Erfolg eines Internatsaufenthalts
Probleme im Internat. Gerade hat ein Schülervater gegenüber einem anderen seiner Unzufriedenheit mit den dortigen Zuständen lautstark Luft gemacht. Der fragt nur: „Haben Sie ein schwieriges Kind?" Der Unzufriedene zögert mit der Antwort. „Haben Sie ein schwieriges Kind?", insistiert sein Gegenüber. Als der andere schließlich mit dem Kopf nickt, erhält er den Rat: „Dann müssen Sie den Mund halten und zahlen!"
Eine typische Szene aus dem Alltag des Landerziehungsheims, in dem ich vor dreißig Jahren meine pädagogische Laufbahn begann. Schwierige Kinder gibt es in den Internaten immer noch mehr als genug; wie mir scheinen will, sogar schwierigere als jemals zuvor. Aber die Einstellung der Eltern hat sich erheblich verändert.
Defizite der Kinder und eigene Erziehungsfehler werden den Schulen und Internaten angelastet
„Die Schüler, die sich hier zum Mittagessen in der Kantine des Salem International College treffen", heißt es in einem NDR-Feature aus dem Jahr 2002, „unterscheiden sich nicht unbedingt von ihren Altersgenossen in staatlichen Schulen. Auch hier beklagt man mangelnde Ausdauer der Schüler, die häufig aber der Schule angelastet wird. Was dazu führt, dass viele Kinder mittlerweile nicht mehr nur ein Internat in ihrem Leben besuchen...".
Die Bonner Kulturpsychologen Herbert Fitzek und Michael Ley stellen in einer Untersuchung mit dem Untertitel „Über Internatserziehung im Blick der Eltern" (Bonn 2005) fest:
„Darüber hinaus wird in den Interviews aber auch deutlich, dass die Eltern der Ansicht sind, die Internate könnten ihre schlimmen Kinder in relativ kurzer Zeit in anständige und ehrbare Mitglieder der Gesellschaft verwandeln: Wenn die Kinder am Wochenende nach Hause kommen, achtet man beispielsweise sehr genau darauf, ob die Sprösslinge gelernt haben, pünktlich aufzustehen, ihr Zimmer aufzuräumen oder die Wäsche zu waschen. Wo Änderungen zum Besseren ausbleiben, wird das in der Regel nicht mit eigenen Erziehungsfehlern zusammengebracht, sondern den Internaten als Versagen angekreidet."
Die Kundschaft der Internate ist heute von resignativer Demut weit entfernt. In den Internatsschulen und Schülerheimen sammeln sich die Unzufriedenen aus der öffentlichen Schule. Gute Noten des eigenen Kindes hielt man für die Bringschuld einer „guten Schule", nicht etwa für das Ergebnis von Begabung und Anstrengungsbereit-schaft. Was das kostenlose staatliche Bildungssystem nicht „geleistet" hat, erwartet man jetzt um so vehementer von der privaten Bezahlschule, dem teuren Internat. Ihre Lehrer und Erzieher sollen begeistern, motivieren, bespaßen usw., so dass über viele Jahre verfestigte Persönlichkeitsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwie-rigkeiten dahinschmelzen wie Butter an der Sonne.
Nun klappt es also wieder nicht. Dabei hörte sich doch alles so gut an: Kleinere Klassen, engagiertere Lehrer, die tägliche Haus-aufgabenbetreuung am Nachmittag, der Spaßausgleich durch viele schöne Freizeit-angebote.
Internate bieten nicht nur Chancen
Sicherlich: Internate „bieten Chancen", wie es so schön in der Werbung heißt. Aber sie haben auch einen „heimlichen Lehrplan", der weder in Hochglanzprospekten noch in effektvollen Internet-Repräsentanzen zu finden ist. Niemand - am wenigsten die Unzufriedenen aus der Staatsschule - scheint sich z.B. Gedanken darüber zu machen, wie es sich auswirkt, wenn in der kleinen Klasse des Internats nun plötzlich alle diejenigen zusammenkommen, die schon früh durch schlechte Leistungen und/oder inakzeptables Sozialverhalten auf- gefallen sind.
Das Zusammenleben vieler junger Menschen - nicht selten beiderlei Geschlechts und unter Umständen sogar Tür an Tür in gemischten Wohngruppen - entfaltet zwangsläufig eine unerwartete Eigendynamik, ähnlich dem, was sich häufig auf Klassenfahrten abspielt.
Ohnehin verbinden die Kinder mit dem Wechsel ins Internat oft ganz andere Erwartungen als ihre Sorgeberechtigten. Die Jungen denken ans Party-Machen oder an erleichterte Kontakte zum anderen Geschlecht, die Alten an Zucht und Ordnung. Es ist kein Geheimnis, dass Kinder und Jugendliche im Internat zumeist mehr Freiheiten genießen als im Elternhaus und dass dort auch nicht gerade das herrscht, was man mit Recht eine „konzentrierte und disziplinierte Arbeitsatmosphäre" nennen könnte. So werden die Noten im Internat oft noch schlechter. Zu den Problemen, die man bereits zu Hause hatte, kommen noch die, die man ohne Internat vermutlich nie gehabt hätte.
In solchen Situationen neigen die enttäuschten Eltern dazu, die „zugesicherten Leistungen" des Internatsvertrags auf Punkt und Komma einzufordern. Penibel sucht man nun nach jeder ausgefallenen Unterrichts- oder Nachhilfestunde, rügt jede unwirsche Bemerkung eines Pädagogen, die eine seelischen Verletzung des eigenen Nach-wuchses bewirkt haben könnte.
Vollkommen aus dem Blickfeld gerät hierbei die simple Tatsache, dass der Internatsvertrag keine Erfolgsgarantie enthält, ja dass das Risiko eines Scheiterns des Kindes im Internat laut höchstrichterlichem Spruch einseitig bei den Eltern liegt, weil zu unterstellen ist, dass diese die Internatseignung ihres Kindes weit besser beurteilen können als dies dem Internat durch selbst das ausgeklügelteste Aufnahmever-fahren möglich wäre.
Ob die pädagogischen Angebote des Internats bei dem einzelnen Aufnahmekan-didaten wirksam werden, ist in hohem Maße an bestimmte Voraussetzungen und Eigen-schaften gebunden, die dieser eben auch mitbringen sollte. Hierzu gehören so elementare Dinge wie die Eignung für die gewählte Schulform, eine realistische Selbsteinschätzung z.B. bei der Auswahl von Leistungskurs-Fächern oder die Bereitschaft, sich auf die gebotene Unterstützung aktiv und kooperativ einzulassen. Gegen seinen Willen ist niemandem zu helfen. Und auch das beste Internat wird kaum auszugleichen können, was an kognitiver und sozialer Intelligenz, Selbstdisziplin und kritischer Selbstreflexion oder an charakterlicher Gradlinigkeit und Zuverlässigkeit fehlt.
Unrealistische Erwartungshaltung der Eltern auch Schuld der Internatswerbung
Natürlich tragen die Internate eine gewisse Mitschuld an der überzogenen Erwartungshaltung ihrer Klientel. Viel zu selten weisen sie öffentlich darauf hin, dass auch die Mittel der Internatspädagogik begrenzt sind, dass auch im Internat nur mit Wasser gekocht wird. Man lässt es sich gern gefallen, dass die Medien Einzelfälle mächenhafter Wandlungen und Entwicklungen, die es tatsächlich ja geben mag, so präsentieren, als handele es sich hier um Beispiele aus dem gewöhnlichen Internatsalltag. Würden auch die Fälle tragischen Scheiterns, für die es eben auch genügend Belege gibt, in Presseberichten und TV-Beiträgen gleichermaßen verallgemeinert - niemand würde vermutlich sein Kind noch einem Internat anvertrauen!
Die beste Garantie für den Erfolg eines Internatsaufenthalts liegt in einer nüchternen Einschätzung des Betreuungsbedarfs, der sich aus der Situation des/der zukünftigen Internatsschülers/Internatsschülerin ergibt. Dabei sollte das, was das Internat leisten soll, in einem angemessenen Verhältnis zu dem stehen, was man selbst (sich) leisten kann. Gemeint ist hier - neben den Eigenschaften des Schülers/ der Schülerin - nicht zuletzt auch der finanzielle Aspekt. Wer wenig Geld zur Verfügung hat, ist oft besser beraten, dieses in eine tägliche Hausaufgaben-betreuung durch einen auf eigene Kosten engagierten Privatlehrer zu investieren, anstatt ein preiswertes Internat auszuwählen, das zwar Kost und Logis in akzeptabler Qualität bieten kann, nicht aber die intensive und individuelle schulische Begleitung, die etwa ein Kind mit Lern-, Konzentrations- oder Motivationsproblemen unter Umständen benötigt.