Ein Ringwadennetz wird eingeholt
Eigentlich gehört die Fischerei mit Ringwadennetzen zu den selektiven und umweltschonenden Fischfangmethoden. Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) liegt ihre Beifangrate, der unbeabsichtigte Fang von Nichtzielarten wie Haien, Meeresschildkröten oder Delfinen, mit etwa 5 Prozent Anteil an der Gesamtfangmenge unter der weltweiten Durchschnittsbeifangrate aller Fischereimethoden von 8 Prozent. In einer Meeresregion jedoch, im Tropischen Ostpazifik, der sich ungefähr von San Diego westlich bis nach Hawaii und südlich bis zur Küste Perus erstreckt, sorgte die Ringwadennetzfischerei für die größte Massenvernichtung von Meeressäugern in der Geschichte der Menschheit: Im Zeitraum der späten 1950er Jahre bis Anfang der 1990er Jahre vernichteten Ringwadennetzfischer hier mehr als 7 Millionen Delfine als Beifang beim Thunfischfang.
Ein Netz wird zur Tasche
Die Ringwade ist, wie der Name vermuten lässt, ein ringförmiges Netz, das von einem schnellen Beiboot aus gezielt um einen kompletten Fischschwarm gezogen wird und in bis zu 200 Meter Tiefe reichen kann. Ist der Ring geschlossen, wird er vom Mutterschiff aus unten zugezogen, so dass die in der Wassersäule befindlichen Fische, wie in einer gewaltigen Netztasche, ringsum eingeschlossen sind. Anschließend wird das Netz über einen Ausleger vom Mutterschiff eingeholt. Zielfischarten sind insbesondere verschiedene Thunfischarten sowie andere wertvolle Speisefische. Trotz ihrer hohen Selektivität, es wird nicht nach dem Zufallsprinzip gefischt, wie dies bei vielen anderen Fischereimethoden (Treibnetze, Langleinen, pelagische Schleppnetzfischerei, Grundschleppnetzfischerei) der Fall ist, können Ringwaden die Reproduktionsfähigkeit stark befischter Arten gefährden. Mit dem Fang eines kompletten Schwarms werden auch alle Jungtiere dem Ökosystem entnommen, für sie gibt es keine Vermehrungschance, die Nachwuchsgeneration des Schwarms ist für immer verloren.
Die größte Massenvernichtung von Meeressäugern
Im Tropischen Ostpazifik jedoch richteten Rindwadennetze ein Beifang-Massaker unvorstellbaren Ausmaßes an und tun dies zum Teil auch heute noch. Speziell in dieser Meeresregion gibt es ein bislang nur unzureichend erklärtes biologisches Phänomen: Die begehrten Gelbflossenthunfische (Thunnus albacares) haben sich mit Schlankdelfinen (Stenella attenuata) und Spinnerdelfinen (Stenella longirostris) vergesellschaftet. Unter einer an der Wasseroberfläche schwimmenden Delfinschule schwimmt mit großer Wahrscheinlichkeit in bis zu 150 m Tiefe auch ein Thunfischschwarm.
Die sonderbare Vergesellschaftung von Fisch und Meeressäuger geriet für beide beginnend ab den späten 1950er Jahren zum tödlichen Verhängnis. Statt mühsam die Thunfischschwärme aufzuspüren, suchen Fischer nun gezielt nach Delfinschulen, neben Schnellbooten kommen dabei sogar Hubschrauber zum Einsatz, eine mehr als lukrative Beute rechtfertigt den enormen Aufwand. Natürlich lassen sich die meist an der Wasseroberfläche schwimmenden Meeressäuger viel leichter finden als ein Fischschwarm. Kurzerhand wird die Delfinschule mit der Ringwade eingekreist und samt dem darunter befindlichen Thunfischschwarm abgefischt. Auf diese Weise sollen nach Angaben des US-amerikanischen Earth Island Institute (EII) allein beim Thunfischfang bis Anfang der 1990er Jahre mehr als 7 Millionen Delfine im Tropischen Ostpazifik getötet worden sein.
Widerstand formiert sich – mit Erfolg
Nachdem unter Lebensgefahr gedrehte Undercover-Filmaufnahmen über die Flipper-Massaker in den USA veröffentlicht wurden und ein Aufschrei durch die amerikanische Öffentlichkeit ging, konnte das EII im Jahr 1986 endlich mit dem notwendigen Druck gegen die Ringwadennetzfischerei im Tropischen Ostpazifik vorgehen. Konsumentenboykotte führten zu derart drastischen Umsatzeinbußen bei Dosenthunfischware in den USA, dass sich große Thunfischimporteure wie „Star Kist", „Bumblebee" oder „Chicken of the Sea" im Jahr 1990 schließlich gezwungen sahen, vom EII aufgestellte Richtlinien für „delfinsicher" gefangenen Thunfisch zu akzeptieren. Die US-Importeure verpflichteten sich, keinen Thunfisch mehr einzuführen, der durch Jagen und Umkreisen von Delfinschulen mit Ringwadennetzen gefangen wurde. Im gleichen Jahr verschärfte der US-Kongress den seit 1972 bestehenden ''Marine Mammal Protection Act'' (MMPA) und legte die Richtlinien des EII für „delfinsicher" gefangenen Thunfisch als legalen Standard fest, Ware von Delfinschulen jagenden Thunfischfängern war in den USA damit nicht mehr verkäuflich.
Die Fischer geben nicht auf
Doch so leicht gab die für das Fischereimanagement im Tropischen Ostpazifik zuständige Inter-American Tropical Tuna Commission (IATTC) nicht auf. Delfine sollten weiter sterben dürfen, nur nicht mehr so viele. Mit dem 1992 verabschiedeten „La Jolla Agreement", wurde eine kontinuierliche Reduzierung der Delfinbeifänge durch die Festlegung von erlaubten Sterblichkeitsraten verankert. Ausgehend von 19 500 getöteten Delfinen im Jahr 1993 sank die Quote auf unter 5000 im Jahr 1999. Nach Angaben der IATTC lag die Delfinbeifangrate der im Tropischen Ostpazifik operierenden Ringwadennetzfischereiflotten 2006 bei 900 oder etwa 0,01 Prozent der geschätzten Populationsgröße der betroffenen Delfinarten. Doch die Dunkelziffer ist hoch und die Beobachter auf den Fangschiffen machen für einen entsprechenden Obolus gerne auch mal beide Augen zu.
Delfinbestände erholen sich nicht
Technisch wird die Reduzierung der Delfin-Beifangrate dadurch erreicht, dass die beim Einsatz der Ringwade gefangene Delfinschule nach dem Zusammenschluss des Netzkreises wieder freigelassen wird. Wissenschaftliche Untersuchungen der Fischereiabteilung der Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten, (National Oceanic and Atmospheric Administration), und des Blue Ocean Institute zeigen jedoch, dass sich trotz des Einsatzes dieser alternativen Fangmethode die
Delfinbestände nicht erholt haben. Die Wissenschaftler führen dies darauf zurück, dass während der Jagd der Ringwadennetzfischer auf die Delfinschulen Mütter von ihren Kälbern getrennt werden, die auf sich allein gestellt keine Überlebenschance haben. Hinzu kommt der enorme Stress durch wiederholtes Einkreisen und Freilassen ein und derselben Delfinschule.
Ein „delfintödliches" Thunfischlabel
Um die scharfen US-Regeln für die Einfuhr von „delfinfreundlich" gefangenem Thunfisch zu umgehen, hob die IATTC 2001 das „Agreement on the International Dolphin Conservation Programm" (AIDCP) aus der Taufe mit einem eigenen „Dolphin Safe-Label". Internationale Naturschutzorganisationen wie das EII lehnen dieses Label als „Death Certificate for Dolphins" ab, da es eine Delfin-Todesquote toleriert. Mehrfach versuchte die US-Administration unter den Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush den „Marine Mammal Protection Act" zu ändern, scheiterte aber jedes Mal damit vor Gericht. Mit dem AIDCP-Label ausgezeichnete Dosenthunfischware darf in den USA nach wie vor nicht verkauft werden.
Die EU hinkt wie so oft hinterher
Im Gegensatz zur Situation in den USA ist die Einfuhr von mit dem AIDCP-Label ausgezeichneter Dosenthunfischware in die EU nicht nur nicht verboten, die EU hat dieses Label sogar 2003 offiziell anerkannt.
Freiwilliges Kontrollprogramm für wirklich „delfinsicheren" Thunfisch
In Deutschland und anderen EU-Staaten existiert eine Vereinbarung zwischen großen Teilen der Thunfischindustrie und dem EII, unter den Bedingungen der IATTC mit Ringwaden im Tropischen Ostpazifik gefangenen Thunfisch nicht zu verarbeiten und einzuführen. Diese Vereinbarung wird von der deutschen Partnerorganisation des EII, der
Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V., in Deutschland überwacht. Für die Kontrolle in den übrigen EU-Mitgliedsstaaten kümmert sich die vom EII gegründete „European Dolphin Safe Monitoring Organisation".
SAFE – Für das Leben in den Meeren
Dem EII und seinen Partnerorganisationen ist es zu verdanken, dass die Ringwadennetzfischerei nicht schon längst alle Delfine im Tropischen Ostpazifik ausgerottet hat. Unter dem eigenen
Label SAFE, das auch andere „delfin-tödliche" Fischereimethoden wie die Treibnetzfischerei verbietet, firmieren mittlerweile weltweit fast 400 in den internationalen Thunfischhandel involvierte Firmen aus mehr als 50 Ländern. Alle haben sich vertraglich zur Einhaltung der SAFE-Kriterien verpflichtet, die vom Fangschiff bis zum Supermarktregal eingehalten werden müssen. SAFE ist damit eines der größten nichtstaatlichen Lebensmittel-Kontrollprogramme und das umfassendste
Programm zum Erhalt der Biodiversität in den Meeren.
Ulrich Karlowski