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Neandertaler: Kein Urahn des modernen Menschen

Autor: karlowski | Erstellt am: 29.10.2008 | Gelesen: 7054
Kategorie: Wissenschaft - Forschung & Technik | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Genforscher bestätigen, dass der Ursprung des Menschen in Afrika liegt.

Neandertaler
Neandertaler
Vor 300 000 Jahren tauchten sie zum ersten Mal in Europa auf. Sie waren groß, muskulös, hatten Hände, mächtig wie ein Gorilla, und breiteten sich von Spanien bis nach Usbekistan aus. Erst hielt man sie für tumbe, Keulen schwingende Steinzeit-Rambos, dann wandelte sich das Bild hin zu einem weit entwickelten Menschen mit Steinwerkzeugen und Bestattungsriten. Vor 30 000 Jahren verschwanden sie wieder, um erst 1856 im Neandertal bei Düsseldorf in Form eines Skeletts wieder aufzutauchen. So erhielten sie ihren Namen: Neandertaler. Mehr als 400 Fossilfunde und Skelette von ihnen wurden später in Europa und dem Nahen Osten gefunden.

Die Frage ob der Ur-Europäer mit der fliehenden Stirn zu unseren Stammvätern zählt oder nicht, spaltete die Wissenschaft weit über 150 Jahre in zwei Lager. Der „Homo Neanderthalensis", ein Urmensch, der nicht nur wesentlich friedfertiger als wir gewesen sein soll, sondern im Vergleich mit uns auch ein größeres Hirnvolumen hatte, gilt vielen als ungemein sympathisch. Ob aber tatsächlich Neandertalerblut in unseren Adern fließt und der Steinzeitmensch einer unserer direkten Vorfahren ist, konnte weder schlüssig erhärtet, noch eindeutig ausgeschlossen werden.

Doch nachdem es Forschern im Februar 1999 erstmals und später nochmals 2006 gelang, Neandertaler-Erbsubstanz zu analysieren und mit der unsrigen zu vergleichen, hieß es „Abschied nehmen" der Vorstellung, dass die mächtigen Ur-Menschen irgend etwas mit der heutigen Weltbevölkerung zu tun haben. Dennoch bleiben Zweifel, ob diese Menschenart wirklich nichts weiter als ein spurlos im Strom der Zeit verschwundener Seitenzweig der Evolution ist.

Lange stritten sich die Wissenschaftler darum, ob der moderne Vorfahr des Homo Sapiens, der „Cro-Magnon-Mensch", der vor 100 000 Jahren von Afrika aus Europa besiedelte, sich mit den Neandertalern vermischt hat oder nicht oder ob er sie aufgrund seiner ausgeprägteren Aggressivität ausrotte. Urgeschichtler wie der Neuwieder Archäologe Prof. Gerhard Bosinski oder Professor Milford Wolpoff von der Universität Michigan (USA) zum Beispiel vertraten die These, dass es zwischen Neandertalern und „Homo Sapiens" keine prinzipiellen Unterschiede gibt und es zu Vermischungen gekommen sein muss, der Neandertaler also nur eine Station in der Evolution des Menschen gewesen sei.

Andere Forscher wiederum, wie Professor Christian Stringer vom Nationalhistorischen Museum London, behaupteten aufgrund von Studien an fossilen Funden, dass sich der moderne Europäer unabhängig vom Neandertaler in Afrika entwickelt hat und es während ihrer parallelen 10 000 bis 50 000 jährigen Co-Existenz in Europa zu keiner Annäherung gekommen sei. Diese „Out of Africa-Theorie" wurde durch die Ergebnisse des Forscherteams um Professor Svante Pääbo von der Ludwig-Maximilians-Universität München gestützt. In einer vierjährigen Forschungsarbeit analysierten sie die Erbsubstanz eines Neandertalers und verglichen sie mit der des modernen Menschen. Während zwei beliebig ausgewählte neuzeitliche Menschen etwa 8 Unterschiede in einem Genabschnitt aufweisen, fand man zwischen Neandertaler und uns ganze 26 Verschiedenheiten. Nach Meinung der Wissenschaftler genug, um den Steinzeit-Muskelprotz gleich ganz aus unserer Ahnengalerie zu streichen. „Nun sei eine Antwort auf eine der markantesten Fragestellungen der Vorgeschichtsforschung gegeben worden", bewertete der Projektleiter, der Bonner Urgeschichtler Ralf W. Schmitz, das Ergebnis.

In seinem Münchner Labor untersuchte Svente Pääbo die mit mindestens 30 000 Jahren bis dahin älteste menschliche Erbsubstanz. Sie stammte aus genau dem Skelett, das bei Düsseldorf gefunden wurde. Ganze 5 Gramm einer Knochen-Halbscheibe des rechten Oberarmes standen den Forschern zur Verfügung. Doch nur in einem Zehntel der Probe war überhaupt noch urzeitliche Erbsubstanz vorhanden und davon auch noch viel zu wenig. Um die für eine Analyse notwendige Menge zu erhalten, wurde eine molekulare Kopiermaschine eingesetzt, mit der im Reagenzglas gezielt Genabschnitte vervielfältigt werden können. Die Methode ist vom sogenannten genetischen Fingerabdruck bekannt, mit dem aus Haaren oder Blut- und Speichelresten noch gerichtsfestes Beweismaterial gewonnen werden kann.

Problem beim Nendertalerknochen: Seit seiner Entdeckung ist das Skelett durch vieler Menschen Hände gewandert, deren Hautpartikel sich ebenfalls auf dem untersuchten Material befunden haben könnten, ebenso wie Überreste von Bakterien, Pilzen oder vom Untersuchungspersonal selbst. Aufgrund penibler Reinigung der Probe und umfangreicher Kontrollen sind sich die Molekularbiologen jedoch sicher, tatsächlich nur Original Neandertaler Erbsubstanz kopiert und analysiert zu haben. Nach den Ergebnissen aus München sind die genetischen Unterschiede zu den modernen Menschen zu groß, als dass von einer Verwandtschaft noch ausgegangen werden kann.

Hochrechnungen bestimmter Merkmale in den Erbinformationen hätten zudem gezeigt, dass sich die Entwicklungswege von Neandertalern und unseren afrikanischen Vorfahren bereits vor gut 600 000 Jahren getrennt hätten. Von da an haben sich sie aus einem letzten gemeinsamen Vorfahren unabhängig voneinander entwickelt, bis es zu dem bis heute rätselhaften Zusammentreffen in Europa kam, welches die Neandertaler nicht überlebten.

Doch so ganz entschieden ist die Sache noch nicht. Vielleicht hat ein anderer Neandertaler eine ganz andere, uns wiederum ähnlichere Erbsubstanz. Und was wäre, wenn man im Labor gar ein menschenähnliches Gen gefunden, dieses aber als Verunreinigung aussortiert wurde? Immerhin teilten sich die technologisch fortschrittlicheren Einwanderer aus Afrika und der körperlich weit überlegene Neandertaler für bis zu 2000 Generationen den gleichen Lebensraum, Zeit genug für eine Annäherung und Durchmischung zwischen den Steinzeitmenschen. Abgesehen von dieser Tatsache, wirkt diese These auch weitaus sympathischer als die Vorstellung, dass unsere direkten Vorfahren bei der Eroberung ihres Lebensraumes gleich einen perfekten Völkermord an den Menschen aus dem Neandertal hinlegten. Für Neandertaler-Fans bleibt noch Hoffnung.

Ulrich Karlowski
www.naturenews.de
 
 
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