackigen Lenkung und solider Brembo-Bremsen.
Das ESP ist
toleranter ausgelegt als in den zivilen Clios und lässt sich auch ganz
abschalten.Alltag: Ohne Rauch geht's auch
Wie in dieser Klasse üblich, ist der Clio Gordini R.S. auch abseits schneller Kehren am Wochenende und dem gelegentlichen Ausflug auf einen Handling-Kurs ein dienstbarer Begleiter. Vom Raumangebot ist er völlig Clio, also recht üppig dimensioniert, ohne aus seiner Klasse auszubrechen. Vorne sitzt man hervorragend, hinten geht's ein bissl enger zu. Den Einstieg in den Fond sollte man seiner Großmutter eher nicht zumuten. Der Kofferraum ist mit 288 Liter okay, das Umklappen der Fondsitze funktioniert proper, der sich dann ergebende Laderaum ist zwar nicht ganz eben, aber erstaunlich geräumig. Die Sensation ergibt sich aber beim Fahren: Der Clio Gordini besitzt nämlich gerade den richtigen Grad an Gereiztheit, um flockig durch den Alltag zu fahren. Man spürt die Kraft auch bei niedrigen Drehzahlen durch ein spontanes Ansprechverhalten; dennoch sind ihm Unartigkeiten wie Ruckeln oder Verschlucken fremd.
Das Resümee: Viel Sport für Herz und Auge
Der Gordini ist die konsequente und richtige Fortsetzung in der Ahnengalerie sportlicher Renaults. Liebevoll umgesetzt bis ins Detail ist allein der Anblick zum Niederknien, dazu kommt noch eine prallvolle Ausstattung mit allem, was das Autofahren luxuriöser und angenehmer macht. Seiner Rolle als Sportauto wird er dank einer feinsinnigen Abstimmung des Gesamtpakets gerecht; vor allem das Fahrwerk ist best in class. Der Motor nach traditionellem Schnittmuster fügt sich in dieses Arrangement, kann aber nicht verhehlen, dass er schon ein Ablaufdatum trägt. Die Faszination für die fette Power von 201 PS bleibt dadurch freilich ungebrochen.
von Peter Schönlaub, autonet.at