Renee Ossowski, Projektmanagementtrainer
Raus aus dem Büro, rein in den Seminarraum! Ist man wirklich schon im Seminar oder noch am Schreibtisch im Büro?In die neue Gedankenumwelt eines Seminars umzuswitchen, stellt für viele Seminarteilnehmer ein Problem dar. Die tägliche Routine der Anfahrt zum eigenen Unternehmen lässt nicht das Gefühl aufkommen: "Heute ist ein besonderer Tag. Mein Seminar für Projektmanagement beginnt".
Im Gegenteil, man fährt etwas früher von zu Hause los, da liegt ja noch Arbeit auf dem Schreibtisch, die muß vor Seminarbeginn noch erledigt werden.
Die Vorlaufzeit reicht aber nicht aus. Man hetzt in den Seminarraum, kommt fast noch pünktlich, nur der Trainer hat sich schon vorgestellt. "Macht ja nichts, ich kann ja mal auf seiner Website nachsehen".
Das Handy wird auf lautlos gestellt. Schon 10 Minuten später vibriert es in der Hosentasche. Ein Blick aufs Display bringt Frust: "Muß der Müller von der Konstruktion mich jetzt anrufen, der weiß doch daß ich im Seminar sitze"! Man eilt fast lautlos vor die Tür, nur Herr Meier wurde leicht angerempelt und ließ den Bleistift ebenso fast lautlos fallen.
"Ja - Müller was gibts denn schon wieder, Du weißt doch, daß ich im Seminar bin!?" Die Tür öffnet sich zum zweiten Mal, Paul kommt raus, Handy am Ohr, ebenfalls leicht genervt. Gut daß die Gruppe aus 5 Teilnehmern besteht, sonst verfiele der Trainer in Selbstzweifel an seiner Daseinsberechtigung.
2. Seminartag. Ähnliche Atmosphäre wie am 1. Tag. Der Trainer fragt nach Fragen der Teilnehmer. Keine Fragen. Der Trainer fragt selbst, um den Vortag wiederholend zu frequentieren. Kaum Antworten.
Paul meldet sich. "Ich war gestern nur im Stress. Morgens gleich zwei Kundentelefonate während des Seminars. Dann in den Pausen musste ich mich noch um das Projekt von Herrn Kohl kümmern, der ist krank. Sogar nach Seminarende hatte ich noch 2 Stunden zu tun. Dann erwarten Sie von mir noch Restbestände der gestrigen Inhalte des Seminars zu erläutern." Frust macht sich breit.
AuswirkungenUnternehmen sollten mit jeder Weiterbildung ihrer Mitarbeiter einen gewissen Return on Investment verbinden. Nicht nur die Seminarkosten schlagen zu Buche, auch die Fehlzeiten und der folgende Frustrationsgrad der Teilnehmer müssen als Investition verbucht werden. Ein Mitarbeiter der nichts mitnimmt aus einem Seminar, sich in Konsequenz mit den neuen Methoden oder der neuen Software überfordert fühlt, wird weniger motiviert sein diese Skills weiter zu forcieren, als vor dem Seminar. Außerdem kann es zu Blockadehaltungen kommen, die auch andere Mitarbeiter beeinflussen.
AlternativenJede Weiterbildung sollte außerhalb der eigenen Mauern stattfinden. Sicherlich bietet Deutschland selbst viele geeignete Seminarstätten, die über ein optimales Ambiente verfügen. Aber warum nicht den Mitarbeiter ganz aus dem gewohnten Umfeld herauslösen, um sich in eine vollkommen losgelöste Gefühlslage zu manövrieren. Warum nicht einen Tag vorher in einer angenehmen Mittelmeeratmosphäre die anderen Teilnehmer kennenlernen? Warum nicht die Wahrscheinlichkeit einer Schönwetterlage signifikant erhöhen?
Wer den Unterschied zwischen einer Weiterbildung in der gewohnten Umgebung und eine vollkommen anderen, konstruktiven Umgebung einmal erlebt hat, wird die Vorteile zu schätzen wissen.
Und die Kosten?Ein Flug nach Malta z.B. dauert unter 2 Stunden und ergibt mit den sonstigen Reisekosten in der Regel einen geringeren Endpreis als in Deutschland. Ihre Mitarbeiter werden es Ihnen danken und der Return on Investment deutliche Worte sprechen.
Und noch ein Tipp: Nehmen Sie Ihren Leuten vorher die Handys ab.
Renee Ossowki