Langleinen-Fischerei
Zu Anfangs stand die Hoffnung, mit der Einführung der Langleinenfischerei eine effektive und selektive Fangtechnik gefunden zu haben. Was folgte war Ernüchterung und heftige Kritik. Die Langleinenfischerei hat heute massiven Anteil an der Überfischung der Weltmeere und reißt dabei zahlreiche Nichtzielarten mit in den Abgrund.Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) von 2005 lag die Beifangrate in der Langleinenfischerei bei durchschnittlich ca. 20 Prozent der Gesamtfangmenge. Zahlreiche Naturschutzorganisationen prangern sie als eine der größten Bedrohungen für Haie und Rochen sowie für Nichtzielfischarten wie Albatrosse, Fregattvögel oder Meeresschildkröten an. Hinzu kommt die mittlerweile starke Überfischung der Zielfischarten wie beim Schwarzen Seehecht (Dissostichus eleginoides) im Südpolarmeer oder beim Roten Thunfisch (Thunnus thynnus) im Mittelmeer, insbesondere durch illegal operierende Piratenfischer. Beide Arten sind mittlerweile fast ausgerottet.
Zielfischarten
Zielfischarten sind Schwarzer Seehecht, verschiedene Thunfischarten, Kabeljau (Gadus morhua), Schwertfisch (Xiphias gladius), Heilbutt (Hippoglossus hippoglossus), Mahimahi (Dolphin Fish oder Goldmakrelen), Haie und andere, zumeist wertvolle Speisefischarten. Vorteile dieser Fischereimethode sind die im Vergleich zum Fang mit Netzen geringen Beschädigungen der Zielfische, und dass der Meeresboden nicht beschädigt oder zerstört wird, wie dies z.B. beim Einsatz von Grundschleppnetzen oder Baumkurren der Fall ist. Die Langleinenfischerei ist vor allem in den Gewässern der Südhalbkugel sehr verbreitet, kommt aber auch in der Nordsee beim Fang von Kabeljau und in der Ostsee beim Dorsch- und Aalfang zum Einsatz.
Techniken der Langleinenfischerei
Bei der Langleinen-Fischerei werden an einer aus Kunststoff gefertigten Hauptleine (auch Grundleine oder Mutterleine genannt) unzählige mit Köderhaken versehene Nebenleinen ausgelegt. Das gesamte Fanggerät kann eine Länge von bis zu 130 Kilometern ereichen und mit mehr als 20.000 Köderhaken ausgerüstet sein. Als Köder kommen Makrelen oder Tintenfische zum Einsatz. Fischer aus Peru benutzen sogar Delfinfleisch als Köder bei der gezielten Hai-Langleinenfischerei.

Es gibt es zwei grundverschiedene Einsatzformen der Langleinenfischerei: die pelagische und die Grundfisch- Langleinenfischerei. Pelagische oder halbpelagische Langleinen werden von den Fangschiffen an oder nahe der Wasseroberfläche ausgebracht, dann lässt man sie treiben. Mittels an Bojen befindlichen Radio-Transmittern ist es den Fischern später möglich, das Fanggerät wiederzufinden und einzuholen. Auf diese Weise werden vor allem große Thunfischarten oder Schwertfische gefischt. Statt an oder nahe der Wasseroberfläche treibend werden bei der Grundfisch-Langleinenfischerei die Langleinen am Meeresboden in bis zu 5 000 Metern Tiefe versenkt und horizontal zu diesem verlaufend verankert. Diese auch ''Grundfischerei'' genannte Technik wurde 1988 speziell zum Fang des Schwarzen Seehechts und anderer nahe oder am Meeresboden lebender Fischarten eingeführt und hat seither starke Verbreitung gefunden. Das Tor zur Befischung der von Fischereiaktivitäten bis dahin weitgehend verschont gebliebenen Tiefsee war damit aufgestoßen.
Beifang von Seevögeln

Für Seevögel, insbesondere für Albatrosse, war die Erfindung der pelagischen Langleinenfischerei ein Desaster. Die nahe der Wasseroberfläche während des Setzens der Leinen ausgebrachten Köder ziehen sie auf der Suche nach Nahrung magisch an. Sie verhaken sich und werden beim Absinken der Leine ertränkt. Nach Schätzungen von BirdLife International muss man auf 2.500 Haken mindestens einen toten Albatross rechnen.
Bei jährlich schätzungsweise 200 Millionen ausgebrachten Haken, sind mittlerweile alle 21 Albatrossarten gefährdet oder akut vom Aussterben bedroht. Nahezu ausgerottet ist bereits der Amsterdaminsel-Albatros (Diomedea amsterdamensis), von dem nur noch knapp über 100 Exemplare existieren. Umweltorganisationen schätzen, dass in allen Weltmeeren jährlich 300 000 dieser prachtvollen Seevögel bei der Langleinenfischerei jämmerlich ertränkt und getötet werden.
Haie und Rochen

Haie werden sowohl gezielt befischt aber auch, wie Rochen, als unbeabsichtigter Beifang getötet. Nach einer Studie des WWF vom Juli 2007 sollen allein im Südostatlantik jährlich sieben Millionen Haie und Rochen als Beifang bei der Langleinenfischerei auf Thunfisch, Schwertfisch und Seehechte verenden, darunter ca. 5,5 Millionen Blauhaie (Prionace glauca) und ca. 1,1 Millionen der bedrohten Makohaie (Isurus oxyrinchus). Allerdings sei die Dunkelziffer, laut WWF, wegen der illegalen Fischerei hoch. Allein durch die Langleinen-Fischerei sollen heute etwa 20 % aller Haiarten vom Aussterben bedroht sein.
Meeresschildkröten

Besonders Lederschildkröten (Dermochelys coriacea), die Unechte Karettschildkröten (Caretta caretta) und Echte Karettschildkröten (Eretmochelys imbricata) sind durch die Langleinenfischerei gefährdet. Die Schätzungen über die jährlichen Verluste gehen weit auseinander.
Im Mittelmeer soll die jährliche Beifangrate ca. 20 000 Unechte Karettschildkröten betragen, weltweit allerdings zwischen 250 000 und 400 000 liegen. Die Tiere sterben an Verletzungen, die ihnen die Haken zufügen oder sie ertrinken, weil sie sich nicht mehr von ihnen befreien können.
Es geht auch anders
Durch verschiedene Modifikationen am Fischereigerät können die hohen Beifangraten bei der Langleinenfischerei drastisch gesenkt werden. So ließe sich der Seevogelbeifang sehr leicht vermeiden, da diese sich in der Regel beim ''Schießen'' der Leinen auf die Köder stürzen. Werden die Leinen durch ein bis in etwa 10 Meter Wassertiefe reichendes Rohr geschossen, können Albatrosse oder Fregattvögel nicht nach den Ködern tauchen. Eine andere Methode sind so genannte ''Vogelscheuchen-Leinen'' bei denen farbige Bänder die Vögel abschrecken. Diese Methode ist in Südafrika beim Einsatz von pelagischen Langleinen bereits vorgeschrieben, wird aber nur unzureichend angewandt.,
Dass Schutzmaßnahmen den Seevogelbeifang bei der Langleinenfischerei deutlich senken können, beweist die Situation der überwachten und regulierten Langleinenfischerei in der Antarktis. Bereits 1991 wurden Modifikationen am Fischereigerät von der Convention for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources (CCAMLR) eingeführt. Daraufhin sank die Seevogel-Beifangrate um 90 Prozent und in 2007 gab es in der Antarktis zum zweiten Mal in Folge keine Albatross-Beifänge. Vergleichbare Maßnahmen wurden im November 2007 von der Kommission zum Schutz des Atlantischen Thunfisch (ICCAT), der die Fischereiflotten der EU sowie die 44 weiterer Nationen angehören, sowie kurz darauf von der Fischereikommission für den Westlichen und Zentralen Pazifik (WCPFC), der die EU sowie 24 weitere Fischereinationen angehören, verabschiedet. Problematisch bleiben allerdings die in allen, auch in antarktischen, Gewässern operierenden Piratenfischer, ihnen geht es nur um eine möglichst große Beute ohne Rücksicht auf Beifangverluste.

Der Beifang von Meeresschildkröten lässt sich durch spezielle Rundhaken um 90 Prozent reduzieren, ohne dass dabei weniger Fisch gefangen wird. Ein oberhalb der Haken angebrachter Magnet schreckt Haie ab und könnte deren Beifangrate deutlich senken. Das Setzen beköderter Langleinen in Tiefen ab 100 Metern beim Thunfischfang im tropischen Ostpazifik würde sowohl den Beifang von Haien und Rochen als auch den von Meeresschildkröten minimieren, da diese meist an Haken oberhalb von 100 Metern Tiefe gehen, während Thunfische in Tiefen unterhalb von 100 Metern gefangen werden. Diese Methode wird erfolgreich von der Fischereiabteilung der Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten (NOAA) in US-Gewässern getestet.
Für viele Meerestierarten dürften diese technischen Verbesserungen und die von den regionalen Fischereikommissionen veranlassten Reformen allerdings zu spät kommen, zumal es noch immer kaum ernsthafte Anstrengungen gegen die ausufernde Piratenfischerei gibt.
Ulrich Karlowski
www.naturenews.de